Kein Mucks
Eine rauschende Großstadt ist eine Illusion, gemacht aus Rattern, Dröhnen, Klacken und Rumpeln.
Ich lege mir morgens immer Musik in die Muscheln an den Kopfseiten. Lasse sie rauschen bis in meine Mitte hinein. Ich mag es, wenn die Beats zu Schritten werden. Ich mag es, wenn das Leben eine Melodie hat. Die sich in jedes Gesicht schreibt, die sich über alles legt wie weiches Licht. Ein gigantischer, gleich geschalteter Tanz. Eine Choreographie, mit meinem Herzen erdacht.
An diesem Morgen allerdings, wollte ich der Stadt eine Chance geben. Ich ließ also die Kopfstöpsel und die Jukebox in den Taschen stecken und ging auf den Tag los. Mir war nämlich aufgefallen, dass ich nicht wusste, wie mein Viertel überhaupt klingt.
Als ich aus der Tür hinausfiel, direkt ans Ufer des tosenden, vierläufigen Flusses vor meinem Haus, zerplatzte neben mir auf dem Gehweg eine große Portion Putz. Sie fiel dem Bauarbeiter über mir zwischen den Fingern hindurch. Ein sehr spätes und sehr arabisches „Achtung“, bröckelte mit den letzten Staubfetzen hinterher. Seine schweren Schuhe polterten hektisch auf den Holzbrettern seines Klettergerüstes. Und mein Atem fiel schwer vor meine Füße. Sonst war nicht viel zu hören. Es war ganz still.
Die nächsten Schritte führten mich am stummen, aber duftenden Blumenladen vorbei. Dort arbeiteten junge Asiaten, die nie ein Wort sprachen. Selbst wenn man bezahlte, war das klagende Piepen der erschöpften Kassenelektronik alles, was man außer dem Rascheln des umständlichen Blumenpapiers hören konnte. Wenn man Pech hatte, klackte der absterbende Arm der Glückskatze in der Ecke im Takt der eigenen Schritte. Sodass man eine Gänsehaut bekommen musste. Vor lauter Stille.
Hinter dem Blumenladen fiel steil das Ufer des Flusses ab. Ohne Pause rauschten hier die schwarzen, grauen und roten Metallsteine seinen Lauf hinab. Ihre Reifen wühlten die Luft auf. Die hing deshalb in Fetzen an den Häusern, Bäumen und in den Gesichtern. Nur im Schutz der Dunkelheit, zwischen drei und fünf, machten die Steine eine Pause. Dann schlafen deren Besitzer und ruhen sich aus. Gerade wer viel Krach macht, braucht viel Ruhe. Dann kann es sein, dass man wach wird, vor lauter Stille.
Als die rote Ampel die Autos für ein paar Sekunden auf eine stille Schnur reiht, drücke ich mich hindurch auf den Mittelstreifen, stelle mich zu den anderen in den gläsernen Wartekasten. Und schaue mit knirschendem Hals nach links wo die Bahn bleibt. Aus meiner Tasche schäle ich knisternd einen Kaugummi, den ich laut schmatzend zu einem weichen Brei zermatsche. Das Kauen dröhnt in meinen Ohren, meine Kniescheiben wippen auf und ab. Mein ganzer Körper scheint mit dem Kautschuk beschäftigt zu sein. Aber keiner kann es hören. Ihre Augen ruhen auf ihren Füßen. Dann zerschneidet ein gelber Kasten die Stille. Er hat zwei Wagen angehangen.
Als ich eingestiegen bin, beginnt eine rote Lampe über der Tür zu klagen. In kurzen Stößen warnt sie jeden mit ihrem Stakkato-Lied vor Verletzung, der es doch noch wagen will, seine Füße zwischen die sich unbarmherzig schließenden Türen zu stellen. Selbst die Frau in dem schreiend grünen Rock, hat keine Chance mehr mitzufahren. Dabei hatte sie extra noch eine Schicht Rouge aufgetragen und war die letzten Meter bis zur Tür auf ihrem wippenden Dekollete gesprungen. Vergeblich. Die Bahn setzt sich mit dem Surren einer Technokatze in Bewegung. Und ich schaue nach ein paar Schienenmetern wieder in die Gesichter derer, die nicht ich sind. Und kann fast hören, wie es in ihren Köpfen wispert. Und wie die Muskeln knacken, die ihre Lippen verschlossen halten. In der M4 herrscht Stille.
Umsteigen. Der schwarze Gummi der Türen öffnet sich schmatzend und die Menschen fließen in einem großen Schluck in die Unterführung hinein. Ich ordne mich ein als Treibgut. Unsere Füße werden zu einem gigantischen Metronom, das uns wie ein krankes Herz vorwärts schlägt. Von den Wänden hallt uns der Gleichschritt entgegen, dem wir alle hörig sind. Auf den Stufen zum Bahnsteig hinauf beginnen die Schritte zu zischen. Ich nehme zwei Stufen auf einmal und höre mein Herz gegen den Kehlkopf schlagen. Oben angekommen, suche ich mir einen Stehplatz und spitze mir die Ohren an der Stille zu Bleistiftminen.
Die Erkenntnis schreit nicht, hat es nicht eilig, macht keinen großen Aufriss. Sie flüstert mir mit bedächtigen Worten von der Seite ihr Geheimnis zu.
Wir sind allein. Wir, die etwa 15o Menschen, die in der größten Stadt Deutschlands auf die S-Bahn warten. Wir, die wir Melodien in den Ohren, Worte in den Köpfen und ganze Sinfonien in den Herzen haben. Wir sind so allein, dass selbst die Steine uns beweinen. Keiner spricht ein Wort. Nichts deutet darauf hin, dass hier Menschen sind. Fünf Minuten lang stehen wir zwischen einander und niemand hat dem anderen etwas zu sagen. Zwischen unseren Köpfen und Füßen bewegen sich ganze Welten. Aber niemand fragt, worum sich der andere dreht. Hier stehen Geschichten in den Morgen geschrieben, die keiner lesen will. Ein Lautsprecher knackt, ein Telefon klingelt, ein Hund riecht den Braten. Die Stadt rauscht in den Hinterköpfen.
Kein Mucks macht unser Leben.
Als die einfahrende S-Bahn uns vom Nichtssagen erlöst, bin ich schon fast taub von der Stille. Ich starre auf die Münder der Passagiere, deren Gesichter Bände, aber deren Münder nicht ein Wort sprechen. Die Stimme aus dem Lautsprecher tut, als ob hier wer am Leben sei. Und als ich schließlich aussteige, schreibe ich in Gedanken bereits diesen Text. Aufgewühlt höre ich in die Stadt hinein. Ein LKW bringt mit hartem Gummi die Erde zum Beben. Eine U-Bahn schneidet auf ihrem Weg ein Vogelzwitschern auseinander. Ein Besen kratzt im Straßendreck. Und dazwischen laufen wir durcheinander, mit der leisen Hoffnung nicht allein zu sein.
Seitdem denke ich, dass wir die Städte gern laut machen. Weil wir dann nicht hören können, wie still wir eigentlich sind. Eine rauschende Großstadt ist eine Illusion, gemacht aus Rattern, Dröhnen, Klacken und Rumpeln. Auf den Straßen regiert heimlich das Schweigen. Kein Mucks macht unser wahres Leben.




Kommentare
Seitdem denke ich, dass wir die Städte gern laut machen. Weil wir dann nicht hören können, wie still wir eigentlich sind. ist irgendwie sehr treffend gesagt...
20.11.2010, 19:56 von topfbluemchenein wunderschoener text...aber:
09.02.2009, 23:54 von chocladySeitdem denke ich, dass wir die Städte gern laut machen. Weil wir dann nicht hören können, wie still wir eigentlich sind.
ich habe eher das gefuehl, dass nicht wir die stadt laut machen, sondern sie uns leise.
so als ob das rauschen die wirklichkeit ist, und die stille in uns (oder von uns?) die illusion.
@hippogreif ich denke das denken viele. aber es steht halt nicht bei neon. :)
15.10.2008, 10:10 von hibGenau das ist der Grund, weswegen ich mich seit ich 13 bin nicht mehr ohne Musik in den Ohren vor die Tür traue. Musik blendet diese schweigende, graue Masse aus, umfängt einen mit warmen, schützenden Händen die einem die Welt bunter, erträglicher werden lassen. Wie eine bunte Glaskugel, in welcher man geht. Es prallt alles ab, und lässt nur die Melodie spielen.
19.08.2008, 19:47 von LeyluraLegbreaker@LeyluraLegbreaker obwohl es sich auch in und wieder lohnt, die kopfhörer mal abzulassen und reinzuhören in das, was da so kreucht und fleucht.
20.08.2008, 09:51 von hibWow!
05.07.2008, 21:53 von NovemberBeeDu fasst das in Worte, was mir Landei jedes Mal wieder auffällt, wenn ich in eine Großstadt komme...
Sehr schöner Text!
@NovemberBee landeier sind die besseren berliner. :)
20.08.2008, 09:51 von hibhier kurzer Ausschnitt aus "Nach dem Regen", die ersten Sätze:
19.02.2008, 20:16 von erbse.joMach die Ohren auf, dann hörst du’s.
Sie singt, die Stadt.
Wenn du ruhig dastehst, hinten im Garten, in der Mitte der Straße, oben auf dem Dach.
Nachts ist das Lied am klarsten, wenn der Klang schneidend über die Oberfläche der Dinge streicht, wenn er tief in dich eindringt.
Es ist ein Lied ohne viele Worte, aber ein Lied ist es trotzdem, und jeder, der es hört, weiß genau, was es singt. Und das Lied klingt am lautesten, wenn du jeder Note einzeln lauschst.
Das leise, einlullende Summen der Klimaanlagen, die aus Läden und Cafés und Büros in der ganzen Stadt Hitze und Dünste blasen, laufen an und laufen aus, lange, einander überlappende Atemzüge, ein Wiegenlied für müde Straßen.
Der brausende Verkehr fliegt noch immer über Hochstraßen, selbst in den dunklen Stunden ein fortwährendes Rauschen, Reifen auf Asphalt, Motoren grollen, lose Gatter und Gullys kla-klacken wie Kastagnetten aus Stahl. Straßenarbeiter arbeiten, nutzen die Stunden der geringsten Unterbrechungen, zerreißen die kalte Nachtluft mit Bohrern und Preßlufthämmern und pneumatischen Pumpen, schwitzen unter dem sirrenden Zischen der Flutlichter, rufen sich etwas zu wie die Schlagzeuger in einer Rockband, geben den Rhythmus an, kleben neue Haut auf die Adern der Stadt.
@erbse.jo gemerkt. danke.
09.04.2008, 09:55 von hibHast du "Nach dem Regen" gelesen? Könnte man fast meinen!
18.02.2008, 20:53 von erbse.joDein Text: Klasse!
Wenn du das Buch nicht kennen solltest, bzw. ihr: UNBEDINGT lesen, es ist echt gut!
wow. ich hatte jedes einzelne Wort vor Augen und jetzt hallen sie immer noch in meinen Ohren nach.
06.12.2007, 16:51 von Alice-inWonderlandhm.
24.11.2007, 00:20 von derHerrMitDemPixelich mag den text.
aber ich mag auch stille. auch die auf den bahnsteigen, in den ubahnen und in den straßen dieser stadt.
hm...
was auch immer. hast jedenfalls ´nen nerv getroffen.
;)