Jammern auf hohem Niveau
Alle haben’s gesagt; ich hab’s nie geglaubt. Jetzt merke ich: Zwischen Uni und Job liegen Welten. Das macht keineswegs unglücklich - aber extrem müde.
Schluss für heute. Schlüssel in die Tasche, Ausweis in die Tasche, Handy in die Tasche. Tasche zu. Müde. Treppe runter, Tür auf, Laufschritt. Rolltreppe runter, Bahn noch da, Glück gehabt. Tür auf, Gedrängel, hinsetzen. Blick aufs Handy, 17:30 Uhr. Müde. Tasche auf, iPod raus, Handy rein. Kurze Fahrt, Treppe hoch, Sport-Ausweis raus. Einchecken, umziehen, rauf aufs Laufband. Geil: Verbotene Liebe. Laufen, laufen, laufen. Schwitzen, duschen, eincremen. Müde. Glücklich.
Glücklich, weil ich beim Sport war. Glücklich, weil ich gleich meinen Freund sehe.
Glücklich aber vor allem, weil mein Job einfach super ist. Nicht irgendein Job. Mein erster Job! Ich sitze morgens gut gelaunt im Bus, schließe fröhlich mein Zimmer auf, freue mich, dass die netten Kollegen schon da sind, lache mit meiner sympathischen Teamleiterin. Seit sechs Wochen bin ich berufstätig. Bis Februar war ich Studentin. Dazwischen liegen Welten. „Wenn du erst einmal arbeitest, wirst du dich zurücksehnen in deine Studentenzeit“ – unglaublich oft habe ich diesen Satz gehört! Geglaubt habe ich ihn zum Glück nicht. In meine Schulzeit mit pädagogisch unfähigen Lehrern, sich wie altes Kaugummi ziehenden Chemiestunden und Schweißausbrüchen beim Lesen der Aufgabenstellung der Matheklausur habe ich mich schließlich auch nie zurückgesehnt, obwohl es mir wieder und wieder prophezeit wurde.
Ziemlich genau ein Jahr vor Ende meines Studiums war ich so weit, dass ich fand, es sei jetzt genug mit Studentenleben. Natürlich sah ich die Vorzüge. Ich fand es herrlich, den Wecker ignorieren zu können, wann immer ich wollte, Geburtstags-Prosecco-Flaschen nicht um 20 Uhr, sondern ab 10.30 Uhr zu öffnen oder drei Viertel eines Tages mit einer Freundin, drei Tafeln Schokolade und einer Wolldecke im sonnigen Park zu verbringen. Mich störte nur schlicht und ergreifend irgendwann das Gefühl, für niemanden (außer eben für mich selbst und mein „Scheine-Abhaken“) produktiv zu arbeiten. Ich habe wirklich gerne studiert, aber so richtig motivierend fand ich es nie, wenn ich eine 30-seitige Seminararbeit, mit deren Thema ich mich mindestens vier Wochen befasst hatte, nach kurzem Kopfnicken des Professors (und im guten Glauben, dass zumindest sein Assistent die Arbeit gelesen hatte) zuhause in den Müll schmeißen oder in brennende Papierflugzeuge verwandeln konnte, weil es ansonsten keinerlei weitere Verwendung dafür gab.
Das ist jetzt anders. Natürlich möchte ich nicht behaupten, dass seit sechs Wochen jedes Wort, das ich sage, eine Lawine von Entscheidungen auslöst oder gar jeder Satz, den ich tippe, Grundlage einer strategischen Entscheidung wird. Das wäre absolut gelogen. Auch kann ich nicht behaupten, dass mein Budget momentan sehr viel größer ist als es zu Studentenzeiten war oder dass ich (hierarchisch gesehen) zur Zeit irgendetwas zu melden hätte. Ich meine einfach nur, dass meine Arbeit jetzt quasi „extern“ an Wert gewinnt; dass plötzlich andere Menschen von dem, das ich da täglich mache, profitieren. Ganz, ganz langsam natürlich. Trotzdem stelle ich fest, dass mich das sehr glücklich macht. Weil ich merke, dass ich etwas Sinnvolles tue, dass ich jeden Tag zahlreiche (mir bisher verborgen gebliebene) Dinge dazulerne, dass andere das, was ich tue, schätzen, und dass die Quereinsteiger- und Fachfremdenrolle mir ziemlich gut zusagt.
Das alles macht mich zufrieden – und müde, ja, aber auf eine zufriedene Art müde. Ich kann es im Moment wirklich noch nicht so recht glauben, wenn meine Eltern oder ältere Freunde erklären, dass man schnell lernt, sich seine Zeit trotz Job ergiebig einzuteilen oder dass man nach einigen Monaten auch nicht mehr jeden Abend wie ein kleiner Hund, der den ganzen Tag durch die Gegend gerannt ist, völlig erledigt auf dem Sofa einschläft. Im Moment sind die Worte „sowohl...als auch...“ aus meinem Wortschatz gestrichen. Sie wurden durch „entweder...oder“ ersetzt. Am frühen Abend sieht mein innerer Plan ENTWEDER Sport ODER Freunde, ENTWEDER einkaufen ODER telefonieren, ENTWEDER Wäsche bügeln ODER glotzen vor. Zwei Dinge an einem Abend überfordern mich. Natürlich nicht so, dass ich anfangen würde zu heulen – eher so, dass ich anfange zu lachen, wenn ich um halb acht auf die Uhr gucke und das Gefühl habe, definitiv innerhalb von drei Minuten einschlafen zu können, wenn ich mich jetzt kurz aufs Bett lege. Plötzlich kann ich es verstehen, dass meine Mutter abends lieber ein gutes Buch liest als mit Freunden zu telefonieren oder dass mein Vater zum Mittagessen lieber kurz nach Hause fährt als sich in der Stadt ein Käsebrötchen in den Mund zu stopfen. Ich kann es verstehen, dass meine Eltern in den Sommerferien lieber drei Wochen in Italien am Strand rumliegen und gute Bücher lesen, statt möglichst viele Orte und Kirchen an der französischen Küste zu sehen und dass sie froh sind, wenn sie ein Wochenende nutzen können, um sich zuhause tausend kleiner unerledigter Sachen annehmen zu können, statt auf irgendeinem Fest zu sein.
Mir ist allerdings schleierhaft, wie sie es immer geschafft haben, sich um mich und meine drei Brüder zu kümmern, uns zum Fußball, Tennis, reiten oder Querflötenunterricht zu fahren, mit stoischer Ruhe (zumindest meist) unser pubertäres Rumgezicke zu ertragen, selbst Tennis zu spielen, aufmerksam die FAZ zu lesen, gelegentlich zwölf Freunde zu bekochen und neue Rosenstöcke zu pflanzen, während sie „nebenher“ beide voll berufstätig sind. Eine Weile wird das sicher auch noch ihr ungelöstes Geheimnis bleiben. Wenn ich irgendwann dahinter komme, werde ich ihnen stolz davon berichten. Denn da sich die düstere Prophezeiung der „Du wirst dich noch zurücksehnen-Sager“ nicht bewahrheitet hat und ich bisher eigentlich nur jedem empfehlen kann, sich ins Arbeitsleben zu stürzen, bin ich bis dahin gerne glücklich-müde und glücklich-verplant.




Kommentare
schöner text und so wahr.
06.11.2007, 11:26 von selouwas hast du denn studiert?
@[Benutzer gelöscht] guten morgen :-)
13.08.2007, 06:46 von de_Seseja, das gelobe ich mir doch meinen dualen bwl-studiengang .. es war am anfang ganz schön hart sich an 8 stunden volle konzentration zu gewöhnen (na gut, netto sind es vielleicht 6 stunden, die ich mich voll konzentriere). aber die erfahrung isses auf jeden fall wert und deinen artikel zu dem thema find ich toll! endlch mal jemand, der das positive hervorhebt!
guten start in die neue woche! hehe ..
Sesi
Wunderschön...
02.07.2007, 23:47 von StockmasterIch habe deine Beschreibung der "Nach Uni Ära" sooo genossen. Ich mußte lachen und nicken und anerkennend schmunzeln.
Ihr Frauen habt es echt drauf, die Dinge zu benennen...
Vielen Dank für diesen Beitrag er hat mich glücklich gemacht...
Danke für Eure zahlreichen Kommentare :)
30.06.2007, 17:41 von Aloisia@Sirius: Das Kind ist zum Glück noch nicht am Start. Das hätte ich dann näml GARANTIERT nicht vergessen ;) Du hast recht...
@MarieAnne: Wünsche Dir ganz viel Erfolg!!!! Übrigens: Praktika habe ich während meines Studiums auch ziemlich viele gemacht...aber ehrlich gesagt ist "richtig arbeiten" nochmal total anders. nach einem Tag beim praktikum war ich auch müde, aber n richtiger "ernsthafter" Job toppt das auf jeden Fall, weil man (ohne daß man es vielleicht anfangs muß) viel mehr Verantwortungsbewußtsein und viel mehr das Gefühl (zumindest meist) "performen zu müssen" mitbringt...
@dieJudith: klar, ich bin mir auch sicher, daß ich selbstbestimmte Tagesabläufe und studentische Freizeit irgendwann vermissen werde - aber es ging ja in meinem Text auch nicht darum zu beschreiben, daß ich alle, die das behaupten, im Moment für Idioten halte... ich wollte nur die Mischung aus Glücklich- und Müdesein darstellen....und ich denke, mit ein bißchen guter Planung und einem Quentchen Glück läßt sich die Anfangseuphorie auch ne ganze Weile halten... - und ob Du's glaubst oder nicht: Ich kenne auch leute, die nach 25 Jahren im Job noch gerne ins Büro gehen!
Das reicht erstmal :) Mir fällt siche rnoch mehr ein... Habt ein schönes Wochenende!
@Aloisia ganz schön, dieser text.
02.07.2007, 15:45 von NiemandsroseAuch wenn ich nicht vom Studentenleben reden kann und mich auch nur absehbar berufstätig nennen kann - verglichen mit vorherigem Auskommen geniesse ich die berufliche Erschöpfung in ähnlicher Weise... freue mich aber auf meine folgende Studentenzeit, an deren Ende ich sicherlich auch freudig auf den Berufseinstieg schauen werde (hoffentlich...)
30.06.2007, 08:08 von mezzanine@mezzanine Anzufügen sei, dass ich mir schon kurz nach der Schule (da stimme ich deinen Ansichten allerdings mit Ausrufezeichen zu, nie vermisste Inkompetenz und das M-Wort ist aus meinem Wortschatz gestrichen!) beim FSJ ein Bild von der 20UhrimSesseleinschlafenErschöpfung machen konnte und dabei vollends zufrieden war - muss also nicht 'erst' nach dem Studium sein..
30.06.2007, 08:10 von mezzanineIch habe zwar ein Diplom in der Tasche, die Vorzüge eines richtigen Studiums konnte ich nicht genießen. Bei mir war alles verschult und eine beschissene Tretmühle. Insofern bin ich froh, dass es vorbei ist. Seit zwei Jahren leide ich aber, wie alle meine Freunde, an einem chronischen Jetlag. Eine Zeit lang habe ich Freitags nach der Arbeit zwei Stunden geschlafen. Jetzt gehe ich um diese Zeit zum Sport. In der Woche gibt es nur "entweder oder" und dann kommt das Wochenende an dem man versucht alles nachzuholen. Dadurch ist man genauso busy wie in der Woche. Den Sommer kann man trotzdem mehr genießen als in der Studien- bzw. Prüfungszeit. Na gut, wenn er mal da wäre.
28.06.2007, 21:57 von Garth_Elgartja, süße euphorie des anfangs. hatte ich auch mal.
27.06.2007, 22:38 von dieJudithaber wenn der job irgendwann mal mehr zur routine wird und man sich auch nicht mehr jeden morgen in der s-bahn wichtig und als ein tolles, funktionierendes mitglied dieser gesellschaft vorkommt (jaja, hatte ich anfangs auch, das ist die phase, wo man es auch noch toll findet, dass man eine firmen-email-adresse hat), dann beginnt man doch, selbstbestimmte tagesabläufe und studentische freizeit zu vermissen.
ich arbeite jetzt seit zwei jahren täglich 10 stunden, manchmal auch 12, oft auch am wochenende. da gewöhnt man sich nicht an die müdigkeit, die wird einfach nur immer schlimmer.
also, ich hatte am ende zwar auch absolut keinen bock mehr auf uni und will auch keine seminare mehr haben, aber diese lebensphase mit ihrer freiheit ist durch nix zu toppen.
keine arbeit... kein geld... mein zuhause ist die welt... um es mal mit dem jeansteam zu sagen.
so. bin aber nach 10 monaten durcharbeiten auch gerade urlaubsreif :)
Ich habe auch vor dem Studium eine Ausbildung abgeschlossen und konnte das Studium dann richtig schätzen. Dass viele im Studium das Gefühl haben, nichts Produktives zu tun und nur aufs Arbeiten warten, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ich bin bald fertig mit dem Studium, aber habe fürs Studium stundenmäßig mehr geackert als in der Ausbildung, es war anstrengender, aber ich hatte auch mehr Energie als Tag für Tag im Büro vor dem Rechner zu verbringen.
27.06.2007, 22:04 von SaphiraEs kommt immer drauf an, was man aus dem Studium macht und wie man sich den Tag einteilt. Ich kenne viele Leute, die nebenher noch richtig viel jobben (ich teilweise "nur" 10 Stunden die Woche) und das Studium trotzdem straight durchziehen.
Dass Arbeiten zwangsweise so viel produktiver ist als zu studieren, finde ich nur bedingt. Viele Meetings laufen ins Leere und viele Leute machen nur "Dienst nach Vorschrift" und zählen die Stunden bis zum Feierabend.
Ich glaube, viele Supermarktangestellte und vergleichbare Berufe, die für wenig Geld viel und zu unregelmäßigen Zeiten arbeiten, würden sich über ein Studium mehr freuen. Ich kann das gut beurteilen, denn in meiner Familie sind meine Schwester und ich die ersten, die ein Studium absolvieren konnten.