derHalbstarke 18.12.2012, 16:16 Uhr 39 48

Krebsfrei

Gestern war Gestern und Heute ist Heute. Und Morgen vielleicht.

Aufmunternd guckt er mich an, dieser Operateur mit der schmierigen Schmalzlockenfrisur. Als er das sagt und wiederholt, was ich auch schon beim ersten Mal verstanden habe. Er, der mir vor knapp 2 Wochen Donnerstagnachmittags dieses ca. 1,2 Zentimeter große Ding und dazu auch gleich noch vorsorglicher Weise den rechten, unteren Lungenlappen nebst 15 Lymphknoten aus meiner Brust entfernt hatte. Sicher wäre sicher gewesen, wusste er mir zu berichten. Am Frühabend, nachdem alles vorbei war und ich noch völlig malad von der gut 7-stündigen OP und mit Schmerzmitteln vollgedröhnt an seinen schmalzigen Locken vorbeischielte und mir gerade nichts sehnlichster wünschte, als an einer Kippe zu ziehen und so zu tun, als ginge mich dieser ganze Tumormist einen Scheißdreck an. Als läge ich gar nicht in diesem Halbdunkel der Intensivstation, als wäre das alles in den vergangenen Wochen gar nicht passiert.

Und schon gar nicht mir.

„Krebsfrei“, sagt er noch mal und erwartet wohl so irgendwas wie ein Freudenschrei, irgendeine Regung von mir die zeigt, dass dieses „Krebsfrei“ bei mir angekommen ist, dass ich so erleichtert und glücklich darüber bin und ihm dafür jeden einzelnen seiner filigranen Operateursfinger ablutschen sollte. Dafür, dass er mir damit mein Leben gerettet hat. Vorerst. Ich freue mich, ich bin erleichtert und kann ihn trotzdem nur schweigend anglotzen. Nicht, weil ich ein undankbarer Sack bin oder es als höchst selbstverständlich betrachte, was er für mich getan hat und was doch nichts anderes als sein Job ist. Nein, es ist wieder diese Fassungslosigkeit, die mich lähmt und sprachlos macht. Und die mich nervt. Seit Wochen schon. Seit diesem herbstlich sonnigen Nachmittag vor rund 2 Monaten, als ich mit der Bahn unterwegs zu einer radiologischen Routineuntersuchung gewesen bin und meinte, beim Aussteigen mal eben zu einem Notfall werden zu müssen indem ich rechtsseitig für einige Sekunden einen Totalausfall hatte und deshalb in diesem grässlichen Stadtkrankenhaus landete. Grässlich, weil es dort wie in einem Durchgangslager zugeht, weil man da nix anderes als ne Nummer mit Akte ist – oder so was wie ein Fleischklops mit zappelnden Extremitäten auf nem McDonalds-Laufband. Egal, grässlich eben.

„TIA“ nennt sich das, was mir da beim Aussteigen aus der Bahn kurz vor den Latz geknallt ist, „suspekter Rundherd“ das, was so ganz nebenbei und zufällig bei den üblichen Routineuntersuchungen, bei der Röntgenaufnahme der Lunge entdeckt wurde. Noch ziemlich klein und frisch, aber da. Dieser runde Herd. Ich kapierte erst mal gar nichts, kriegte überhaupt nichts von dem mit, was mir die klugscheißende Jungärztin da erzählen wollte. Nur, dass ich schnell wieder aus diesem Sauladen rauswollte, der im Nachhinein dann doch nicht so verkehrt war. Zumindest was das mit der Lunge betrifft.

Chaotisch, alles was danach gekommen ist. Die Vernunft, dann doch mal jemandem vom Fach zuzuhören und ne CT der Lunge zu machen. Und dann der eindeutige Befund, dass da in mir ein Tumor sitzt, da unten rechts mitten auf dem unteren Lungenlappen. Dass ich das dringend und umgehend klären lassen muss, dass ich aufhören soll als ginge mich das alles wirklich nichts an. Zäh und endlos die 10 Tage dann auf der Lungenstation. Jeden Tag ne andere Untersuchung. Oder 2. Ein Schritt nach dem anderen, eines nach dem anderen gründlich abgecheckt. MRTs, CTs, immer wieder Röntgenaufnahmen, Knochenszintigrafie, Lungenszintigrafie. Meine Armbeugen, zerstochen und vernarbt von den zig Blutabnahmen, mein Kopf, wirr und schmerzend von den vielen auf- und erklärenden Gesprächen, das immer noch Nichtbegreifen, was überhaupt abgeht. Mit mir. In mir. Und zwischendurch das eiskalte Erwischen, das Verstehen, wenn ich nachts alleine in meinem Bett lag und stundenlang in die Dunkelheit starrte. Lautlos und manchmal heulend wie ein kleines Kind, dann, wenn ich doch begriffen hatte.

Dann, wenn sich die Angst vor dem Morgen, die Angst vor dem Tod wie ein fetter Elefantenarsch auf meine Brust gesetzt hatte und ich keuchend an den Sauerstoff musste. Weil die Luft nicht mehr gereicht hat. Und mein Mut. Dann, der Vormittag, als ich bis zur OP erst mal nach Hause gehen konnte, als klar war, dass er noch nirgends gestreut hatte, dieser verdammte Tumor, dass die Chancen gut stehen. Für mich. Wenn er bisher für sich und alleine geblieben ist, in hoffentlich gesunder Gewebeumgebung. Und wenn er die Lymphknoten drumherum in Ruhe gelassen hat. Bisher.

Die Tage dann zuhause. Hab mich gleich am Abend erst mal volllaufen lassen und eine Kippe nach der anderen gequalmt. Ist eh alles egal, hab ich gedacht und mich in den frühen Morgenstunden gepflegt vollgekotzt, soviel wie ich gesoffen hatte. Hab die Blicke des Menschen an meiner Seite völlig ignoriert. Seine Sorge, seine Angst. Um mich. Hab ihn beschimpft und wollte ihn zum Teufel jagen, wollte mich alleine in meinem bekotzten Selbstmitleid suhlen, wollte nicht, dass er sieht wie dreckig es mir geht. Und dass ich genauso viel Angst hatte, wie er. Nichts von all dem wollte ich mehr hören. Scheißkrebs, Scheißtumor, Scheißtod. Alles Scheiße. Und dann wieder die Vernunft, das klare Denken. Und der unbedingte Wille. Nicht aufzugeben, es zu schaffen. Und das Wiederzusammenfinden. Nach dem ganzen Chaos. Sein Lachen. Sein Dasein. Die derben, richtig bösen Krebssprüche, die wir uns ständig gegenseitig reingekloppt und unser gemeinsames Humorzentrum voll getroffen haben. Die stillen Stunden, ganz nah und miteinander. Sein immer wieder geflüstertes „Alles wird gut“

Wie er mir hinterhergeguckt hat, an diesem Donnerstagnachmittag, als sie mich zur Vorbereitung in den OP gekarrt haben und, wie er mich mit diesem Blick wieder eingefangen hat, als ich wieder zurückkam. Malad und schielend.

„Der endgültige, pathologische Befund ist eindeutig“, sagt die grinsende Schmalzlocke. Doch, rational habe ich verstanden, dass das „nichtkleinzellige Adenokarzinom“ überhaupt keine Chance gehabt hatte, die umliegenden Lymphknoten zu befallen, auch, dass ich ebenso wenig die Chance hatte, den Lungenlappen und die Lymphknoten zu behalten. Von wegen „sicher ist sicherer“ und so. Tumornachsorge, ja, Chemo, Bestrahlungen oder andere Krebstherapien, nein. Ich grinse ihn an, diesen Operateur und denke so bei mir, dass ich alter, zynischer Bock „Happy Ends“ immer irgendwie ne Spur zu schleimscheißg finde. Meins aber gerade irgendwie nicht.

Ausnahmsweise.


Freak Like Me

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39 Antworten

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    Gut ausgegangen!Bleib Gesund!
    Chemo ist das allerletze, 2 mal erlebt, wünsche ich keinem!

    17.10.2013, 23:05 von Popsicle
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    ich freue mich für dich, dass deine geschichte so gut ausgegangen bist. ich finde deine geschichte macht mut...

    21.05.2013, 02:29 von FinchenMagLachen
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    noch mal richtig Schwein gehabt! behalt es weiter, das Schwein.. ;) damit mein ich, bleib gesund!


    Ich pflege Krebspatienten täglich, manche monatelang.

    21.05.2013, 00:36 von Tora
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    oh man... was für ein Tripp... bei mir isses jetz ein 3/4 Jahr her und jede Routinenachuntersuchung jagt mir eine Scheißangst ein...

    Schön geschrieben :)

    20.05.2013, 23:00 von HappyMelli
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    sei froh, dass du keine chemotherapie machen musstest wie ich, denn da denkst du nur noch "lass mich lieber tot sein als lebendig".

    sei froh über deine ärzte und bleib gesund.

    06.04.2013, 15:34 von Suenje
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      Ja, darüber bin ich auch froh gewesen - und momentan traue ich dem Braten noch nicht so ganz, aber ich bleibe zuversichtlich. Danke und einen sonnigen Tag! ^^

      07.04.2013, 12:26 von derHalbstarke
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    es beruhigt mich, dass die patienten nach der entlassung erstmal einen heben gehen :-)

    27.12.2012, 17:36 von lavish
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    Puh. Hat mich ziemlich mitgenommen, weil mir gerade wieder bewusst wurde, wie schnell man selbst "Betroffener" sein kann... Auch wenns banal klingt, ich meins ehrlich! Ich wünsche Dir alles Gute! Und - schreib bitte weiter! Lieben Gruß, die Janu

    22.12.2012, 14:32 von Janu
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    Nicht Lunge, aber auch keine Chemo. Trotzdem habe ich Jahre gebraucht, mein Erleben so überzeugend in Worte kleiden zu können wie Du hier. Klasse!

    21.12.2012, 13:00 von schmonz
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    Dankesehr, von Herzen! ^^

    21.12.2012, 11:41 von derHalbstarke
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  • Haben wir sie noch alle?

    Burn-Out, Internetsucht, Depression - immer mehr Deutsche lassen sich therapieren. Braucht es all diese Therapien wirklich?

  • Apokalypse Wow!

    Die Mode ist die Message: Die pro-russischen Kämpfer in der Ukraine sehen mit Macheten, Masken usw. aus wie Figuren aus den »Mad Max«-Filmen.

  • Der Witz geht nicht mehr weg!

    Jeder kennt den Moment, in dem der Send-Balken hochgeht und man noch denkt: Stop! Was würdet Ihr gern aus dem Netz löschen?

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