fraeulein.Wunderlich 26.10.2015, 19:26 Uhr 0 0

Lissabon

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Jetzt stehe ich hier, in dieser fremden Stadt, mit diesen fremden Menschen.

Mit diesen fremden Gerüchen und Geräuschen.

Hier ist es fremd und so ganz anders als dort wo ich lebe.

Ich atme diesen anderen Geruch ganz tief ein und spüre es. Direkt hier.

Es streichelt und kitzelt mich, es beruhigt und erreicht mich ganz tief.


Ich spüre mich.


Das erste Mal nach vielen Wochen und Monaten. Ja, wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, vielleicht auch das erste mal nach einigen Jahren.

Lange bin ich gerannt. In eine Richtung, die direkt von mir wegführte.

Immer weiter weg.

Schneller und schneller wollte ich Distanz aufbauen.

Wollte mich nicht mehr sehen, nicht mehr hören. Ich wollte der Wahrheit davon rennen. Dinge die mir wehtaten, die mich beunruhigten, im Windschatten lassen und laufen.


Ich verbarg Gedanken in den hintersten Ecken, aus Angst sie irgendwann zu entdecken.


So bereitete ich mich täglich auf meinen Schutzmarathon vor, nahm meine Beine in die Hand und rannte, als ob es kein Morgen gäbe.

Meine Augen zu schließen hat einfach nicht mehr gereicht. Ich wurde zu laut. Ich begann zu schreien und innerlich an mir zu rütteln. Also half es nicht nur meine Augen zu schließen, nein, ich musste mich bewegen.

Ich musste meinem Leben davonlaufen.

Habe mich in die Arbeit gestürzt, habe mich hinter dieser ganzen Arbeit versteckt und gehofft, dass es keiner bemerkt.

Das ich es nicht bemerke.


Doch hier, in dieser fremden Stadt dreht sich meine Zeit langsamer. Hier beginne ich zu atmen und Luft zu holen und hier spüre ich es wieder.

Mich und mein Leben.

Ich habe die letzten Wochen meines kurzen Lebens vergeudet. Ich habe so viel Zeit mit Wegrennen verbracht, dass ich die Schönheit dieses Lebens nicht mehr gesehen habe.

Ich war blind.

Und hier, hier in dieser wunderschönen Stadt beginne ich wieder zu sehen.

Ich sehe es und will nicht mehr wegschauen.

Ich will mich wieder jeden Tag erleben und dem still stehen eine Chance geben. Ich möchte nicht mehr rennen und vor mir davonlaufen. Ich bleibe jetzt stehen.

Genau jetzt und hier.

Ich bin zurück und trockne die Schweißperlen auf meinem Gesicht.

Nehme die Hände über den Kopf und atme ganz tief ein.

Ich springe und hüpfe. Ich lache und singe und schlinge die Arme um mich herum.


Und das Wichtigste ist, ich renne nicht mehr.


Ich stehe jetzt hier.


Atme diesen fremden Geruch ganz tief ein und bin verliebt in diese beeindruckende, alte Stadt, die mir die Sicht auf mein Leben wieder zurückgegeben hat.

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