Kehrwoche
Er wühlte in meinem Gemüt herum und fragte "Brauchst du das noch?"
Ich lief ein Stück Richtung Osten und legte mich neben ihn in ein frisch gemachtes Bett. Wir schliefen auf den Trümmern unserer kaputten Welt und er atmete im Schlaf so leise, dass ich nachts aufwachte, ihn nicht mehr hörte und Angst hatte, er wäre gestorben.
Wenn er am Bettrand saß, sah ich seinen schmalen Rücken an und wünschte ihm einen schönen Tag und er lächelte dann immer und schüttelte den Kopf, und wenn die Tür hinter ihm zugefallen war, stand ich auf, zog seine Strickjacke an und blickte vom Turm hinunter auf das, was wir nie mehr so betreten würden, wie wir es vielleicht irgendwann mal hätten tun sollten.
Wenn er wiederkam, legte er seine Jacke über den Stuhl und fragte, wie ich den Tag verbracht hatte und wenn zu viel Hass und Galle gespuckt wurde, wischte er es beiseite und später an den Abenden putzten wir gegenseitig in unseren Hirnen den Seelendreck weg. Stapelten das, was nicht hinter unseren Augen auf den Boden genagelt worden war, ordentlich auf und lüfteten durch.
Abends sagte er "Gute Nacht" und legte mir seine Strickjacke hin, damit ich noch ein bisschen länger mit der Nacht reden konnte und nicht frieren musste. Ich fuhr mit dem Finger über die staubigen Regalbretter in unseren verhungerten Herzen und ließ die Sehnsucht zwischen uns schlafen, damit sie nicht aus dem Trümmerbett fiel.
Dann räumten wir auf. Er wühlte in meinem Gemüt herum und fragte "Brauchst du das noch?" und wenn ich den Kopf schüttelte, zog und zerrte er und der Mülleimer war irgendwann voll und quoll über und wir fegten durch und den Dreck aus dem Fenster. Ich schälte die toten Fetzen von seinem Schutzschild und sagte "das funktioniert so nicht" und er zuckte mit den Schultern.
Als wir fertig waren, sahen wir überall die schwarzen Flecken.
Wir betrachteten sie, nippten an unserem Tee und sagten nichts. Die Flecken waren Seins und Meins. Es gab kein Gemeinsames ... und wir schlichen mit respektvoller und sensibelster Vorsicht um die Möglichkeit des Versuchs herum.
Am Wochenende blieben wir beide länger wach und er ging in der Dunkelheit in meinem Kopf herum und klopfte die undichten Stellen ab und sagte, dass das nicht so gut wäre mit den Mauern und wir mussten lachen, weil er wusste, ich würde danach in seinem Kopf spazieren gehen und mir die Räumlichkeiten ansehen und ihm dann dasselbe sagen.
Nach einer Woche wartete ich auf den leicht anderen Ton in seiner Stimme, auf den ersten Blick in den Himmel, und das erste Kopfschütteln, das nicht von einem Lächeln begleitet wurde. Stattdessen ging er ins andere Zimmer und kam wieder und sagte, dass es ungewohnt wäre, schlafen zu gehen und das Licht im Wohnzimmer nicht auszumachen und ich ging auf Zehenspitzen umher, weil ich dachte, die Luft würde schwerer werden und ich wollte irgendwie vorbereitet sein.
Als der leicht andere Ton in seiner Stimme nicht kam und er auch den Himmel nie anschaute, flüchtete ich und legte mich allein in ein geruchloses Bett und morgens gab es niemandem, dem ich einen schönen Tag wünschen konnte und als ich aus dem Fenster blickte und der Schnee mit festen und dicken Flocken die Stadt still machte, ging ich wieder zurück und las ihm abends in seine Strickjacke gewickelt aus der Zeitung vor.
Irgendwann entstaubten wir den Zynismus, den ich bei meiner Ankunft in der Ecke abgestellt hatte und wir teilten ihn zu gleichen Teilen auf, weil wir sonst außerhalb der gemeinsamen vier Wände nicht überleben würden und er umarmte mich zum Abschied, sagte irgendwas, an das ich mich nicht mehr erinnere und als sich die Tür hinter mir schloss, fragte ich mich, wer jetzt neben ihm in die Dunkelheit hinein hören würde, ob er noch am Leben wäre."Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare
Zu alegorisch, zu metapherngeschwängert um wirklich zu berühren.
31.03.2010, 16:10 von holo...Bar jedes Fünkchen Ironie wird die eigene Abgeklärtheit zelebriert, ohne ernsthaft auf das einzugehen, in was diese Distanz nun begründet liegt.
Nun gut, vielleicht nicht mein Thema. Aber sich einer solchen Innenansicht derart humorlos zu nähern, finde ich generell fragwürdig. Zelebriertes Leiden is was für Schiiten...
Atemberaubend. Großartige Bilder und Sprache. Macht nachdenklich.
30.03.2010, 19:11 von dasLaecheln