Oliver_Stolle 15.06.2007, 12:19 Uhr 0 1

Keine Ahnung!

Die Autoren Kathrin Passig und Aleks Scholz über ihr »LEXIKON DES UNWISSENS«. Und über die Eitelkeit der Menschheit.

!Wie jedes gute Lexikon beginnt auch eures mit einem doppelten »a«. War es ein Zufall, dass es ausgerechnet über den Aal tatsächlich eine Menge Unwissen gibt?
Kathrin Passig:
Ja, ich habe, als wir mit der Arbeit an dem Lexikon begannen, einige Beispieleinträge angelegt, um Aleks das Konzept zu zeigen. Der »Aal« war dabei, weil Lexika normalerweise von »Aal« bis »Zylinderstift« gehen, und über Zylinderstifte, dachte ich, weiß man wahrscheinlich wirklich alles.
Aleks Scholz: Natürlich gibt es über die meisten Tiere einiges, was wir nicht wissen. Über den Aal weiß man zwar, dass er in der Sargassosee schlüpft und sich als Larve über den Atlantik treiben lässt. Beim Erreichen der europäischen Küsten wird er zum Glasaal, dann lebt er einige Jahre in Europas Flüssen. Doch wie es die erwachsenen Flussaale zurück zum Bermudadreieck schaffen und wie sie sich dort dann genau vermehren, ist ein Rätsel.

Aber gibt es nicht andere Tiere, über die wir noch viel weniger wissen? Tiefseebewohner zum Beispiel.
Kathrin Passig:
Natürlich, aber beim Aal er kennt man eben gut, dass Unwissen oft als letzte Pfütze auf einem schon weitgehend trockengelegten Ge - biet existiert. Umgekehrt war es beim Thema Krank heiten, da stellte sich schnell heraus, dass die Ursachen fast aller Krankheiten ungeklärt sind. Wir haben sie dann wieder von unserer Liste gestrichen.
Nur die Erkältung ist drin.
Stimmt. Weil unklar ist, wie der Ansteckungsprozess funktioniert – und sogar, ob Ansteckung überhaupt der wesentliche Faktor bei der Ausbreitung einer Erkältung ist.


Warum ist es schwieriger, Unwissen zu recherchieren als Wissen?
Kathrin Passig:
In der Wikipedia waren 95 Prozent aller Einträge, die ich wegen des Buches konsultiert habe, unbrauchbar, was Unwissen angeht. Es liegt in der Natur der Sache, dass Leute eher Dinge aufschreiben, die sie wissen.
Aleks Scholz: Wer schreibt schon gerne: Dieses oder jenes Rätsel ist immer noch ungelöst! »Rätsel endlich gelöst!« ist einfach eine schönere Schlagzeile. Auch als Wissenschaftler macht man sich erst mal damit vertraut, was es gibt, bevor man einen winzigen Schritt ins Unwissen macht.

Aber einem Forscher sollte doch klar sein, dass man mit jedem Wissen neue Fragen erzeugt.
Kathrin Passig:
Diese Erkenntnis ist natürlich nicht neu. Die Konsequenzen aber: Es gibt erstaunlich wenig Literatur auf dem Gebiet, auf die man aufbauen könnte. Das einzige vergleichbare Buch ist die »Encyclopedia of Ignorance«, die jetzt gut 30 Jahre alt ist und sich an ein rein akademisches Publikum richtet.

Was meint Donald Rumsfeld, wenn er zwischen »known unknowns« und »unknown unknowns« unterscheidet?
Aleks Scholz:
Nur ein Beispiel: Von dunkler Energie, einem Unwissensgebiet, in dem derzeit heftig geforscht wird, wusste man bis vor zehn Jahren nicht mal, dass es da etwas gibt, über das man nichts weiß. So ist aus einem »unknown unknown« immerhin ein »known unknown« geworden.

Apropos dunkle Energie: Wie ist das jetzt eigentlich mit dem Weltall? Wird man je wissen, ob es sich immer weiter ausdehnt oder nicht?
Aleks Scholz:
Das Thema hat es leider nicht mehr ins Buch geschafft. Im Moment sieht es so aus, als würde es sich bis in alle Ewigkeit weiter ausdehnen.

Und wie ist das mit dem Einemsen?
Kathrin Passig:
Darüber weiß man so wenig, dass man noch nicht mal ahnt, warum manche Tiere es tun. Es geht beim Einemsen darum, dass bestimmte Tiere – Vögel, aber auch Igel – sich begeistert mit aromatischen Substanzen einreiben. Der Igel gerät dabei ganz außer sich und bespuckt sich das Stachelkleid. Den Vögeln scheint das einfach nur so Spaß zu machen.

Vielleicht ist das Einemsen einfach so unwichtig, dass sich niemand vom Fach mit dem Thema befassen möchte.
Aleks Scholz:
Das ist die falsche Einstellung. Es konnte auch niemand ahnen, dass alberne Experimente mit zuckenden Froschschenkeln dazu führen würden, dass wir heute elektrisches Licht haben. Vielleicht können wir in 100 Jahren Kraftwerke mit Katzenschnurren betreiben – auch so ein Vorgang, den wir nicht wirklich verstehen.

Kann es sein, dass Sie einen sehr romantischen Blick auf die Wissenschaft pflegen?
Kathrin Passig:
Wir schreiben ja auch beide für die Riesenmaschine, ein Blog zum Thema Zukunft und Fortschritt. Die Riesenmaschine hat da klare Vorgaben und eine Autorenanleitung, in der explizit drinsteht, dass dem Fortschritt zu huldigen und das Neue zu loben ist.

Im Lexikon findet sich auch ein umfangreicher Absatz über die Rätsel der weiblichen Ejakulation. Ein Wissensgebiet, das aus ideologischen Gründen nicht erforscht wurde?
Kathrin Passig:
Es gibt immer Kräfte und Modeströmungen, die darauf einwirken, wie stark eine bestimmte Frage verfolgt wird. Aber fast alles, was mit dem menschlichen Sexualverhalten zu tun hat, ist noch nicht vollständig verstanden. Deshalb möchte ich da keine Verschwörungstheorie aufstellen und sagen, speziell über die weibliche Ejakulation sollte nix rausgefunden werden.

Der Soziologe Max Weber meinte, dass es keine wert freie Wissenschaft gebe – schon in der Wahl des zu erforschenden Unwissens zeige sich das Ziel.
Aleks Scholz:
Ich sehe das ein wenig anders. Es hat doch niemand angefangen, den Lauf der Gestirne zu verfolgen, mit dem Ziel, irgendwann zu wissen, wann es wieder Winter wird.
Kathrin Passig: Man muss dazu sagen, dass Aleks sein Geld damit verdient, Dinge über braune Zwerge rauszufinden – die trübsten Funzeln im Universum.

Anderes Unwissen ist noch brisanter. Sie schreiben, dass man bis heute nicht wisse, warum Men schen homosexuell würden.
Kathrin Passig:
Gerade unter Schwulen ist ja um - stritten, ob man dieser Frage Aufmerksamkeit widmen soll. Als Begründung wird dann gerne angeführt – um es mal sehr vereinfacht auszudrücken –, dass die Eltern dann anfangen würden, ihre schwulen Kinder abzutreiben, so wie man heute Kinder abtreibt, bei denen abzusehen ist, dass sie behindert werden. Ich glaube aber nicht, dass das in der Wissenschaftsgeschichte je funktioniert hat, dass man sagt: Wir gucken da jetzt einfach mal nicht hin, weil wir glauben, dass das Ergebnis Schaden anrichtet.

Sie ignorieren die klassische Ethikfrage, ob Wissenschaftler für die Folgen ihrer Erkenntnisse verantwortlich sind.
Kathrin Passig:
Das Argument wird reflexartig benutzt, wenn es um Fortschritt geht. Bei der Einführung von Viagra wurde auch kritisiert, dass es ein Problem, nämlich die fehlende Erektion, einfach behebt, anstatt dass man versucht, das Problem, auf irgendeinem sozialen Weg – durch Erst-mal-drüber-Reden oder so – ins Sexualleben zu integrieren und daraus das Beste zu machen.

Vielleicht haben Männer das Problem ja aus Gründen, die weit über das Körperliche hinausgehen.
Kathrin Passig:
Okay, aber ich bin immer dafür, erst einmal das zu beheben, was stört. Dann kann man immer noch, wenn man das möchte, über Tiefergehendes nachdenken.
Aleks Scholz: Wenigstens kann man aus Viagra keine Bomben bauen.

Ein Eintrag lautet tatsächlich: »Geld«.
Kathrin Passig:
Richtig. Historisch ist unbekannt, wie es dazu kam, dass wir heute bereit sind, bedruckte Papierstücke als Ersatz für etwas wirklich Wertvolles zu akzeptieren. Die brisantere Unklarheit: Was ist eigentlich alles gemeint, wenn wir von Geld sprechen? Hört das Geld da auf, wo man es nicht mehr anfassen kann? Wo es um Aktien geht oder Guthaben, die nur sagen: Ich habe jemand anderem Geld geliehen und werde es zurückkriegen. Klingt haarspalterisch, ist aber eine Frage, die für vieles, was Zentralbanken zu entscheiden haben, von wesentlicher Bedeutung ist.

In grundsätzlichen Fragen scheint man nicht weiter zu sein als die alten Griechen.
Aleks Scholz:
Ein klassisches Beispiel ist natürlich die Grundfrage, wie das Leben entsteht. Aber auf dem Weg zu einer Antwort haben wir so viel über Bakterien, Evolution und all das herausgefunden, dass es die Sache schon deutlich wert war.

Letztlich zeugt Ihr Lexikon vor allem von der Eitelkeit der Menschheit, die glaubt, sie wüsste eine Menge.
Kathrin Passig:
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man nicht auch in Zeiten, wo man noch überhaupt nichts wusste, außer dass man auf einem Dreckklumpen lebt und dass am Himmel nachts kleine leuchtende Punkte zu sehen sind, dachte, man wüsste alles.

Frau Passig, Herr Scholz, haben Sie in der Schule nie gedacht: Puh, das ist mir jetzt aber so egal, da schlafe ich lieber ein Dreiviertelstündchen?
Kathrin Passig:
Doch, andauernd, aber ich darf das, ich habe Narkolepsie, übrigens auch so eine Krankheit, über deren Ursachen recht wenig bekannt ist.
Aleks Scholz: Es gibt aber Wissen, dessen Fehlen sich im Leben schmerzhaft bemerkbar machen wird. Die Verweigerung, Wissen aufzunehmen, sollte einhergehen mit dem Wissen, welches Wissen man besser aufnimmt.
Kathrin Passig: Ich glaube, dass es immer gut ist, eher ein bisschen mehr als ein bisschen weniger zu wissen. Aber meine Begeisterung für Faktenwissen hat in den letzten Jahren noch einmal deutlich abgenommen. Das Gehirn ist besser im Begreifen von übergeordneten Konzepten. Deshalb soll sich auch bitte niemand die Details aus unserem Lexikon merken. Was man aber mitnehmen kann, ist das Bewusstsein, dass man sich auch selbst ein bisschen um den Fortschritt kümmern kann.

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