Novemberkind 30.11.-0001, 00:00 Uhr 23 1

Mein Joghurt, Dein Joghurt

„Ich könnte niemals so wie Du leben“, meint meine große Schwester nach ihrem Besuch.

„Ich will bei mir zu Hause keine Rücksicht nehmen, nicht anderer Leute Dreck ertragen und meinen Namen auf Joghurtbecher schreiben müssen.“

Die WG-Erfahrung meiner Schwester beschränkt sich auf unsere ersten gemeinsamen Lebensjahre. Damals wurde ich flugs nach meiner Ankunft in ihrem (IHREM) Zimmer einquartiert. Aus Dank warf sie mich im zarten Alter von einem Jahr vom Hochbett, IHREM Hochbett, runter. Später markierte sie mit Paketband eine Grenzlinie, die das Zimmer in zwei Hälften teilte, von denen sie mir eine großzügig überließ. Als meine Eltern in den Keller zogen, wurde ein Zimmer für mich frei. So wurden meine Schwester und ich Flurnachbarn. Es soll bessere Nachbarschaftsbeziehungen gegeben haben, aber immerhin hatte nun jeder eine eigene Seite des Gartenzauns.

Ein paar Jahre drauf zog ich in die Türkei und lebte mit Tugce zusammen. Sie hatte eine nette Wohnung ohne Stil, aber mit Balkon. Wenn ich mich weit über die Brüstung beugte, konnte ich sogar an den Wohnkasernen vorbei das Meer sehen. Tugce hatte eigentlich keine Lust auf mich. Sie wohnte erst seit kurzem alleine. Nach ein paar durchquatschten Nächten nannte sie mich „canim“, mein Herz, und ich nannte sie „ablam“, große Schwester. Sie las aus meinem Kaffeesatz und prophezeite mir drei große Lieben und Zwillinge. Hätte ich meinen Namen auf einen Becher Ayran geschrieben, hätte sie mich wahrscheinlich für sehr deutsch gehalten.

Nach Tugce kam Berlin. Und mit Berlin kam die erste Studenten-WG. Schöneberg/Ecke Kreuzberg, gleich an den S-Bahn-Schienen. Jens, Kristina und 9 m² Privatsphäre waren nun mein Zuhause. Von Jens lernte ich, dass der schwarze Klumpen auf dem Küchentisch nicht in den Mülleimer, sondern in die langen Papierblättchen kam. Von Kristina lernte ich, dass in deutschen WGs Namen auf Joghurtbechern ökonomischer sind. Vor allem, wenn man mit Jens zusammen wohnt. Nach drei Monaten zog ich aus, weil Jens sich in mich verliebte.

Ich landete bei Torben, Felix und Julian. Noch bei meinem Abschied nach anderthalb Jahren verwechselte ich ihre Namen. Dafür verstand ich mich bestens mit Trixie, Julians Freundin, die mich anfangs misstrauisch beäugt hatte und mir später alle Details ihres Lebens offenbarte. Wenn sie da war, und das war oft, hatte ich sogar das Gefühl, es atmete noch jemand außer mir in unserer Wohnung. Aus Dank schaute ich mit ihr die Schwarzwaldklinik. Was meine WG-Jungs anging, kannte ich noch nicht mal ihre Augenfarbe. Felix Blick klebte, wenn wir uns zufällig im Flur begegneten, auf dem Boden; Torbens Augen kletterten nervös an den Wänden entlang. Julian wahrte aus Angst vor Trixie ohnehin Distanz. Aber immerhin war diese WG computertechnisch auf dem neuesten Stand. Und mein Fach im Kühlschrank war das zweite von unten.

Die nächste Wohngemeinschaft war eher ein Wohngesellschaft. In Landschulheimambiente. Zum Glück gab es einen Putzplan, auf dem man die Namen der aktuellen Mitbewohner nachlesen konnte. Die Frage „wohnst du auch hier?“ half außerdem bei der Unterscheidung zwischen Gästen und Gastgebern. Schließlich konnte man nicht ständig auf dem Laufenden sein, was die Belegung der 9 Zimmer anging. Das Prinzip Gemeinschaftskasse funktionierte immer bis zur Mitte des Monats. Danach zückte auch der eingefleischteste Trotzkist den Edding vor dem Kühlschrank. Das beste an dieser WG war das Dach, auf das wir durch eine Luke steigen konnten. Oben spielten wir Kirchturmspitzenraten und winkten anderen Dachbewohnern zu. Es hätte richtig schön werden können, dort, wenn die Gesellschaft etwas geselliger gewesen wäre.

Umso lustiger wurde es mit Robin. „Hotel Nairobi“ nannten wir unsere bescheidene Hütte. Weil wir ständig Besuch hatten. Norweger, Polen, Ungarn, Schweizer, Tschechen, Slowaken, Deutsche fanden auf der Durchreise ein Stück Bett bei uns. Für ein ganzes Bett reichte es nie – wir hatten ja nur zwei –, obwohl ich auf der Couch schlief. Abends backten wir Waffeln und machten Obstsalat. Nach draußen wollten wir im Dunklen nicht, aber einmal haben wir vom Fenster aus einen Raubüberfall beobachten können. Und wenn Robin und ich mal alleine waren, spielten wir Karten darum, wer den Abwasch machen musste. Mit Robin lernte ich das hygienische Standards relativ sind. Und dass es immer noch dreckiger werden kann, als man glaubt.

Nachdem die WG auf kleinstem Raum mit Robin so gut geklappt hatte, fühlte ich mich bereit für Julien. Im schicksten Pariser Stadtteil bot er mir einen Platz in seinem Studio an. Für die Miete hätte ich in Berlin das Stadtschloss wiederaufbauen lassen können. In Paris war nichts billigeres zu finden. Studio also. Studio heißt: Ein Zimmer mit integrierter Küche und angebautem Bad. Um den Himmel zu sehen, musste ich mich rücklings in den Hof lehnen und pfeilgerade nach oben schauen. Ein freundschaftliches Verhältnis baute ich zu meinen Ohrstöpseln auf, und beschloss auf ewig, niemals einen Mann zu heiraten, der schnarcht. Außerdem lernte ich durch Julien einen neuen englischen Begriff in all seiner Bedeutung kennen: to be sexiled.

Auf die Dauer war das Leben ohne Privatsphäre dann aber doch nichts und so kam ich zu Raphaelle. Raphaelle ist Künstlerin. In der Wohnung und in meinem (MEINEM) Zimmer hängen überall Fotokollagen und Bretter, die mit Stoff überzogen sind. Als Wäscheständer dient die Sprossenleiter, und der Toilettenschrank ist eine alte Weinkiste. Raphaelle ist so sehr Künstlerin, dass sie die verschimmelten Tomaten im Kühlschrank als mein neuestes Kunstwerk betrachtet. Sie mag die weichen Härchen.

Wie lange die Liste wohl noch wird, solange meine Welt in zwei Müllsäcke passt, und ich morgens entscheide, dass es abends nach Spanien geht? Ob das WG-Leben gefällt oder nicht, eines ist mir über die Jahre hinweg klar geworden: Alleine wohnen bedeutet, nie wieder sturmfrei haben.

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23 Antworten

Kommentare

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    wunderbarer text, auch ohne viel wg-erfahrung, aba irgendwann trifft es wahrscheinlich jeden von uns, vielleicht trifft man sich ja... man weíß es wirlich nie, morgen könnte jeder in spanien sein. auch ich.

    21.08.2006, 22:55 von ameiseamnordpol
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    ...ich hoffe, dass ich ein wg-typ bin...sonst wirds kriminell im herbst...=)

    04.07.2006, 01:59 von Skadi_2muc
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    also ich könnte auch nich so leben und stimme deiner schwester zu. das is einfach typabhängig...

    11.06.2006, 10:24 von kosmonautenmaedchen
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    Der letzte Satz Satz hat mir auch sehr gut gefallen. Ich wohn jetzt in meiner zweiten wg, und komme damit sehr gut klar, da man sich kennt und wir auch nur zu zweit sind. die potentiellen probleme habe ich durchaus vor augen aber kamen noch nicht vor. und den reiz des alleine lebens werde ich noch ein wenig aufschieben.

    15.05.2006, 10:36 von michaelg
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    Danke für diesen wunderbaren letzten Satz! :)

    11.05.2006, 10:40 von der_sunny
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    wunderschön!! der soll noch weitergehen, der text!

    10.05.2006, 23:09 von jennerle
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