sulian 14.02.2007, 12:21 Uhr 83 80

Lost in Transportation

"Ich muss los, meine letzte U-Bahn!" Ich umarme Sophie noch schnell und renne los zur Fraunhoferstraße

Schnell die Treppen hinunter zur ersten Ebene. Ich stehe vor zerbrochenem Glas und einem durch Edding-Gekritzel nicht lesbaren Fahrplan. Also, ab zum Bahnsteig, vielleicht habe ich doch noch nicht die letzte U-Bahn verpasst. Wieder stehe ich vor dem Fahrplan und erkenne, dass ich jetzt nach Hause laufen darf. Ich gehe auf der anderen Seite des Bahnsteigs hoch und da sehe ich das heruntergelassene Gitter. Gut, hier komme ich wohl nicht mehr raus. Schnell die Treppen wieder hinunter, zum anderen Ausgang, von dem ich hergekommen bin. Als ich die letzten Stufen hinaufhetze, bleibe ich erstarrt stehen. Ich glaube nicht wirklich, was ich da sehe. Eisengraue Stäbe lächeln mich höhnisch an. Das kann doch nicht sein.

Schnell stürze ich auf das Gitter zu und schreie. Nichts. Niemand hört mich. Ich greife nach meinem Handy, aber leider gehöre ich zu den Menschen, die sich für ein Prepaid Mobiltelefon entschieden haben und natürlich habe ich kein Guthaben.

Kameras! Hier sind doch Kameras. Nach einem fünfminütigen „Lord of the dance in totaler Panik“-Auftritt wird mir klar, dass das auch nichts bringt. Notrufsäule! Ich renne die Treppe hinunter und drücke den Knopf. Nichts. Nach etlichen weiteren Versuchen und verzweifelten Schlägen gegen die Säule finde ich mich damit ab, dass mir das auch nicht hilft.

Ich renne wieder die Treppen hoch und sehe den kleinen Spalt zwischen Boden und Gitter. Ich lege mich auf den kalten Boden und versuche, mich unten durch zu quetschen. Während ich die Luft anhalte, erscheint vor meinen Augen die Schlagzeile eines bekannten Boulevardblattes : "Total gestörte Münchnerin heute morgen im U-Bahnbereich Frauenhoferstraße zwischen Steinboden und Sicherheitsgitter gefunden - sie erlag ihren Quetschungen noch vor Ort - die Feuerwehr musste die Leiche herausschweißen.“ Ich gebe auf, es ist unmöglich, da durch zu kommen.

Ich kehre zurück zum Bahnsteig und setze mich auf eine Bank. Es ist still und kalt. Je länger ich über meine Situation nachdenke, desto panischer werde ich. Mein ganzer Körper zittert, ich springe auf und schreie so laut ich kann, hüpfe vor der Kamera herum, die mich auszulachen scheint. Irgendwann fällt mein Blick in den U-Bahntunnel. Die nächste Station ist der Kolumbusplatz. Dort gibt es einen Aufzug, der bis zur Oberfläche führt. Ich sehe keinen anderen Ausweg, denn langsam merke ich, dass ich hier raus muss, sonst drehe ich durch.

Ich springe auf die Gleise, der Tunnel liegt vor mir. Einfach einen Schritt nach dem anderen machen. Ich habe keine Ahnung, wohin ich laufe. Der Tunnel ist dunkel, unheimlich und dreckig. Nicht weit weg von mir sehe ich eine Ratte. Nach einiger Zeit drehe ich mich um. Ich kann nicht mehr den Anfang des Tunnels sehen, aber auch nicht das Ende. Blanke Panik packt mich und ich fange an zu rennen, stolpere über die Gleissteine und habe nur einen Wunsch: “Lass den Aufzug funktionieren!“

Endlich. Ich sehe das Ende! Ich renne schneller, kann kaum noch atmen, hangle mich den Bahnsteig hoch und stürze auf den Lift zu. Kurz halte ich inne und schließe die Augen. Langsam lege ich meinen Zeigefinger auf den Knopf und drücke ihn sanft, ganz sachte, als hätte ich Angst ihn zu zerstören. Es passiert nichts. Noch immer sind meine Augen geschlossen, ich sinke langsam auf meine Knie zu Boden. Ich kann nicht mehr schreien. Sitze stumm vor dem Aufzug. In meinem Nacken spüre ich den Blick der Kamera. Langsam hebe ich meinen Arm in Richtung „Big Brother“ und balle meine Faust. Mit einem leichten Schnalzer lasse ich den Mittelfinger aufspringen. Ich drehe mich um und schreie: "Ich bin nicht einmal schwarz gefahren und jetzt sperrt ihr mich ein!“

Ich finde mich ab, resigniere. Vor mir der Snack-Automat. Ich denke an den Slogan „Snickers - Wenn´s mal wieder länger dauert“ und fange an zu lachen. Der Riegel wird gekauft und gleich gegessen. Ich setzte mich auf die Bank und beiße herzhaft in diese Köstlichkeit, als ich Schritte höre, die auf mich zu kommen. „Was machen Sie denn da?“ höre ich den Verkehrsbeamten sagen. Ich starre ihn an und meine nur: “Nach was sieht es aus? Ich feiere hier eine Party!“ Er erklärt mir, dass ich mich nicht hier aufhalten darf, das sei doch verboten. Ich lächle ihn schwach an und erzähle ihm meine Geschichte. Er bringt mich zu seinem Kollegen, dann zur Oberfläche und ich darf die frische Luft der Freiheit schnappen. Ich nehme das nächste Taxi und als ich die Wagentür schließe, höre ich den Beamten zu seinem Kollegen sagen: “Siehst du, ich hab dir doch gesagt, ich habe Schreie beim Absperren gehört!“

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83 Antworten

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    Es gibt wirklich abgesperrt U-Bahn-Stationen? In München, oder les ich das falsch? Kann ich mir kaum vorstellen in so ner großen Stadt...
    Nichtsdestotrotz hab ich sehr gelacht ;))

    09.02.2011, 20:18 von topfbluemchen
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    fuu
    zum glück ist mir das nicht passiert.
    das wär das ende gewesen. dann wär ich endgültig amok gelaufen bei der der lieben MVG.
    schöne Geschichte und schön geschrieben
    gefällt mir gut :)

    10.11.2010, 16:44 von tschenni
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    Ich hätte wahrscheinlich Schiss gehabt, durch den Tunnel zu rennen und hätte meine Nacht in der U-Bahn-Station verbracht. Und ich glaube, bei uns gibt es keine Gitter, vielleicht ist das auch gut so, denn so wie ich mich kenne, würde ich laufend in der von dir beschriebenen Situation landen!

    23.04.2009, 23:51 von Milabelle
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    Oh gott ich geh nie wieder kurz vor Sperrstunde in die U-bahn in München!!!
    Ich hätte mich gar nicht erst getraut durch den Tunnel zu laufen weil ich trotz Sperrstunde angst vor Zügen hätte! ^^

    25.03.2009, 20:30 von Buecherdiebin
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    Achgottchen. Ich wusste gar nicht, dass sowas passieren kann...

    09.09.2008, 18:11 von Sturmkind
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    Allerdings hätte ich mit dem Handy die Polizei oder Feuerwehr gerufen

    02.09.2008, 08:29 von Bluemchentapete
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    Tolle Story!
    Für dich wars sicher ne scheiß Erfahrung...aber interessant und gut zu lesen =)

    02.09.2008, 08:27 von Bluemchentapete
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Die Geschichte ist ganz wunderbar :D

    17.07.2008, 13:36 von muhkla
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  • 0

    Super, dein Text!!
    =)

    04.07.2008, 20:50 von prinzessin_lillifee
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