Mehr als zehn Momente
Ihr Element ist unumstößlich das Wasser.
Aus himmelblau
wird nach schwarz nun grünlichtrüb. Da sind
viele weiße Bläschen um sie herum, von irgendwoher. Und nasse Kälte, nichts als
nasse Kälte. Sie kann
nichts hören. Und es blubbert und tönt unaufhörlich. Immer
wenn sie ihren Mund aufmachen will, spürt sie eine Enge, die ihre Kehle
verschnürt. Schlucken will auch nicht gelingen, dabei hat sie so sehr das
Bedürfnis.
An ihren Beinen zieht es schwer, ganz unerträglich schwer. Mühevoll gegen den Wasserwiderstand senkt sie ihren Kopf, um zu sehen, aber überall schäumt und sprudelt es. Nur ihre langen Haare schweben wie in Zeitlupe langsam und fast friedlich. Eine Hand schmerzt. Sie weiß erst nach Sekunden, dass es die linke ist, die klammert. Irgendwo. Mit dem freien Arm rudernd dreht sie sich im Kreis und kommt nicht los.
Ihr wird endlich bewusst, dass sie unter der Wasseroberfläche ist. Wo ist das Kanu? Ich bin im Fluss, hat sie eine Eingebung, ich muss hier raus!
Ihr
Element ist unumstößlich das Wasser. Aber
hier steigt Panik auf. Die stets
selbstverständliche Luft fehlt ihr. Sie will
weg. Nach
oben. Kaum
Sicht und das Rauschen im Kopf beunruhigen sie immer mehr. Im Luftanhalten ist
sie geübt. Aber zwischen Strudeln und Strömung nach einer Orientierung zu suchen,
ist fast unmöglich. Mit
dieser Anstrengung hat sie nicht gerechnet und als sie versehentlich den
Schluck Wasser in ihren Rachen drückt, muss sie sich winden vor Druck in ihrem
Magen.
Was hält sie hier nur fest? Sie ruckelt und versucht erneut, die Beine zu bewegen. Strampelnd zieht sie ihre Beine an und stößt sich halbherzig gegen den Druck ab. Vergeblich.
Einem Gedankenblitz folgend, fühlt die rechte Hand nach der Gürtelschnalle. Da ist immer noch der schwere Gürtel mit Karabinerhaken, Messer und allen möglichen Kinkerlitzchen an der Hose! Ein Klick und der Verschluss ist offen. So vollgesogen sinkt die Lederhose erstaunlich schnell. Und sie kann bald nicht mehr aushalten, ihr Mund öffnet sich. Ihr Bedürfnis, die Enge Im Brustkorb zu weiten, wird unerträglich. Sie spürt keine Kälte mehr. Und keine Nässe. Nun ahnt sie, dass ihre Kräfte sie verlassen wollen.
Das war‘s. Jetzt treibe ich einfach nach oben, kommt ihr in den Sinn. Was solls. Fertig. Ihr dämmert die schwarze Untiefe, die nach jedem Strudel kommen muss.
Ganz plötzlich aber wird die Schwere leicht. Eine ruhige dunkle Stimme bemerkt, sie soll jetzt loslassen.
Nein! ,
schreit sie innerlich. Ich will noch nicht loslassen! Noch nicht jetzt! Ich
will nicht! Wer auch immer du bist, ich lass mich nicht in dein Reich locken.
Nein! Angstvoll
kneift sie ihre Augen zu, in der Hoffnung, das viel erwähnte Licht am Ende des
Tunnels nicht erblicken zu müssen.
Lass los, wiederholt er, alles wird gut. Vertrau mir. Lass endlich los.
Ihr Bauch tut weh. In der Lunge brennt es. Ihre linke Hand ist taub. Körperabwärts spürt sie nichts mehr. Ein furchtbarer Druck auf ihren Brustkorb erzeugt ein Knacken. Das letzte Quäntchen Wasser entweicht hörbar zischend ihrem Schlund.
Komm schon, lass los, wiederholt die tiefe Stimme.
Sie nimmt allen Mut zusammen, öffnet ihre Augen. Und spiegelt sich in braunen. Gerade noch spürt sie Lippen sich entfernen von ihren. Sie entdeckt ein freundliches Gesicht vor sich. Vollbärtig, faltig und lächelnd. Der Mann nickt und streicht ihr fast zärtlich eine dicke Strähne ihres Haares aus der Stirn.
So ist es gut, meine Kleine. Loslassen ist manchmal ganz einfach, ergänzt er. Sie ist wieder bei uns, hört sie ihn sprechen.
Langsam ihren Kopf drehend stellt sie fest, dass in ihrer geöffneten linken Hand ihr hölzernes Paddel liegt.





Kommentare
Kanadierfahrt mit Nahtoderlebnis.....cool ^^
24.07.2012, 13:47 von TAFKAW_reloadedZum Glück seid ihr nicht auf's Meer hinaus....
23.07.2012, 21:45 von zeitvergeudethttp://www.youtube.com/watch?v=Ozu8ya621H8
ich bin doch überall zuhause;)
23.07.2012, 21:49 von zehnmomentedanke für den link.
ich liebe blixa.
23.07.2012, 21:50 von zehnmomentehab ich gelernt.
von zeitgenossenem leben;)
Ich hab jetzt Schnappatmung ;0)
23.07.2012, 20:06 von Igel75beindruckend
23.07.2012, 14:49 von Sweet_bitterjep, ich war auch beeindruckt;)
23.07.2012, 20:32 von zehnmomentedass du das überlebt hast? ein wunder....
27.07.2012, 03:42 von melanieSafkakein wunder.
29.07.2012, 15:36 von zehnmomenteich kann schwimmen und tauchen:)
Sag mal! Wie viele Schutzengel willst du noch verschleißen?
23.07.2012, 10:55 von jetsammeiner ist vermutlich auf zack! du weißt ja, was der schon alles ausgehalten hat für mich:(
23.07.2012, 11:55 von zehnmomentedem danke ich bis später, wenn ich ganz unten bin, wo`s so schön "immerheiß" sein wird...
:D
Hey, ich bin fast mit dir ertrunken. So großartig und eindrucksvoll deine Geschichte. Take care, Darling.
22.07.2012, 13:13 von Jackie_GreyGib es zu: Du hast das alles nur abgezogen, um gerettet und geküsst zu werden. :-)
22.07.2012, 13:15 von Jackie_Greyspäter dachte ich das auch;)
22.07.2012, 22:08 von zehnmomentereanimation kann erotisch sein
23.07.2012, 14:50 von Sweet_bitterPuh, ich bin erleichtert über das Ende. Packend geschrieben!
22.07.2012, 12:11 von SultanineBeindruckend. Hat mich seltsam berührt.
22.07.2012, 10:34 von TaneaWas will Frau noch alles vom Leben lernen? Willkommen zurück!
22.07.2012, 09:58 von zeitvergeudet:)
Sehr feine Schilderung :) Wasser ist definitiv nicht mein Element. Als ich vergangenes Jahr das erste Mal im Atlantik schwamm war ich erschüttert von der Kraft des Meeres. Es wollte mich tatsächlich nicht mehr hinaus lassen, hat mich immer wieder geschnappt und rausgezogen. Panik!! Im Golf von Mexiko dagegen war es dann wunderbar. Ruhig. Brav. Ich war versöhnt. Aber dennoch: der Respekt vor dieser Naturgewalt hat sich eingeprägt und Albträume vom Ertrinken sind der Horror.
22.07.2012, 08:54 von Mrs.McHBesonders die Luftnot ist ein Albtraum. Ich halte immer die Luft an, wenn ich Unterwasserfilme ansehe. So stockt mir der Atem. Das Meer ist faszinierend. Aber auch unberechenbar u. gefährlich.
22.07.2012, 13:17 von Jackie_Grey