Honigmelone 27.09.2015, 10:36 Uhr 7 6

Indirektes Licht

Immerhin, eine Badewanne. Der Riesenspender „Body & Hair Vanilla“ direkt am Kopfende hätte zwar nicht sein müssen, aber vielleicht war es ganz gut,

nachher ein, zwei Stunden in der eigenen Suppe herumzuschwimmen. Es war zumindest besser, als Menschen Dinge an den Kopf zu tackern.

Es war besser als dem Rest der Abteilung heute Abend Dinge an den Kopf zu tackern. Doch wenn Herbert nachher wieder Wiener Walzer einspielte, während alle im Kreis liefen und sich auf sein Kommando hirnamputiert verlogen angrienten, konnte Lena für nichts garantieren. Sie zweifelte stark, ob sie die gewünschte positive Energie in den Teambuildingsprozess einspeisen konnte. Selbst wenn man das ganze Lektorat ins Ramada gekarrt hatte (das nebenbei bemerkt, sowieso der Schwester des Geschäftsführers gehörte) und selbst wenn der Fußboden dort aus Leuchtfliesen bestand. Es würde ein arges Scheißwochenende werden.

Aber eins nach dem anderen. Während Lena ihre Hosenanzüge in den Schrank hängte und die Queen-Mum-Gedächtnis-Pumps darunterstellte, dachte sie daran, dass die anderen vermutlich gerade genau dasselbe taten. Anna legte sich ihre Lancome-Barbie-Sächelchen vermutlich im optimierten Winkel hin und nutzte eifrig den Kosmetikspiegel, um letzte Unebenheiten im Make-up zu plattieren. Adriana, die alte Giftspritze, hatte bestimmt eine Diddl-Maus im Gepäck versteckt und blinzelte nun ehrfürchtig die Chagall-Kunstdrucke an.

Franz, da war sich Lena sicher, hatte Botox mit. Wie anders würde er den Gesichtsausdruck neutraler Aufgeschlossenheit den degenerierten Provinzhaifischen präsentieren können, die in diesem Verlag das Sagen hatten? Vielleicht stand Franz auch einfach nur im Hotelzimmer herum und verschmolz anmutig mit dem pseudo-modernen Mobiliar. Zumindest mit Büroschreibtischen hatte er das zuletzt sehr gut hinbekommen. Nicht schlecht für einen Cheflektor, dachte Lena, während sie einen Sicherheitsfön aus dem Koffer zog. Jeder mochte Franz.

Ersatzsocken, Kaugummi, ein Wecker, der „Spiegel“, die „Gala“. Irgendwann blinkte Lenas Smartphone grün. Daria hatte die indirekte Beleuchtung im Badezimmer für ein Duckface-Pferdeschwanz-Selfie genutzt. Der obligatorisch tätowierte Schiffschaukelschubser, der sonst immer neben Daria in der Timeline stand, fehlte diesmal notgedrungen. Lena musste unwillkürlich grinsen, dann fiel ihr wieder ein, dass sie wirklich überhaupt keinen Bock hatte. Eigentlich waren die Leute, mit denen sie zusammenarbeitete, ganz normal. Nicht besser als andere, aber auch nicht schlimmer.

Dass der Gedanke, mit ihnen ein Wochenende zu verbringen, sich wie ein Magengeschwür anfühlte, lag nicht an ihnen, sondern am Wochenende. Die Aussicht auf Stunden voll mit gruppendynamischem Training, Bestandsanalyse, Strukturzielen, Workgroups und Continuous Assessment machten aus Lenas Magen einen Klumpen und aus ihrem Herzen eine Mördergrube. Es endete immer damit, dass sich alle hassten.

Am liebsten wäre sie als vanilleduftende Nemesis in die Sky Bar gegangen und hätte von dort den Anzugsträgern auf dem Vorplatz auf den Kopf gespuckt. Irgendwann, als dumme Studentin, hatte Lena Anzüge einmal heiß und exotisch gefunden, doch dann …

„Lena?“ Es klopfte an der Tür. „Kommst du? Wir fangen an.“

Unbewusst langte Lena nach einem Tacker.

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to be continued.

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7 Antworten

Kommentare

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    ich mag leuchtfliesen. erinnert mich an unterbodenbeleuchtung bei autos.

    ansonsten kann man doch saufen und techtelmechteln. das ist doch die eigentliche hidden agenda bei solchen veranstaltungen.

    29.09.2015, 12:48 von libido
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      Bei uns nannte man das "Development Days" und es war ein Alptraum!
      Verkauft wurde das Wochenende es als "Tolles Teambuilding in einem wahnsinnig schönen Hotel am Meer. Wir werden gaaaz schöne Strandspaziergänge machen.. Blablablub".^^

      Insgesamt sollte man es vermeiden mit seiner Chefin (und Konsorten) und oder seinen Kollegen mehr als 12 Stunden am Stück Zeit zu verbringen ;)

      28.09.2015, 20:46 von yuhi
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      Man hatte keine freie Minute, das war es ja.
      Andere wollten evt. vor den Meetings bzw. dem gemeinsamen Frühstück den Wellnessbereich nutzen und schwimmen gehen, war gar nicht möglich, weil sich das Ganze bis in die späten Abendstunden ausdehnte und nicht etwa mit "netten" Gesprächen oder so, sondern mit Arbeit....

      28.09.2015, 21:43 von yuhi
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      Das Peride finde ich einfach nur, dass es einem so verlockend verkauft wird und es dann doch einfach nur ein Personalentwicklungs- und Arbeitswochende ist. Dann sollen sie doch gleich Klartext reden...
      Genau. Das ganze Wochenende. Wir waren hinterher völlig gerädert...und man steht einfach permanent unter der totalen Beobachtung.

      28.09.2015, 23:11 von yuhi

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