Irgendwie dazwischen
Hier sitze ich. Sitze zwischen Stühlen, Kühen und Radiergummis. Ich müsste los. Ich müsste mich entscheiden. Eigentlich müsste ich loslassen.
„Es ist der Tisch“, denke ich mir. Schon wieder. Es ist immer der Tisch. Diese Holzbeine machen mich ganz wirr und die alte Lampe in der rechten Ecke neben der vertrockneten Pflanze macht mich verlegen. Mein Honigbrot schmeckt heute irgendwie anders… Es schmeckt nicht nach Sommer, sondern nach erwachsenen Gedanken und ich komme zu dem Entschluss, dass Honig schon immer eher sauer war.
Ich gehe wie jeden Morgen zu Elner, der Kuh meines Nachbars, und erzähl ihr von meinem Traum. „Dieses Mal war ich ein Bär.“ Heute ist einer ihrer schlechten Tage. Sie interessiert sich nicht für mich und meine nächtlichen Erfahrungen - kaut lieber weiter auf dem Kaugummi, das ich ihr mitgebracht habe. Ich mag sie, diese Kuh, sie ist ehrlich.
Ich müsste jetzt eigentlich zu einer Vorlesung aber ich gehe nicht. Stattdessen laufe ich wie gebannt diesem Herrn im grünen Mantel hinterher. Er macht für seine Größe zu große Schritte und zu große Bewegungen, so als würde er fliegen. Er fliegt durch die Menschenmasse hindurch und ich folge ihm wie eine Hummel. Ich vergesse all die Menschen um mich herum: Die, die es so gern schwarz auf weiß mögen und die, die sich, wenn es hart auf hart kommt, für das Weiche entscheiden. Ich ignoriere die, die wissen seit wann das Gebäude gegenüber vom Supermarkt gebaut wird und die, die mit der Zeit an Schönheit verlieren, weil sie mich müde machen. Ich folge nur dem fliegenden Mann im Mantel. Ich, Hummel, grüße meine Freunde auf den Dächern und freu mich über den Tiger, der neben mir herläuft.
Der Fliegende wird immer schneller und seine Bewegungen immer kreisförmiger, sein Mantel tobt. Er hebt ab. Und ich denke an Elner und an die Butter, die so schön ist, wenn sie schmilzt. Ich denke an Worte, die lustig sind, so wie „ulkig“.
In mir bebt es. Ich kann ihm nicht folgen. Mein linker Fuß kann nicht loslassen und hält sich mit allen fünf Fingern am Asphalt fest.
„Es sind die Holzbeine … oder ist es doch die alte Lampe in der Ecke?“
Und schon wieder beginne ich zu zweifeln. So schwer kann das doch nicht sein.
Warum gibt es Radiergummis? Warum gibt es Pflaster?
Es klebt, es kneift, zwickt, drückt und wühlt in mir drinnen.
Ich bin dazwischen… irgendwie und weiß nicht mal worum es geht.




Kommentare
Oh. mein. Gott. Das ist so wunderbar.
02.06.2008, 10:29 von newsoulDanke, dass du so bist. Dann bin ich nicht alleine so. Hach, ich bin begeistert.
Wunderbar...
15.04.2008, 18:59 von SturmkindIch liebe diesen Text.
22.01.2008, 17:14 von madame_mangoDie Situation unserer Generation. Aber so schwer ist es wirklich nicht. Las los.
21.01.2008, 00:30 von KlavierspielenJetzt kommt dieser Artikel in die Zeitung, liebe Neon!
Toll!
20.01.2008, 23:54 von lalumbiaTu mir einen Gefallen und verliere niemals deine wunderbare Phantasie !
19.01.2008, 23:34 von foreveryoung@foreveryoung =] okay
20.01.2008, 23:39 von Caja_Clementine