Keine Farbe kam der deiner Augen gleich
Dann werden die Schuhe enger geschnürt und die Hände tief in den Taschen vergraben. Die Farbe meines Mantels wird rot sein.
Der Obdachlose saß auf dem harten Boden der Stadt. Ob ich ein wenig Geld übrig hätte, eine Zigarette, ich bot ihm Kaffee an, er wählte eine heiße Schokolade. Ich brachte sie ihm, er schien selig.
Die Straßenbahn hat dieselben Wegbeschreibungen wie vor 10 Jahren, die Farben änderten sich gewiss, gewiss war auch der schlechte Atem der Frau schräg gegenüber. Sie trägt ihre rotblonden Haare strähnig im Gesicht, ihre leichten Locken biegen sich unter dem Gewicht ihrer Gedanken, ich schätze sie auf Ende 40.Die Augenringe stehen ihr, ihre Augen sind blau.
Hastig sucht die Frau ihren Fahrschein als danach verlangt wird, ihre Bewegungen scheinen abgeklärt, sie kennt das schon, hat das alles oft erlebt. Scheint aus gutem Hause zu kommen, ein Haus mit Garten und zu wenig Zeit um gewisse Privilegien zu genießen. Die Kinder erwachsen, der Mann auf Reisen. Zwischendurch ein flüchtiger Kuss auf die Wange, längst nicht genug um vertraut zu sein.
Neben ihr ein kleiner Junge, die Mütze tief ins rosa Gesicht gezogen, seine Schuhe ganz braun vom Fußballspielen. Sie schaut ihn genau an, mustert ihn, als würde sie dann herausfinden, wie es sich anfühlt, so jung zu sein.
Als sie aufsteht, wirft ihr brauner Mantel Falten, die Hände ballt sie um den Haltegriff, die Bahn fährt die nächste Station mit einem langezogenen Ruck an. Ihr Nägel sind dunkelrot lackiert und an den Enden leicht abgesprungen, ihr Schritt zur Tür wirkt leicht arrogant. Sie steigt aus.
Durch die Scheiben sehe ich den Regen zu Boden tanzen, Regenschirme laufen Marathon, die letzten Stunden des Herbstes haben geschlagen. Bald wird der Regen den Ruhestand antreten und der Schnee seinen Posten übernehmen. Dann werden die Schuhe enger geschnürt und die Hände tief in den Taschen vergraben. Die Farbe meines Mantels wird rot sein.
An der Supermarktkasse kauft der Mann vor mir fünf Flaschen Bier und einen Apfel. Die Kassiererin lächelt ihn an, er kommt jeden Tag, mal nur Bier, mal nur Apfel und morgen wird sie ihm seine Nummer geben. Sie werden in fünfzehn Monaten heiraten, da wird sie noch nicht wissen, dass sie ein Mädchen mit sich trägt. Ihre zarten Finger reichen ihm sein Wechselgeld, Fünfundsechzig Cent.
Die elektrische Tür öffnet sich, zehn Minuten Fußweg bis zu meiner Wohnung. Unter meinen Schuhsohlen klebt Herbstlaub, die Ampel ist rot, an der Bushaltestelle wartet eine alte Dame mit selbstgestrickter Mütze auf den Bus, die 25, sie fährt zum Bebelplatz.
Dort gibt es ein Café, die Dame besucht ihre Schwiegertochter, diese kellnert dort. Die Ehe liegt längst in Trümmern, doch müssen sie das Haus ab bezahlen, das Auto, die teure Einbauküche, die sie so wunderschön fand. Gut kochen konnte sie nie. Sie bleibt auf ewig kinderlos. Ihr Mann betrügt sie seit acht Wochen mit einer Kollegin aus dem Büro.
Die alte Dame steigt in den Bus, ich gehe über die Straße, die Ampel wechselte ihre Farbe. Der Schlüssel eiskalt, der Briefkasten schenkt mir fünf Werbeprospekte und eine Rechnung. Ich streife meine Schuhe ab, öffne die verschlossene Wohnungstür, ohne heute auch nur einmal an dich gedacht zu haben.




Kommentare
Erinnert mich ein bisschen an "Lola rennt", nur ohne Speed.
29.10.2011, 02:32 von K-Stalker