zuckerpuppe 23.01.2009, 13:00 Uhr 2 5

Lebenswert im Januar

Grußkarten vom Urlaub, Plan B und C im Ärmel, schlafende Romanfiguren, Trennungslächeln.

Wenn mich an Ende meines nächsten Ausbildungsabschnittes jemand fragt "Und was haben Sie gemacht?", dann hätte ich gerne, dass das "Aha", das der Antwort folgt etwas weniger Skepsis und etwas mehr Anerkennung birgt als beim letzten Mal.

Gute Vorsätze:
weniger Trinken
Arbeitsvertrag

Als ich heute in die U-Bahn stieg, um meiner Geschichte davon zu laufen, ist mir der Urlaub begegnet. Also, eigentlich ist er mir davongelaufen, wie er es letztes Jahr auch getan hat und wie ich es gerade auch tat. Aber Fakt ist, er hat ein Häufchen Sand hinterlassen. Auf einem Sitzplatz in der U-Bahn am zweiten Januar. Sicherlich bin ich der einzige Mensch, der es sehen konnte. Ich glaube, es war eine Nachricht vom Meer. Ich glaube, das ist seine Art, Ansichtskarten zu schicken. Wenn wir uns diesen Sommer wieder sehen - und jetzt weiß ich, wir werden uns wieder sehen - werde ich es danach fragen.

Russisch Roulett mit höherer Trefferwahrscheinlichkeit aber ohne Pistole.

Überdimensionierte Panik rechtfertigt unübliches Verhalten.
Wenn die Abwesenheit einer rosafarbenen Handtasche nicht zu einer Zusage führt, dann darf man sie mitnehmen, oder?
Verspätung. Verspääätung. Oder Verspäääääääätung? Die Bahn bietet verschiedene Größenordnungen an.
Museen, die seit April letzten Jahres zu haben. Zwischen Pelzen flanieren.
Rosa Handtaschen im Vorstellungsgespräch erhöhen die Einstellungswahrscheinlichkeit sogar überproportional.

Um zu erfahren, ob einer ein Held ist, muss er nachts auf die Nase geküsst werden.
Kitzelt es ihn, ist er ein Held.
Kitzelt es ihn zwei mal, so ist er ein doppelter Held. Vielleicht ein mehrteiliges Werk, Kurzgeschichten oder beides? Wer weiß das schon genau.

Neologismen.

Es gibt Gerüche, die Gehören zu bestimmten Orten und auch wenn sie ganz wo anders auftreten wird es immer nach Rosenheimerstraße riechen.
Es wird immer nach Grabengasse klingen, wenn man einen Koffer über Kopfsteinpflaster zieht.
Es wird sich immer wie Herwarthstraße anfühlen, wenn Transportzüge die Dielen zum Wackeln bringen.

Annett Louisan singt Texte, die könnten auf Neon stehen.
Annett Louisan macht Grammatikfehler, die könnten auf Neon stehen.

Sekt, Lachs und Baguette. Ein Film, der mit meiner Silvestermusik beginnt. Auf Französisch. In Paris. Ich schwöre, man hört der Musik nicht an, dass der Film dazu französisch ist.
Miezen, die ihren Kater direkt nach dem Film nachhause pflegen müssen. Grüne, die auch neoliberale Jobs feiern.

Ein zu 59% gefüllter Gastank ist halb leer. 54/35 anstrengende Anstrengungsrelation. Bitter wie Rucola.

Bundesbeamte der Arbeitsagentur sind ein guter Grund für einen Amoklauf. Ein sehr sehr guter Grund. Muss man sich nach einem Amoklauf eigentlich zwangsläufig auch selbst töten? Kann man sowas auch in Auftrag geben? Und wie groß muss ein Jahresgehalt sein, damit man sich sowas leisten kann?

Papa, der gelbe Farbe mit bringt. Aber so was von total hammer gelb. Echt.
Sich nach dem Räubertochter-Konzept nicht die Finger verbrennen.
Versöhnliche Gedichte. Ehrliche Bemühungen.

Jetzt aber.
Bei der Wahl eines Mitbewohners muss man nicht politisch korrekt sein, oder? Daher darf man auch alle Lehramtler über einen Kamm scheren.

Wer eine sehr klägliche Gewürzsammung hat, sollte nicht auf die Waschmaschine steigen und sie aufräumen wollen. Es gibt dort nichts zu tun.

Ein Date mit dem einzigen Leser.
Eigentlich muss man zwangsläufig den Vorzug zweier Zimmer nutzen und in einem totales Chaos veranstalten, um dann ins andere zu gehen und das Chaos zu vergessen. Denn eines Tages könnte man weniger als zwei Räume zu seiner alleinigen Verfügung haben und wo kann man dann das Chaos stehen lassen, ohne es sehen zu müssen?

Hallo, ich wäre gerne Teil einer Nicht-Zweck-Vegetarier-Rotwein-Trink-Wg.

Postbeamte sind so unangenehm ehrlich. Wenn man sich in der richtigen Schlange anstellt, sind sie dabei freundlich.

- Nein, die eigene Wohnung loswerden geht zwar schneller, als eine Neue finden, aber es ist nicht besser. Es ist überhaupt nicht leicht, zu merken, dass man gerade einen Termin mit der Vermieterin für den neuen Mietvertrag gemacht hat und dass die eigene Wohnung danach nicht mehr einem selbst gehören wird.
- Habe ich erwähnt dass ich sie liebe? Meine Wohnung.
- Schrecklich.
- Nicht einmal einen anständigen Job/Wohnungs und Beziehungsvergleich krieg ich mehr hin?
- Sie ist unerträglich geworden und ich kann sie schon seit einer Weile nicht mehr so gut leiden.
- Aber ich liebe sie doch.
- Sie ist ein zugiges Miststück und immer hat man kalte Füße.
- Sie geht nach Süden, ist sonnig und die hellste Wohnung im ganzen Haus mit dem besten Schnitt, ruhige Lage mitten in der Stadt.
- Eine Trennung ist unvermeidbar.
- Im Sommer ist sie traumhaft. Und Balkonien ist eine eigene Welt.

Kürzeste Wegeverfahren auf praktische Problemstellungen anwenden und sich dabei wahnsinnig gewitzt vorkommen bis jemand schreibt: "Also meine Mitbewohner sind erst um 7 alle da." Das verlängert den Weg enorm. Man... Davon haben sie in der Vorlesung nie was erwähnt.

Schrebergärten, Golfplatz, Stadtwald und Naherholungsgebiet. Wo ist hier die Industrie geblieben?
Kleine Kinder, die - kaum können sie laufen - schon fließend Französisch sprechen.

Fencheltee und kleines Bad, Hochbett macht dunkel und Norden liegt mir nicht.
Rauch, Grüntee, schreckliche Tapeten und spartanisch.
Currywurst, Verlaufen.
Renoviert, Badewanne, wohnliche Wohnküche und Balkon mit Abendsonne, Früchtetee, Option auf Katzenhaltung.
Tankstellen Aussicht mit dahinterliegender Hauptstraße, Küche zum Innenhof, Pfefferminztee.
"Ich bin hier nur zur Zwischenmiete, wie lang ich bleib weiß ich nächste Woche erst und meine Mitbewohnerin ist gerade nicht zuhause. Ob man das Zimmer möglicher Weise auch für länger haben kann weiß ich nicht, aber die Beschreibung, die du mir da zeigst, könnte fast auf diese Wohnung passen."

Unterm Strich ist das Gefühl danach etwa wie nach einem Bewerbungsgespräch. Kalt und Kopfweh. Besser als nach jedem Bewerbungsgespräch: Ankommen, wo ein fertiges Abendessen im Ofen wartet.

5

Diesen Text mochten auch

2 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare

  • Organspende

    „Wenn man doch tot ist, braucht man sein Organe eh ni...“

    25.05.2012 von rramona
  • Ding dong

    „Es ist auch schwer vernünftige Kleider zu finden. Di...“

    25.05.2012 von B.tina
  • 36 Grad

    „dachte voll sie bringt sich gleich um, was langweili...“

    25.05.2012 von Loo
  • Ding dong

    „Schon nach dem ersten Absatz hab ich mich kaputt gel...“

    25.05.2012 von NeverGrowUp
  • Ding dong

    „Das mit den H&M-BHs ist ja so was von wahr.&...“

    25.05.2012 von B.tina