Island geht baden
Mit der FINANZKRISE ist das einst teuerste Land Europas zum Billigziel geworden. Eine Reise auf die Vulkaninsel ist jetzt wärmstens zu empfehlen.
.Am Abend zuvor hat die Erde gebebt. 4,9 auf der Richterskala. Wenn Island ein Chemiebaukasten ist, mit dem der liebe Gott noch gelegentlich spielt, dann ist die Blaue Lagune das dampfende Reagenzglas darin. Und in das steige ich gerade. Milchigblau hebt sich die Flüssigkeit von der scharfkantigen Lava der Halbinsel Reykjanes ab. Vergessen auf einmal, wie durchgefroren ich war. Wie mürbe vom ständig an Kleidung und Nerven zerrenden Wind. Jetzt löst sich alles auf. Die Konturen, der Verstand, irgendwann auch die Haut. Nur noch kaltes Wasser von oben, heißes von unten und Dampf dazwischen.
Island geht baden. Doch in der Blauen Lagune, der spektakulärsten Touristenbadewanne der Insel, ist von der Krise nichts zu spüren. Während ich neben einem Pärchen aus Holland in das cocktailfarbene Wasser tauche, muss ich daran denken, was Jón Sigurdur Ingasson, der für den Reiseveranstalter Nordic Visitor arbeitet, am Telefon gesagt hat: Die Leute kochen vor Wut. Wer aber einen Eindruck davon bekommen wolle, müsse in die Hot Pots, in denen die Einheimischen baden. Und so haben wir uns für den Abend in Islands größtem Schwimmbad »Laugardalslaug« verabredet. Dorthin kommen die Isländer, morgens vor der Arbeit oder abends, und reden nur über eines: wie alles so weit kommen konnte.
In Hot Pot Nummer 3 ist die Stimmung wie das Wasser: aufgeheizt. »Je heißer das Becken, desto besser die Stammtischthesen«, flüstert Jón, da klinkt er sich schon ein und diskutiert mit drei Männern, die sehr rote Köpfe haben. Wie dieses Land in nur siebzig Jahren von einem der ärmsten Länder Europas zu einem der reichsten aufsteigen konnte. Und welchen Preis sie jetzt dafür zahlen müssen. Wie sich die Regierung hat verlocken lassen vom Kapital ausländischer Investoren und wie sie nun völlig überfordert gegen den Staatsbankrott kämpft. Wie die Krone innerhalb eines Jahres mehr als zwei Drittel an Wert verlieren konnte. Und wie es sein kann, dass ganze Siedlungen in Reykjavik aus Bauruinen bestehen, die nicht mehr bezahlt werden können.
Ich sehe in den schwarzen Nachthimmel über Reykjavik, der schwärzer ist als jedes Schwarz. Neben mir Jón, der bei 42 Grad noch immer stoisch ausharrt, während ich nur an eines denken kann: Morgen werde ich zur großen Tour aufbrechen und weit weg sein von den finanzpolitischen Erschütterungen der Hauptstadt. »Ich muss raus«, sage ich schließlich.
Hulda Ros Gudnadottir hat dem Glauben an den nie versiegenden Kredit, dem sich hier so viele hingegeben haben, nie getraut. Die 35- jährige, hochschwangere Künstlerin wohnt in einem kleinen, bunten Apartment in der Nähe der Hallgrimskirkja, der Kirche, die aussieht wie ein weißer Eiszapfen, dem Wahrzeichen Reykjaviks. Immer wieder hat sie versucht, mit ihren Arbeiten jene Blase anzupiksen, in der sich die Isländer über Jahre befunden haben. Ihre Installation »Don?t stop me now. I?m having such a good time« etwa zeigt einen Banker, der mit einem Pferd aus wertlosen Materialien auf einer Welle des Erfolges reitet. »Mit dem Queen-Song war 2007 eine Bankwerbung unterlegt. »Don?t stop me now ?« Für mich war das schon damals unglaublich zynisch«, sagt Hulda, während sie sich aus ihrer roten Teekanne nachgießt. Als Hulda Spiderspoon, so ihr Pseudonym, hat sie bereits in Berlin und London gearbeitet, aber wie die meisten jungen Isländer, die es wegzieht, ist sie nach Reykjavik zurückgekehrt. Nicht zuletzt, weil sie hier ihr Kind zur Welt bringen will. Es soll Esja heißen, wie der mächtige Vulkan im Westen der Hauptstadt.
Als sie wiederkam, war die Finanzblase gerade am größten. Banken wie Glitnir oder Kaupthing lockten mit Zinsen von 5,65 Prozent Kunden aus Europa, vor allem aus England, auch 30 000 Deutsche. »In der Öffentlichkeit wurde der Investmentbanker als der moderne Held Islands gefeiert - als furchtloser Wikinger, der es mit den großen Finanznationen aufnimmt«, sagt Hulda. »Das kleine Island war komplett größenwahnsinnig geworden« - und hatte das Gefühl für Wert und Währung verloren: In Reykjavik kann man alles, auch Kleinstbeträge beim Bäcker, mit Kreditkarte bezahlen. Wie viele der Jungen, Kreativen erhofft sie sich von der Krise eine Neubestimmung dessen, wovon dieses Land leben soll.
Staatsbankrott, Regierungskrise, ein rauer Winter. Es sind düstere Tage in Island. Spät zeigt sich die Sonne am nächsten Tag. Erst um kurz vor zehn wird es richtig hell. Als Börkur Hrólfsson auf einer Anhöhe im Nationalpark Pingvellir seinen Geländewagen anhält und aussteigt, schweigt er zum ersten Mal. Auf der Fahrt in seinem überdimensionierten Fahrzeug, das mehr Truck ist als Jeep, hat Börkur noch über die Regierung und die verantwortungslosen Banker hergezogen. Ohne Unterbrechung schimpfte er in seinem isländischen Englisch, während er auf Schotterwegen über Lavafelder bretterte, in denen Risse klaffen wie offene Wunden. »Whole europe is laughing about us«, sagte er und rollte das r bei »Jurrrop« spektakulär. Doch jetzt ist er still. Er zieht die Kette mit dem hölzernen T aus seinem Anorak hervor, das für Thor steht, den Gott, an den er als Anhänger der nordischen Mythologie glaubt. Das wird der harte Brocken Börkur mehrmals tun an diesem Tag, immer dann, wenn er ein bisschen sentimental wird. Er hält die Kette fest in der Hand und blickt gegen die Sonne, die tief steht, obwohl es fast zwölf Uhr ist. »Dies ist ein magischer Ort«, sagt Börkur. Sein Blick schweift von mit leuchtendem Moos bewachsenen Lavafelsen über die Senke, die golden und kilometerweit unter ihm liegt: die Kontinentalspalte zwischen Europa und Amerika, die jedes Jahr um zwei Zentimeter wächst.
Über Jahrhunderte sind die Isländer aus allen Teilen des Landes hierhergekommen und haben im Schutz einer Wand aus Lavafelsen das Althing abgehalten, das isländische Parlament. Börkur, der Mittfünfziger mit dem Ziegenbärtchen und den grau-blonden Stachelhaaren, glaubt fest daran, dass andere Dinge über das Schicksal dieses Landes entscheiden: Erdbeben und Vulkanausbrüche, keine Kredite. Und kein Geld der Welt.
Immer tiefer dringen wir ins Landesinnere vor. Hier lebt keine Menschenseele. Island ist der am dünnsten besiedelte Fleck Europas. Mehr als die Hälfte der Isländer lebt in der 180 000-Einwohner-Stadt Reykjavik.
Wir rauschen durch Täler, vorbei an dampfenden, schneebefleckten Bergen und heißen Quellen, über Stock und Lavastein. Durch senffarbene Ebenen, auf denen Islandpferde grasen. Börkurs Jeep bewegt sich mit einer irrsinnigen Kraft vorwärts - als würde eine unsichtbare Hand ihn schieben. Der Großteil der Straßen in Island ist unbefestigt, zumindest die Ringstraße, die Route Nr. 1, ist durchgehend asphaltiert. Der Rest sind Schotterpisten mit Schlaglöchern und Wassergräben. Wenn ein zwanzig Liter schluckender SUV jemals eine Berechtigung hatte, dann hier. Während wir uns weiter in die Highlands schrauben, erzählt Börkur von früher, als er Seemann auf einem Tanker war. Wie er mit siebzehn, als sie in Hamburg angelegt hatten, tagelang besoffen war, vom Schnaps und der ganzen Freiheit, die ihn auf einmal umspülte. »Da habe ich mich zum ersten Mal als Mann gefühlt«, sagt Börkur und fährt mit Schwung durch einen Fluss, als sei es nichts auf der Welt. Als das Wasser bis knapp unters Fenster schwappt und Börkur laut auflacht, merkt man, dass er damals in St. Pauli vielleicht doch etwas zu schnell erwachsen wurde.
Vor uns, weiß und in der Wintersonne noch unscharf zu erkennen, unser Ziel, der Langajökullgletscher, auf zweitausend Meter Höhe. Hinter uns, am Horizont, können wir die oberste Kuppe des Hekla erkennen, jenes Vulkans, über den sie sagen, er sei eine Lady, die im elften Monat schwanger ist. Sein Ausbruch wird für nächstes Jahr prognostiziert. »Es wird mein sechster sein«, sagt Börkur stolz, »damit habe ich mit 57 schon zwei mehr in meinem Leben erlebt als jeder Isländer im Schnitt.«
Kurz nach dem Gulfoss, dem »goldenen Wasserfall «, der sich in zwei Kaskaden donnernd abwärts stürzt und eine Glitzerwolke Wassertropfen vor sich herträgt, umfahren wir die Warnung eines »Unpassierbar«-Schildes - und verstehen kurz darauf, warum das da stand. Innerhalb von Minuten verwandeln sich die weich geschwungenen Lavahügel in eine harsche, unerbittliche Schneelandschaft. Die Sicht reicht nur wenige Meter. Straßen sind längst nicht mehr zu erkennen, Börkur navigiert sich per GPS durch den Schnee. Vor einer weißen Wand kommt der Jeep zum Stehen. Börkur lässt Luft aus den Reifen, so viel, dass der Mantel beinahe platt im Schnee liegt - damit das Profil besser greifen kann. Als er wie - der einsteigt, drückt er einen Knopf für noch mehr Wumms und fährt auf die Wand zu. »Das ist nicht dein Ernst«, rufe ich, doch der Wikinger lächelt nur - entschlossen und mit einem Anflug von Wahnsinn in den Augen. Wie ein gieriges Ungeheuer wuchtet sich der Wagen die Schneewand hinauf. Fest sind wir in die Sitze gedrückt - bereit, jederzeit abzurutschen und den Berg herunterzukrachen. Doch Börkur schafft es über die Kante. Er gibt einen markigen Laut von sich und steigt aus. Eisiger, alles durchdringender Wind empfängt ihn. Unter seinen Füßen ist kein Schnee mehr. Nur Eis.
Zum Abschied hatte Börkur uns mitgegeben: »Wer Island verstehen will, muss Power Plant gesehen haben«, und so schlängeln wir uns tags darauf wieder einen Berg hinauf. Diesmal sind es die Serpentinen des Vulkans Hengill. Tief hängende Wolken verdunkeln die Sonne. Im Zwielicht sind weiße Kunststoffiglus auf der schwarzen Lava zu erkennen. Ihr müsst euch beeilen, hatte Börkur gesagt, die Sicherheitsleute hassen Besucher. Vor riesigen dampfspeienden, wummernden Röhren halten wir an. Hier stinkt es so entsetzlich nach Schwefel, als ob alle Eier der Welt auf einmal verfault wären. Die Erde bebt, es herrscht ein Höllenlärm. Wir sind in Teufels Küche.
Mit 49 bis zu 2200 Meter tiefen Bohrlöchern - zu erkennen an den Iglus - ist der Vulkan bereits perforiert. Weitere fünfzig sollen folgen. Schon jetzt ist »Hellisheidi Power Plant« das größte geothermale Kraftwerk der Welt. Aus der ganzen Welt kommen Umweltpolitiker, um sich erklären zu lassen, wie hier Dampf und Heißwasser in Fernwärme und Elektrizität umgewandelt werden. Auf dem apokalyptischen Areal bekommt man plötzlich eine Ahnung davon, was es heißt, in einem Land zu leben, das so unverschämt viel Energie zur Verfügung hat, dass man im Sommer den arktisch kalten Ozean mit Heißwasser erwärmt, damit man darin baden kann. Das allein Reykjavik über sechzehn Schwimmbäder unterhält sowie unzählige beheizte Gewächshäuser, in denen so viele Bananen wachsen wie nirgendwo sonst in Europa. Ein Land, das bildlich gesprochen, mit dem Bohrwerkzeug bereitsteht, weil nun, da das Arktiseis schmilzt, auch noch eines der größten unerforschten Ölfelder der Welt zugänglich wird. Es gehört den Isländern. »Ihr braucht euch um uns keine Sorgen machen «, hat Börkur noch gesagt.
Tipps
Hinkommen
Icelandair fliegt von Berlin und Frankfurt nach Keflavik. Bei früher Buchung ab 200 Euro. Der Flughafen ist fünfzig Kilometer von Reykjavik entfernt, Busse warten bei jeder Ankunft. Tickets: rund zehn Euro. Für die klassische Reisezeit von Juni bis August sprechen endlos lange Tage und (meist) stabiles Wetter, dagegen Touristenscharen. Wer schon im März fährt, muss mit extremeren Temperaturen rechnen, hat aber in klaren Nächten die Chance auf ein Nordlicht.
Rumkommen
Die Tour auf der Route Nr. 1 ist das Rundumsorglospaket, dafür sind aber mindestens zehn Tage einzurechnen. Unbedingt an den Westfjorden und am Myvatnsee Station machen! Für weniger Zeit empfehlen sich Tagestouren von Reykjavik aus: Die Golden- Circle-Tour ist Island im Kleinformat. Auch schön: ein Ausflug nach Vik, wo man an schwarzen Stränden spazieren kann. Börkur, den besten Guide der Welt, erreicht man unter: icelandguides.is.
Unterkommen
In Reykjavik kann man die Gästehauser Aurora empfehlen (aurorahouse.is, Zimmer 33 hat Balkon und Meerblick), oder Domus (domusguesthouse.is), DZ um 70 Euro. Hotel Plaza (plaza.is), DZ 116 Euro; hier lieber noch was drauflegen und im fünften Stock das Superior-Zimmer für einen spektakulären Blick auf Meer und Berge nehmen. Am Myvatnsee zum Beispiel Sel-Hotel Myvatn (myvatn.is), Preise variieren je nach Saison.
Unbedingt!
Baden gehen. Am meisten Spaß macht es in der Blauen Lagune (bluelagoon.is), den Hot Springs am Myvatnsee oder in Reykjaviks Schwimmbädern, zum Beispiel: Laugardalslaug (Sundlaugarvegur 30, Reykjavik).
Bloß nicht!
Schauen, wohin beim Geysir das Wasser verschwindet (Verbrühungsgefahr). Sich über das wechselhafte Wetter beschweren. Vor dem Bad im Hot Pot zu duschen vergessen.




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