Logisch strunzblöd
„Kopfrechnen schwach, fummeln sehr gut“. Oder so.
1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10
Das ist eine Zahlenreihe, nämlich die Zahlen von 1 bis 10. Klar, wer lesen und zählen kann, kann lesen, dass es so ist. Von 1 bis 10. Ich kann das auch lesen und von 1 bis 10 zähle ich auch gerade. Ist ja nicht schwierig. Kustepuchen. Bei mir ist das mit den Zahlen, dem Zählen oder in einem Wort „Mathematik“ ein Phänomen, welches bereits im frühsten Schulkindalter seinen Lauf nahm. Nämlich jenes, dass alles was auch nur entfernt nicht mit Buchstaben, also folglich mit Zahlen zu tun hatte, zu meiner Verblödung dessen beitrug.
In der 1. gar 2. Klasse ging’s ja noch, mit mir und den komischen Dingern da an der Tafel oder in meinem Heft. Also wirklich simple, aber auch da schon für mich völlig überflüssige Spielereien wie das kleine und große Einmaleins, bekam ich anfangs gerade noch so hin, und das so ganz ohne Taschenrechner. 1 und 1 macht 2, zum Beispiel. Dass Noten auch Zahlen sind, Zahlen von 4 für ausreichend über 5 wie mangelhaft und bis hin zur 6 wie ungenügend, begriff ich auch und das spätestens, als mein Talent fürs Nichtzählen zunehmend und immer häufiger mit jenen doch recht negativ behafteten Zahlen benotet wurde. Schon ne ziemlich gemeine Sache. Ich meine, subtrahieren, addieren, multiplizieren oder dividieren kann einem ganz schön die Laune verderben, wenn man dafür einfach zu blöd ist. Und ich war zugegebenermaßen und dahingehend strunzblöd.
Moment, grundsätzlich war und bin ich selbstverfreilich nicht blöd wie Strunz, nein, nein – ich liebte und blühte bei allen Sprach- und Naturfächern ebenso wie bei allen kreativen auf, möchte ich betonen. Ja. zur Höchstform lief ich sozusagen auf, aber wehe Mathe kam wieder ins Spiel. Strunzend blöd. Ich nehme an, dass an dieser Stelle nicht gesondert erwähnt werden muss, dass das „Boing“ von Klassenstufe zu Klassenstufe mit so schrecklichen noch hinzukommenden Dingen wie Bruchrechnen, Wurzelziehen, Prozentrechnung, Textaufgaben oder noch schlimmer, Algebra, zu einem fetten „Boing“ feinster, nein peinlichster Güte geriet, oder? Ich konnte machen, was ich wollte und kapierte nix. Egal ob Einzelstunden, Nachhilfe oder ein Satz heißer Ohren: sobald es um Zahlen ging, setzte mein logischer Verstand komplett aus und ich schaute drein, wie’n Kalb, wenn’s blitzt – und das zur feixenden Freude meiner gesamten Mitschülerschaft, die Schweine.
Naja, irgendwann gab ich es auf mich in den Mathestunden zu bemühen und las entweder die „Bravo“, oder fummelte unterm Tisch wahlweise an mir oder Bärbel rum, da verstand ich wenigstens etwas von. Schlimm ist nur, heute bin ich zum Thema Zahlen immer noch genauso schwer von Begriff wie dereinst im Mai. Gut, es gibt Taschenrechner oder PC-Softwares, die einem das Rechnen im Kopf abnehmen – aber selbst, wenn ich mal ne Konto- oder Telefonnummer, also generell irgendwo ne Zahlenreihe eingeben muss, klappt das auf Anhieb nie. Ich muss tatsächlich Zahl für Zahl langsam und mehrmals kontrollierend eingeben – und das nach der Eingabe wiederholt lesen, also checken, ob das Eingegebene korrekt ist. Selbst bei Eingabe meiner 4-stelligen PIN beim Kartenzahlen kann es passieren, dass der schon erwähnte selten dämliche Kuhblick wieder glänzt. Das ist zum Haareraufen, hätte ich derer noch welche auf meinem dann rauchenden und hochroten Kopf. Komischerweise kann ich im Gegenzug aber bestens mit Zahlen umgehen, wenn es um meine Gehaltsabrechnung, Rechnungen und Preise im Allgemeinen geht. Dazu meint mein geliebter Herzensmensch allerdings süffisant, dass das eher damit zu tun hätte, dass ich ein Raffzahn wäre und weniger mit Zahlen und Mathematik. Ist er nicht niedlich?
Naja, ein kluger Mensch hat mal vor zig Jahren zu meiner Entschuldigung festgestellt, dass ich zur Gattung der an Dyskalkulie „leidenden“ Spezies Mensch gehöre, was ich zunächst logischerweise auch nicht begriff – Zitat, Wikipedia:
„Dyskalkulie ist eine Beeinträchtigung des arithmetischen Denkens bei Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen (Synonyme sind Zahlenblindheit, Rechenschwäche oder Arithmasthenie, alternativ besondere Schwierigkeiten im Rechnen/nicht bearbeitete stoffliche Hürden. Sie tritt bei fünf bis sieben Prozent der Weltbevölkerung auf. Es handelt sich um ein kompensierbares Verständnisproblem im arithmetischen Grundlagenbereich (Mächtigkeitsverständnis, Zahlbegriff, Grundrechenarten, Dezimalsystem), wobei die Betroffenen mit ihrer subjektiven Logik in systematisierbarer Art und Weise Fehler machen, die auf begrifflichen Verinnerlichungsproblemen beruhen, das durch gezielte Therapie aufgelöst werden kann. Dabei lassen sich die Erscheinungen Nominalismus, Mechanismus und Konkretismus beobachten.“
Also für mich verständlich übersetzt und zusammengefasst: Ich kann nicht rechnen. Na, das war mir auch vorher schon klar. Zumindest kam noch Klärendes im Sinne dessen hinzu, dass ich also nicht strunzdoof bin, sondern leide. Also alles bestens.
Und sowieso und überhaupt, wer braucht schon Zahlen und Rechnen und so – ich nicht wirklich. Ich jongliere lieber mit Buchstaben, denn die liebe ich heiß und innig und es gibt für mich nichts Spannenderes, als eben jene Buchstaben zu Worten, Worte zu Sätzen und Sätze zu Geschichten und Erzählungen zusammenzusetzen – und das kann ich zuweilen recht gut.
Sag ich jetzt mal kühn und ganz ohne Berechnung.
Freak Like Me





Kommentare
Achso und ich habe übrigens immer noch ziemliche Schwierigkeiten mit Zahlen: Well so what?
13.12.2012, 00:23 von lizzzaaa:)
Ich habe auch Dyskalkulie. Und wurde deswegen richtig fertig gemacht.Man sagte meinen Eltern ich sei dumm und solle auf die Sonderschule gehen. Meine Eltern k#,pften für mich und ich besuchte die Hauptschule. Ich arbeitete hart und wechselte schon bald auf die Realschule. Dort machte ich trotz Prüfungsnote 5 in Mathe meinen erweiterten Realschulabschluss. Ich habe nun zwei erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildungen und ein Fachabi.
13.12.2012, 00:21 von lizzzaaaJa es war hart.
Ja es war mies.
Aber ja. Ich habe es trotzdem geschafft.
Für alle, die wie wir sind: Verliert niemals den Mut.
Ihr schafft das. Egal was andere sagen,
Wären denn wenigstens die Mathelehrer so gütig es mal kurz zu kapieren, dass das was dauerhaftes ist und garantiert nichts mit Faulheit zutun hat.
Und den Leuten, die 'Legasthenie' haben wird alles in den Allerwertesten geschoben. Im Abitur bekommen sie Nachschreibezeit. In Matheklausuren & Physikarbeiten (!) ebenfalls. Rechtschreibefehler werden anders gewertet. Und dann sitzt man da vor der Matheklausur, hätte gut und gerne 15 Minuten (oder am besten eine halbe Ewigkeit) zum 'nochmal drüber schauen' gehabt - weil 6 und 9 verwechselt sich so leicht. Und + und - sowieso. Von den anderen Fehlerteufeln mal ganz zu schweigen! Aber nein. Man darf sich weiter über diese Benachteiligung ärgern, da Dyskalkulie keine anerkannte Schwäche ist!
29.11.2012, 16:57 von .reddishness.Also, danke für diesen Text. Auch wenn ich mich gerade über erläuterte Thematik aufrege ;D
*Schnüffel* Ich rieche Missgunst.
29.11.2012, 17:47 von FieseiseNatürlich.
30.11.2012, 09:16 von .reddishness.Nice.
30.11.2012, 12:48 von FieseiseIch zähl mich mal zu den 5-7 Prozent, auch ohne die offizielle Bestätigung, dass ich die dyskalkulative Plakette am Revers tragen darf.
29.11.2012, 14:41 von BlackendZu meinem 'Leid'wesen bin ich zzt. auch noch davon betroffen und genieße nicht den Luxus damaliger Oberstufen-Semester, die Mathe einfach abwählen konnten. Von Neid halte ich gewöhnlich nicht viel, aber den Punkt, den neide ich allen an, die diese Option hatten.
Willkommen im Club.
28.11.2012, 19:02 von cosmokatzeUnd wer hat's bei mir erkannt...der Englischlehrer !
Das unterschreib' ich. Amen.
28.11.2012, 15:25 von MmeDesasterIch habe seit Jahren die selbe Handynummer... ich kann sie leider nicht auswendig..ich muss sie ablesen. Ich verwechsle grundsätzlich 4 und 7 und wenn man mir eine Telefonnummer oder lange Zahlenreihe ansagt, kann es sein, dass die Ziffern in nahezu komplett umgekehrter Reihenfolge von mir aufgeschrieben werden. Für einen einfachen Dreisatz(oder Schlussrechnung) brauche ich mindestens 3 verschiedene Anläufe mit 3 verschiedenen Ergebnissen. Ich suche mir dann einfach das sinnvollste Ergebnis aus.
...ich bin nicht allein, puuuuh! ^^
28.11.2012, 12:07 von derHalbstarkeDu und ich und die Restlichen der 5-7% (wie viel auch immer das sein mögen) ;D
Nein, ihr seid nicht allein - deshalb Hauptschule - Handwerker - Hüftbeschwerden.
29.11.2012, 01:27 von SteveStitchesMuss man den zum Handwerkeln nicht auch logisch sein und rechnen können, Stitches? Egal, noch einer und danke für's Outen! ^^
29.11.2012, 06:09 von derHalbstarkeLängenmaße, aber kaum Flächenberechnung oder so. Meistens überschlägt man oder lässt den Kollegen rechnen. Man muss nur zupacken können. Die großen Rechnungen macht der Meister - Material und so.
30.11.2012, 01:28 von SteveStitchesVerstehe, danke! ^^
30.11.2012, 06:56 von derHalbstarkeMit Maßeinheiten habe ich aber auch Schwierigkeiten, sie umzurechnen geht mal schon gar nicht..ein Kilometer ist für mich ähnlich lang wie ein Zentimeter (so in meiner Vorstellung), und ich bestelle auch im vollen Ernst 5 Gramm Hack, in der irrigen Annahme, das wäre eine normale Portion.
seiduselbst,
01.12.2012, 07:57 von SteveStitchesdas hört sich noch viel heftiger an - hast du mal 5Gramm und 5Kilo in der Hand gehabt? 1cm neben 1m gehalten?
Ich muss es sehen oder spüren, dann funktioniert das sehr gut, es happert an der Vorstellungskraft, ich habe irgendwie keine Vorstellung von Dimensionen. Oder wenn ich genug Zeit habe, mir das in Ruhe logisch zu überlegen.