sulian 14.02.2007, 03:30 Uhr 1 0

Lost in Transportation

"Ich muss los,meine letzte U-Bahn!" Ich umarme Sophie noch schnell und renne los zur Frauenhoferstraße.

Schnell die Treppen hinunter zur ersten Ebene.
Ich stehe vor zerbrochenem Glas und einem durch Eddinggekritzel nicht lesbaren Fahrplan. Also, ab zum Bahnsteig, vielleicht habe ich doch noch nicht die letzte U-Bahn verpasst. Wieder stehe ich vor dem Fahrplan und erkenne, dass ich jetzt nach Hause laufen darf. Ich gehe auf der anderen Seite des Bahnsteigs hoch und da sehe ich das heruntergelassene Gitter. Gut, hier komme ich wohl nicht mehr raus. Schnell die Treppen wieder hinunter, ab zum anderen Ausgang von dem ich herkommen bin. Als ich die letzten Stufen hinaufhetze, bleibe ich erstarrt stehen, ich glaube nicht wirklich, was ich da sehe. Eisengraue Stäbe lächeln mich höhnisch an. Aber das kann nicht sein?!

Schnell stürze ich auf das Gitter zu und schreie. Nichts. Niemand hört mich. Ich greife nach meinem Handy, aber leider gehöre ich zu den Menschen, die sich für ein Prepaid Mobiltelefon entschieden haben und wie es so bei mir üblich ist, ich habe kein Guthaben.

Kameras! Hier sind doch Kameras. Nach fünfminütigen „Lord of the dance in totaler Panik“ Auftritt wird mir klar, dass das auch nichts bringt.
Notrufsäule! Ich renne die Treppe hinunter und drücke den Knopf. Nichts. Nach etlichen weiteren Versuchen, die nun schon ihren Höhepunkt in verzweifelten Schlagen gegen diese Säule gefunden haben, find ich mich damit ab, dass mir das auch nicht hilft.

Ich renne wieder die Treppen hoch und sehe den kleinen Spalt zwischen Boden und Gitter. Ich lege mich auf den kalten Boden und versuche mich unten durch zu quetschen. Während ich die Luft anhalte, erscheint vor meinen Augen die Schlagzeile eines bekannten Boulevardblättchens :" Total gestörte Münchnerin heute morgen in U-Bahnbereich Frauenhoferstrasse zwischen Steinboden und Sicherheitsgitter gefunden - sie erlag ihren Quetschungen noch vor Or t - die Feuerwehr musste die Leiche herausschweißen.“ Ich gebe auf, es ist unmöglich da durch zu kommen.

Ich kehre zurück zum Bahnsteig und setze mich auf eine Bank. Es ist still und kalt. Je länger ich über meine Situation nachdenke, desto panischer werde ich. Mein ganzer Körper zittert, ich springe auf und schreie so laut ich kann, hüpfe vor der Kamera herum, die mich auszulachen scheint. Bei der achten Pirouette bei meinem zweitem Auftritt als „Lord of the Panic“ fällt mein Blick in den U-Bahntunnel. Die nächste Station ist Kolumbusplatz. Dort gibt es einen Aufzug, der bis zur Oberfläche führt. Ich sehe keinen anderen Ausweg, denn langsam merke ich, dass ich hier raus muss, sonst drehe ich durch.

Ich springe auf die Gleise, der Tunnel vor mir. Einfach einen Schritt nach dem anderen. Ich habe keine Ahnung wie lange ich laufe. Der Tunnel ist dunkel, unheimlich und dreckig. Die Ratte Edgar winkt mir von der anderen Seite zu und ich gestehe, ich hatte schon attraktivere Reisebegleitung. Nach einiger Zeit drehe ich mich um. Ich kann nicht mehr den Anfang des Tunnels sehen, aber auch nicht das Ende. Blanke Panik packt mich und ich fange an zu rennen, stolpere über die Gleissteine und habe nur einen Wunsch: “Lass den Aufzug funktionieren!“

Endlich! Ich sehe das Ende! Ich renne schneller, kann kaum noch atmen, hangle mich den Bahnsteig hoch und stürze auf den Lift zu. Kurz halte ich inne und schließe die Augen. Langsam lege ich meinen Zeigefinger auf den Knopf und drücke ihn sanft, ganz sachte, als hätte ich Angst ihn zu zerstören. Es passiert nichts. Noch immer sind meine Augen geschlossen, ich sinke langsam auf meine Knie zu Boden. Ich kann nicht mehr schreien. Sitze stumm vor dem Aufzug. In meinem Nacken spüre ich den Blick der Kamera. Langsam hebe ich meinem Arm in Richtung „Big Brother, der mich nicht watcht“ und balle meine Faust. Mit einem leichten Schnalzer lasse ich den Mittelfinger aufspringen. Ich drehe mich um und schreie:"Nicht einmal bin ich schwarz gefahren und jetzt sperrt ihr mich ein“.

Ich finde mich ab, resigniere. Vor mir der Snack-Automat. Ich denke an den Slogan „Snickers - Wenn´s mal wieder länger dauert“ und fange an zu lachen. Du bist gekauft und gleich gegessen.
Ich setzte mich auf die Bank und beiße herzhaft in diese Köstlichkeit, als ich Schritte höre, die auf mich zu kommen.

„Was machen Sie denn da?“ Höre ich denn Verkehrsbeamten sagen. Ich starre ihn an und meine nur: “Nach was sieht es aus? Ich feiere hier eine Party!“ Er erklärt mir, das ich mich nicht hier aufhalten darf, dass sei doch verboten! Ich lächle ihn schwach an und erzähle ihm meine Geschichte! Er bringt mich zu seinem Kollegen, dann zur Oberfläche und ich darf die frische Luft der Freiheit schnappen. Ich nehme das nächste Taxi und als ich die Tür zu mache, höre ich den Beamten, der mich gefunden hat, zu seinem Kollegen sagen: “Siehst du, ich hab dir doch gesagt, ich habe Schreie beim Absperren gehört!“

1 Antworten

Kommentare

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    Toll geschrieben.
    Für mich stellt sich nur eine Frage: Wahr oder erfunden?
    Aber ich will´s gar nicht wirklich wissen...

    14.02.2007, 04:07 von Anoriel
    • 0

      @Anoriel Ist wirklich so passiert...

      14.02.2007, 11:51 von sulian
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