MisterGambit 06.01.2012, 13:29 Uhr 172 113

Leer oder wie oder was

Ich kann nicht mehr sprechen, aber ich würde dir alles erzählen. Von hier an. Das ist nicht meine Unsicherheit, das ist das Bier.

Wer oder wie oder was es auch war: es hatte sich geändert, urplötzlich. Und da steht er an einem dieser Abende zwischen diesen Menschen, in dieser Musik, mit dem Bass und dem Flackerlicht. Diese Abende, die alle Silvesterabende sind, voll mit Vorsätzen und Warten und Hunger. Da will man knallen und trinken, sich verlieben, sich kennen lernen, andere kennen lernen, Dinge durcheinander essen, die für sich allein nicht mehr sättigen.

Das alles ist vorbei. Er ist klar und leer und befreit, also steht er auf, stellt die Flasche zur Seite, bewegt sich in die Mitte, vergißt.  Er sieht sie aus dem Augenwinkel, sieht sie genau, schließt die Augen fest, hebt das eine Bein – dann verselbstständigen sich die Dinge.

Tanzen wie Bill Cosby, tanzen wie Carlton Banks, tanzen wie Christopher Walken zu „Weapon of Choice“, zur Weapon of Choice werden, tanzen, wie er damals, als er jung war, auf dem Ascheplatz Fußball spielte. Das hellblaue Newcastle-Trikot schlabberte an den Seiten runter, er war Alan Shearer und das Autobahnrauschen hinter den Kartoffelfeldern der Applaus der Fans von den Rängen. Keine Sekunde verschwenden, kaltes Bier auf der Kehle, Blicke zu ihr, die abseits tanzt wie ein Glückskeks unter der Keksglocke der Souveränität.

Hat er sie schon mal gesehen? Nein. Hat sie ihn schon mal gesehen? Nein. Ihre Arme wie Taucherbewegungen, seine Zuckungen wie das Surren einer Oberleitung, drei Bier mehr, keine Gedanken. Das Szenario ist alt, alle hier kennen es: Man sieht sich, tanzt, blickt, träumt, nimmt sich vor, zaudert, verzagt, verdrängt, geht nach hause, schiebt sich auf dem Weg durch die Nacht an der günstigen Ecke noch einen Döner rein oder spricht eine andere an, die sich als passende Gelegenheit an der Theke postiert. Schnell sind drei Stunden vergangen, sein T-Shirt klebt am Rücken, die Haare sind nass, die Mundwinkel an den Wangen festgezurrt, er geht nur schnell noch Pinkeln, torkelt an den Leuten vorbei, seine Bewegungen erscheinen ihm katzenartig, im Spiegel erkennt er rote Augen und eine Mischung aus Hape Kerkerling nach zwei Flaschen Rotwein und - das rettet ihn: Javier Bardem.

Dann geht er auf sie zu, stolpert fast, steht vor ihr, sieht sie an. Ihm fällt nicht auf: Ihr flacher Po, ihr schief geschnittenes Haar, dass der BH unter ihrem hellblauen Tshirt viel Arbeit leistet. Ihm fällt auf: Sie ist, was sie ist. Und er öffnet seinen Mund, nuschelt zwei unverständliche Worte, verhaspelt sich. Das ist keine Unsicherheit, das ist das Bier. Sie lächelt und verzieht dabei die Augenbrauen, wartet ab. Er versucht es erneut. Nein. Es kommen keine klaren Worte heraus. Da wäre: der Bill-Cosby- Tanz, der Hape Kerkerling im Spiegel, die nassen Haare, der Schweißgeruch. Alles genügend Ausreden, um es bei einem guten Vorsatz zu belassen, aber die Dinge haben sich geändert, also hebt er die Hand, nickt ihr deutlich zu, sieht ihr dabei in die Augen, sie nickt zurück. An der Theke signalisiert er dem Kellner: Block und Stift. Er schreibt: „Ich kann nicht mehr sprechen, aber ich würde dir alles erzählen. Von hier an. Das ist nicht meine Unsicherheit, das ist das Bier. Weil ich spät dran bin meine Telefonnummer, meine ICQ-Nummer. Wenn du es willst, erzähl ich dir das alles noch! T.“

Er reißt den Zettel vom Block, bewegt sich zurück zu ihr. Sie hat gewartet, ohne ihm nachzustarren, sie lächelt erneut, als er ihr den Zettel überreicht. Aufmerksam liest sie, lacht, faltet den Zettel zusammen, geht weg. Jetzt wartet er, ohne sich nach ihr umzudrehen. Eine Minute, zwei Minuten. Dann spielt der DJ Interpol, “Slow Hands”, er tanzt erneut, singt in Richtung Decke: „We spies, we slow hands, we put the weight all around yourself“.

Als das Lied vorbei ist, steht sie geduldig am Rand, der Laden ist inzwischen fast leer, sie hat einen Zettel dabei, reicht ihn herüber, nickt.

„ICQ benutze ich nicht mehr, aber hier auch meine Handynummer. Wenn du kannst, ruf an und erzähl es mir.“

In diesem Moment löst sich das Bier von seiner Zunge, er beginnt zu sprechen, sie antwortet. Sie stellen einander vor, dann reden sie, erst auf der Kante sitzend, die die Tanzfläsche ankündigt, als die Lichter dann angehen auf der Treppe vor dem Laden.

Sie erzählt von ihrem Studium der Sprachwissenschaft, ihrem Motorrad, von Tim Burton, Alice Munro und von Tom Waits, von Dingen, von denen er nichts versteht, es aber keine Rolle spielen lässt. Es geht um das wie, nicht um das was. Er erzählt erst einmal nichts, er hört zu, genießt das, genießt, dass die Unruhe, das nervöse Abwarten und Abwägen, die ihn durch die letzten Jahre hindurch gejagt haben, wie weggefegt scheinen. Und weil der Stein ins Rollen geraten ist, laufen die beiden gemeinsam zum Bahnhof, sie redet, er hört zu, lacht, wirft Witze ein, bevor sie zwei Flaschen Wicküler Pils, zwei Schrippen und zwei Karten nach Leer kaufen, zwischen Pendlern auf der kalten Gleis-Wartebank sitzen und warten.

Als sie ankommen ist hell. Im Zug haben sie Kopf an Kopf geschlafen, nachdem sie einen Party-Rückkehrer auf dem Vierersitz unter Androhung von Schmerzen dazu brachten, seine Handymusik auszumachen und dafür von den Pendlern, die minutenlang deswegen laut raunten, Applaus kassierten. Sie nehmen sich ein Zimmer in einer Pension und gehen zum Strand, wo sie dann sitzen, die pappigen Schrippen zerzupfen, darüber nachdenken, wie sie dort hingekommen sind.

„Ich hatte sowieso keinen Schlafplatz für die Nacht“, sagt sie und er lacht, bevor er anfängt, ihr zu erzählen: Von den letzten Jahren, davon wie sehr er seinen Job hasst, von den Menschen in seiner Stadt und dass die Stunden auf dem Ascheplatz die einzig glücklichen seiner Kindheit waren, erzählt, wie genervt er von allem im Leben war, von sich selbst, bis er neulich diesen einen Satz las, von Bill Cosby. „Du hast auch wie Bill Cosby getanzt, das ist mir gleich aufgefallen“, wirft sie zwinkernd ein.

 „Decide that you want it more than you are afraid of it.“

Er erzählt, dass er sich dann plötzlich auf die Stelle beworben hat, die er jahrelang haben wollte, die er sich nie zutraute. „Eine völlig bescheuerte Bewerbung war das“, sagt er, er habe ehrlich aufgezählt, warum er die Stelle will und es ihm egal sei, dass ihm viele der Qualifikationen fehlen. Er habe als Vorbilder den Iron Man angegeben, weil der durchsetzungsfähig und zielorientiert ist, den T1000 wegen seiner Flexibilität, habe angegeben, dass er sich Mitarbeiter wünscht, die keine hinterfotzigen Drecksäcke sind und ihre Arbeit machen, anstatt ihm auf die Finger zu schauen. Als Gehaltsvorstellungen: "So viel, dass ich nicht monatlich nach zweieinhalb Wochen darüber nachdenken muss." Als Perspektive: „Woher soll ich das jetzt schon wissen?“

Sie hätten ihn tatsächlich eingeladen, weil sie die Person kennenlernen wollten, die so eine Bewerbung abschickt, er sei dort hingegangen und ehrlich geblieben, aufrichtig, in genau der Kleidung, die er immer trägt. „Und jetzt habe ich ein halbes Jahr auf Probe“, sagt er schließlich, sie schüttelt mit dem Kopf, will es kaum glauben, aber dann sieht sie sich um, dann wird ihr klar, dass sie ihn vor acht Stunden völlig verschwitzt wie Bill Cosby hat tanzen sehen, dass er vor ihr stand und so voll war, dass er kein Wort raus bekam, ihr einen krakeligen Zettel hinhielt mit einer ICQ-Nummer um fünf Minuten später laut und schräg zu Interpol mitzusingen. Und jetzt sitzt genau dieser Typ neben ihr in Leer am Strand, erzählt ihr diese Geschichte, seine Augen leuchten rot wie Christbaumkugeln. Und alles, was sie sich fragen kann: Warum passiert ihr das?

Und sie fragt: „Warum passiert mir das?“

Beide zucken mit den Schultern, legen die Köpfe aneinander, stopfen sich Stücke von den Brötchen in den Mund, schließen die Augen, atmen ruhig, hören die Wellen, die gegen den Strand rollen. 

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172 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Trotz der obszönität dieser vokabel, möchte ich den folgenden Kommentar aus lauter überschwang doch hier hinterlassen:

    Geil!

    28.06.2013, 00:53 von DearMissGarland
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  • 1

    Ich hab den Text schon beim ersten Mal lesen geliebt und jedes Mal wenn ich ihn wieder lese entdecke ich noch mehr Details die einfach nur fantastisch sind!!
    Auch jetzt noch mein absolutes Lieblingsstück auf ganz Neon.de!!

    21.11.2012, 09:08 von Mondregen
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  • 0

    "Ich kann nicht mehr sprechen, aber ich würde dir alles
    erzählen. Von hier an."
    Allein deswegen liebe ich den Text.
    Und wie bei allen deinen Texten ist es immer so schade, wenn er vorbei ist, dass man wieder von vorne anfangen muss.

    25.09.2012, 14:05 von reachthebeach
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  • 0

    Wow!


    Der Text ist wiklich klasse... Wunderschön zu lesen, mab kann garnicht genug bekommen.


    Mich würde interessieren, wie es weitergeht.


    (Der Protagonist erinnert mich im Übrigen ein wenig an "Den Mann, der immer die Wahrheit sagt" aus der werbung (-: genau so hab ich ihn mir auch äußerlich vorgestellt!)

    17.08.2012, 09:16 von Lia89
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  • 0

    yeah. :)

    12.02.2012, 20:36 von M_ichii
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  • 0

    Nun noch ein sinnvoller Kommentar.. oder sowas in der Art... :)
    Also.. mich erinnert der Text ja gaaaanz stark an den einen da von dir, in dem auch n Kerl in der Diskothek ist und schwitzt und Augen zu hat und ne Telefonnummer bekommt und irgendwie mit einer im Auto landet und dann wohl ind er Kiste.. und irgendwas mit Tankstelle oder so ähnlich. Ja, so hab' ich das im Kopf. Also ähnelt schon sehr arg. Aber ich fand das jetzt gar nich so schlecht. Auch wenn ich eigentlich vor hatte, Texte in der Kategorie Fühlen/Liebe vorläufig zu ignorieren weil überdrüssig.
    Laber laber Leberkäs.

    18.01.2012, 00:42 von nyx_nyx
    • 0

      ja, das kann sein, aber der ist ja auch seine 3 jahre alt und da ging es im aufbau und in der mitte und am ende um etwas anderes


      mir gehen die ganzen gleichförmigen liebestexte auch auf den sack, aber wenn man nicht mag, was andere kochen wirft man ja nicht gleich seinen eigenen herd auf die schrotthalde

      18.01.2012, 00:44 von MisterGambit
    • 0

      Oh. Doch schon. Mh.. wie die Zeit vergeht. Hat also fast schon nostalgischen Charakter der Text? ;D

      Joa, weiß schon, dass der Sinn und die Hauptaussage und so völlig verschiedene sind. Aber die Szene eben. Ja. Aber wie gesagt, fand ich schon ganz nett. Aber ich mag ja z.B. auch Schnulzenfilme nicht sonderlich, daher verzichte ich da bei Texten auch gern.

      Da lobe ich mir das Lagerfeuer.
      Um einfach noch mehr Unsinniges heute von mir zu geben. Mir ist danach.

      18.01.2012, 00:49 von nyx_nyx
    • 0

      ich bin doch immer nostalgisch :)


      das unsere geschmäcker sich teilweise an der haustür freundlich verabschieden und in verschiedene richtungen gehen, ist ja auch nichts neues ;)

      haha, lagerfeuer 

      18.01.2012, 00:56 von MisterGambit
    • 0

      Ja? Gelegentlich merkt man das ein wenig. :)

      Och, ich seh da gar nichts Schlechtes drin. :) Die dürfen sich ruhig in andere Richtungen begeben und sich da umgucken. Schlimmer wäre es, hätten wir beide gar keinen. Am beunruhigendsten fände ich das beim Gustatorischen ;) Wurde mir doch gestern ausufernd und bildhaft erklärt, dass der Geschmackssinn bei einer Zahnvollprothese durch Abschirmung des Gaumens zum Großteil verloren geht. Ich bekomm da heut Nacht bestimmt noch fiese Träume deswegen.
      Oder ich kann gar nicht erst einschlafen, weil ich mir vorhin durch meinen blöden Ohrwurm-Kommentar selbst einen verpasst hab. Argh!

      18.01.2012, 01:04 von nyx_nyx
    • 0

      zur not hörste dir die olsen brothers an

      das ist viel schlümmer

      oder dingsbums... ace of base

      18.01.2012, 01:08 von MisterGambit
    • 0

      hola  mr. gambit,


      davon mal abgesehen,  dass  das Verfassen von Beziehungskisten mich an die Inflation der 20er Jahre erinnert,  liest sich dein Textlein so spannend, wie der Beipackzettel einer Beruhigungstablette.

      Es liegt sicherlich an meinem Alter, dass ich mit dieser Art Lektuere  wenig anfangen kann. Aber dein Klientel scheint es ja zu gefallen ?  Und das ist im Grunde  das Wichtigste.

      Ich wuerde gern mit dir Schach spielen.  Oder ueber andere Themen diskutieren. Gibt es wissenschaftliche Texte in dieser Community, ueber die es lohnt, sich auszulassen ? Ich gebe dir aus Hoeflichkeit einen Punkt, weil du dir so viel Arbeit mit diesem Schlafmittelroman gemacht hast, nicht aus  Ueberzeugung ;-)

      servus compañero

      28.01.2012, 16:40 von steam
    • 0

      kritisier an meinem text herum, soviel du willst, aber mach bitte das almosen-herz weg und gib es jemandem, der es deiner meinung nach verdient hat.

      28.01.2012, 17:59 von MisterGambit
    • 0

      schon geschehen !


      Du bist wahrlich ein toller Mensch. 

      Es gibt gar nichts an deinem Text ansich zu kritisieren,  weil mich die Thematik zu Tode langweilt.  Und das moechte ich euch nicht antun.

      Mit dir persoenlich hat es nix zu tun. Ganz allgemein. Andere Beziehungskisten-schreiberlinge  kommentiere ich nur, wenn sich beim Lesen der Fluchtinstinkt bemerkbar macht. 

      Aber Kritik  vertraegt dort auch kaum jemand, deshalb verzichte ich komplett, den Kram zu lesen und zu kommentieren.

      wuensche ein feines wochenende.

      nos  vemos. 

      28.01.2012, 18:09 von steam
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  • 0

    ich bin gewillt, sofort eine bewerbung zu schreiben, namen wie "Carlton Banks & Alice Munro" zu gogglen und mir den spruch "Ich kann nicht mehr sprechen, aber ich würde dir alles
    erzählen. Von hier an..." einzuprägen bis ich ihn im schlaf kann. ich werde mich betrinken, bis ich nicht mehr stehen kann und dann auf der couch einschlafen mit dem gedanken an glückskekstanzende mädchen und jungs, denen bh`s und flache ärsche in momenten egal sind...

    17.01.2012, 23:11 von Mechthild_Bundschuh
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  • 0

    Super Text! Ich bin begeistert!

    16.01.2012, 17:55 von tutti-kaputti
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  • 0

     „Decide that you want it more than you are afraid of it.“

    16.01.2012, 05:53 von katbee
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  • 0

    der spruch ist klasse.

    11.01.2012, 14:26 von misspringle
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