laZizah 10.06.2008, 21:50 Uhr 0 0

Leiche im Vorgarten

Jemand hämmert an meine Zimmertür. Das ist Claudia denke ich, drehe die Musik auf Zimmerlautstärke, rufe “Moment”, und lege mein Notebook zur Seite.

Ich lebe gerne in meiner Stadt. Mit vielen jungen, freundlichen Mitmenschen, viel Sonne und Freunden fühle ich mich geborgen in meiner Wahlheimat. Ich gammle auf meinem Bett rum, ärgere mich dass ich zu faul bin was für die Schule zu tun, träume von Konzerten. Höre ein bisschen zu laut Musik, erhole mich von meinem Wochenende und bin in Gedanken sehr weit weg. Mindestens die 3oo die es bis zu meiner Heimatgemeinde sind.

Jemand hämmert an meine Zimmertür und reißt mich aus meinen Tagträumen. Sekundenschnell bin ich wieder in meiner Messybleibe. Das ist bestimmt meine Gelegenheitsmitbewohnerin Claudia denke ich , drehe die Musik auf Zimmerlautstärke, rufe “Moment”, lege mein Notebook zur Seite und gehe zur Tür. Davor steht ein mir unbekannter junger Mann. Ich weiche einen Schritt zurück und stelle meinen behausschuhten Fuß an die Tür damit ich sie im Fall der Fälle sichern kann und er sie nicht ohne weiteres aufdrücken kann.
“Nicht erschrecken, ich bin von der Polizei”
Ich erschrecke und noch im selben Moment schießen mir Gedanken durch den Kopf, was passiert sein könnte. Meine Musik zu laut. Unwahrscheinlich. Jemand von meinen Freunden verunglückt. Möglich. Mein Freund auf dem Weg zu einem Überraschungsbesuch bei mir im Auto einen Unfall gehabt. Möglich. Ein Missverständnis. Hoffentlich. Ich habe was falsch gemacht. Möglich, aber was bloß? Die Jungs sind mit dem Gras erwischt worden und sie haben erzählt mit wem sei letztes Wochenende unterwegs waren. Sehr unwahrscheinlich. Und selbst wenn.
Er zeigt mir seinen Ausweis. Was weiß ich ob der echt ist? Der Typ ist mir eher weckt Vertrauen in mir, ich mache die Tür einen halben Fußbreit weiter auf und frage mich wie er ins Wohnheim gelangt ist, jemand muss ihm die Haupttür aufgemacht haben. Aber wer? Hat er Komplizen im Haus?
Ich schaue ihn erstaunt und fragend an. “Keine Angst. Ich will nur ein paar Fragen stellen.”
“Sie haben es ja bestimmt mitbekommen, es geht um den Vorfall letztes Wochenende.” Ganz kurz fällt mir ein Stein vom Herzen. Am Wochenende war ich nicht in der Stadt. Ich verneine, sage dass ich nicht wisse um was es geht. “In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurde eine Leiche gefunden, unten bei der Tischtennisplatte.” Ich starre ihn irritiert an. Das ist ein schlechter Scherz. Und selbst wenn, was habe ich mit der Leiche zu tun? Ich bin unsicher und will am liebsten nicht mehr mit dem Polizisten an meiner Zimmertür stehen.
Sie suchen nach Zeugen, klopfen sich durch eine Nachbarschaft mit zirka 6oo Wohnheimzimmern. Mir wird ganz anders, ich erinnere mich dunkel an die Kerzen und den Bilderrahmen, den ich im Vorbeihetzen auf dem Weg zur Arbeit auf der Tischtennisplatte gesehen habe. “Ich war dieses Wochenende bei Rock am Ring”, es kommt mir vor wie eine Ausrede, ”von Donnerstag bis gestern Abend also nicht in der Stadt.” Er schaut mich prüfend an und fragt mich ob mir in den letzten Wochen irgendwas aufgefallen ist. Nichts ungewöhnliches. Er notiert meine Zimmernummer während er mir zuhört. Natürlich komische Sachen, aber nichts was nicht vorher schon da gewesen wäre. Ich denke an die Araber und sage dem Polizisten, dass es normal ist Sachen zu hören von Leuten die man nicht kennt, wenn man mit Ausländern zusammen wohnt und vor allem die Araber schauen mir oft hinterher wegen meiner langen blonden Haare. Aber aufgefallen ist mir nichts.
Ich muss noch meinen Personalausweis zeigen und während er meine Daten aufnimmt, mir kurz erklärt wofür er sie braucht, denke ich an diesen Wahnsinn. Als er fertig ist und mir wohl den Schock ansieht fragt er mich wie Rock am Ring war. 2oo6 war er auch da. Mit vielen anderen haben wir ähnliche Schlamm-Erinnerungen. Er bittet mich noch um meine Telefonnummer und verabschiedet sich.

In der Küche unterhalten sich Oma Eddla und die Frau von Ahmad über den Vorfall. Keiner von uns war dieses Wochenende im Wohnheim und uns allen sitzt der Schreck in den Knochen. Es war ein 52-jähriger 3-facher Familienvater berichtet Eddla. Ich bin sprachlos und ziehe mich wieder auf mein Zimmer zurück.
Auf dem Gang treffe ich Andrea. Über die Jahre hatte sie Stefan kennen gelernt. Einer von den Gärtnern. Der liebste von allen. Ein schweres Schicksal. Die Mutter schwerst krank, ein Pflegefall. Selbst Krebs. Von seiner Frau geschieden. In der Nacht zum Sonntag hat Andrea Rufe und Schreie gehört. Wie so oft, wenn Besoffene zwischen den Wohnheimblöcken und dem Gelände der Gärtnerei vorbeilaufen. Traurig verabschiedet sie sich zur Arbeit und hinterlässt ein noch fassungsloseres leeres Gefühl.
Ich schaue aus meinem Fenster, erblicke keine 25 Meter entfernt die Tischtennisplatte.
Neben dem Kindergartenspielplatz, einen Steinwurf weiter die Gärtnerei.


Vor einer Woche etwa habe ich mit Freunden auf dem Dach des gegenüberliegenden Wohnheims gelegen, wir haben den Sternenhimmel und das uns zu Füßen liegende Gelände beobachtet. Auch die Besoffenen, die umherfielen haben wir beobachtet. 12 Etagen über ihren Köpfen."Wichtige Links zu diesem Text"
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