philip_faigle 15.04.2010, 12:02 Uhr 0 0

In die Wildnis

Wie hat dir der Text über die AUSSTEIGERKOLONIE in Patagonien gefallen?

ahhh... life is heaven.« James schiebt seine Brille auf die Nase, lacht, dass der Bauch bebt, und nippt an einem Glas Isenbeck-Bier. Der alte Mann sitzt zufrieden im Halbdunkel seines Bungalows, Schweißflecken auf dem Flanellhemd, er kommt gerade vom Holzhacken. Im Radio läuft BBC2: »Boys Don't Cry« von The Cure. Ich sage: »Wir sind neu und leben nebenan.« James sagt: »Schön. Es kommen ständig Leute hierher. Die wenigsten halten durch.«

Durchhalten? Im Moment habe ich nur Augen für die Landschaft. Aus dem Fenster blickt man auf das satte Grün der Fichten- und Buchenwälder, fern liegen die Eisgipfel der Anden. Wir sind in Patagonien, dem wilden Land der Flüsse, Kondore und Flamingos, im Süden Argentiniens. Wer hierherkommt, trampt meist endlose Landstraßen entlang, macht Trekking oder fährt mit dem Mountainbike über Bergkämme. Doch wir wollen dem alten Traum vom Aussteigerleben nachjagen.

Vor wenigen Tagen bin ich mit Sandra, einer befreundeten Fotografin, in Mallin Ahogado angekommen, einer Aussteigersiedlung, die einige Kilometer nördlich des Touristenstädtchens El Bolsón mitten in die patagonischen Berge gestreut ist. Rund 1400 Kilometer sind es von hier bis in die Hauptstadt Buenos Aires im Nordosten: Und nochmal 1400 Kilometer in die andere Richtung bis nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt.

»Kommt bloß wieder«, warnten Freunde in Deutschland. Als hätten sie Angst, wir könnten den Mut aufbringen, etwas zu tun, was sich niemand traut, aber jeder will. Das Aussteigerleben ist ein mit Sehnsüchten aufgeladener Mythos, gespeist aus der Unzufriedenheit der Großstädter: der Waschbeton. Das Hamsterrad. Die ewige Schleife zwischen S-Bahn, Büro und Bett. Jedes Jahr, sagt die Statistik, verlassen rund 175 000 Auswanderer Deutschland. Wenige von ihnen sind so radikal, nicht nur ihrem Land, sondern der gesamten Arbeitswelt zu entfliehen. Sie ziehen in die Aussteigergegend Goa oder in die Freistadt Christiania in Kopenhagen. Oder sie kommen hierher, in die Wälder Patagoniens. Wir sind über dreißig Stunden gereist, um das Leben in der Einsamkeit der Berge aus zu probieren - und haben Glück: James, unser Nachbar, ist ein Altmeister des Aussteigens.

James, der gar nicht James heißt, trug in seinem früheren Leben das Haar schulterlang und verkaufte Kokain und LSD, weshalb er seinen Namen bis heute nicht gedruckt sehen will. Er zog 1973 aus Cornwall nach Mallin Ahogado; als er El Bolsón erreichte, war es noch ein einsames Bergstädtchen, und die Andenausläufer menschenleeres, wüstes Land. Als die Sache zu heiß wurde, tippte er mit dem Zeigefinger auf den Globus und versetzte ihn in Schwung. Patagonien! Der perfekte Fluchtort! Auf einem Pferd ritt er in die Berge, irrte herum, bis er seine 39 Hektar fand. 8000 Dollar, ein Schnäppchen. Ein Jahr später kam seine Frau nach. Seit fast vierzig Jahren leben die beiden hier draußen, haben ein Haus gebaut und einen Wald angelegt.

Wir starten eine Nummer kleiner. Unsere Strohhütte steht auf sechs Tannenstämmen auf dem Grundstück von Roxana, einer Argentinierin, und ihrer Familie. Ein gewaltiger, hohler Strohballen auf einer sonnenbeschienenen Lichtung, in dem Platz für einen Gasherd, zwei handgezimmerte Stühle und eine Matratze ist. Kein Strom, kein fließend Wasser, das Klo ist ein Erdloch im Wald.

Patagonien liegt auf der Südhalbkugel, im Januar ist hier Sommer. Doch am Tag unserer Ankunft hängen die Wolken tief über den Baumwipfeln. In der ersten Nacht zieht die Kälte durch die Ritzen der Hütte bis in den Schlaf sack. Um vier Uhr früh grelle Schreie: Zwei Kiebitze, Tero-Teros, staksen in der Dämmerung über den Acker und kreischen ihren hasserfüllten Locklaut. Um sechs krähen uns die Hähne wach.

Egal, am Morgen strahlt der Himmel. »Wir brauchen Holz für die Therme!«, ruft Roxana. Zusammen werfen wir Äste in einen Metalltank im Bad, der Bergwasser für die Dusche erhitzt. Ein Ghettoblaster spielt Buddha Musik, Glöckchen und Flöten. Seba, Roxanas Mann, werkelt im Obergeschoss, die beiden Kinder Lua und Ilios spielen mit Katchi, der Mischlingshündin.

Die Hitze wirft uns bereits am Morgen um: Das Wetter wechselt in Patagonien so schnell, dass die Einheimischen scherzen, im Sommer verbringe man die meiste Zeit damit, sich umzuziehen. Roxana flitzt vor in den Garten, das Haar noch zerzaust. Sie ist zierlich, aber ihre sehnigen Armmuskeln und die sonnengegerbte Haut zeugen von einem langjährigen Überlebenskampf.

Bevor sie vor zehn Jahren mit Seba das Land kaufte, jobbte sie illegal in einem Skigebiet in den Pyrenäen. Dann wurde sie schwanger und floh mit Seba zurück nach Argentinien, nach Patagonien, wo das Leben billiger ist als in den Städten. Aus dem Lokalradio erfuhren sie von einem Grundstück, 30 000 Dollar für drei Hektar Staatsland, oben in den Andenwäldern. Von einem Leben im Wald war Roxana nicht begeistert. Doch als Sebas Vater versprach, Geld beizusteuern, lenkte sie ein.

Meine Hoffnung auf einen leichten Sommer zerschlägt sich schnell. Aussteigen mit Roxana ist Knochenarbeit. Den ganzen Tag über zieht sie Salatköpfe, erntet Bohnen und Kräuter.. Das meiste ist für die Familie, den Rest verkauft sie im Dorf. 100 Knoblauchknollen bringen einige Pesos, manchmal tauscht sie Gemüse gegen andere Nahrungsmittel oder Baumaterial. Alle paar Wochen wird in der Stadt ein Sack Reis gekauft. Wenn das Geld nicht mehr reicht, jobbt Seba auf einem Campingplatz, und Roxana hilft in der Nachbarschaft gegen Geld beim Hausbau. Ein permanenter Kampf um die Existenz.

Doch Roxana setzt dem etwas entgegen: Heiterkeit und stoische Gelassenheit. Als wir ein Beet im Garten umgraben, frage ich sie, wie sie das Leben hier findet. Sie sagt: »Mein Leben ist das Grundstück.«. Roxana hat immer versucht, die Zukunft auszublenden. Sie hat keine Ausbildung und kaum Erspartes. Mit ihren Möglichkeiten hätte sie heute in Europa vielleicht eine kleine Wohnung mieten können, die sie mit Aushilfsjobs finanziert. In Patagonien ist sie stolze Besitzerin von drei Hektar Land. Die sechsjährige Lua geht jetzt in die gleiche Dorfschule wie der zehnjährige Ilios, und sie haben mehr Platz zum Spielen als in der Großstadt. Wenn die Kinder abends im Bett sind, blickt sie manchmal lange schweigend aus dem Fenster.

Wer mit ihr hinausschaut, kann den Schritt, den Roxana und ihre Familie wagten, sofort nachvollziehen: Warum sollte man sich in der Stadt abrackern, wenn es hier so leicht geht? Ein paar tausend Dollar reichen, um sich der Verpflichtungen zu entledigen. Holz für den Ofen und die Therme gibt es genug, Bohnen und Kräuter wachsen im Garten. Roxana mixt Holunderblüten mit Zucker und Limetten zu Limonade. Seba braut Bier auf dem Gasherd: hundert Liter, alle paar Wochen.

Und dann ist da das Gefühl von Freiheit und Weite. Patagonien ist ein menschenleeres Land. Man kann tagelang allein durch Wälder und über Felder laufen. Statistisch leben südlich des Rio Colorado zwei Menschen auf einem Quadratkilometer. In den Bergseen tummeln sich Fische. An freien Tagen spazieren wir zu rauschenden Wasserfällen, balancieren über schwankende Hängebrücken oder baden im Bergbach hinter dem Haus. Manchmal kreist ein Kondor über dem Grundstück und wirft seinen Schatten auf das Grün.

Abends schnarren die Bandurrias, Vögel mit gebogenen Schnäbeln, deren seltsamer Locklaut klingt wie ein Stabmixer in dickflüssiger Suppe. Roxana lässt sich auf die Couch fallen, die mystische Stunde beginnt. Sie ist nicht die Einzige im Dorf, die an höhere Kräfte glaubt: Eine Deutsche von nebenan erklärt mir, nach dem Maya-Kalender sei ich ein »spektrischer Magier«. Deshalb wisse ich, dass die Zeit im Kreis verlaufe. Alberto, ein Musiker, der in einem Tipi wohnt, hat seine Katze »Zen« getauft. Erfüllt sich ein Wunsch eines Dorfbewohners, heißt es, das sei Magie.

Roxana vertraut auf die Lehren des Osho und Tarotkarten. Sie zieht sie ganz bedächtig, mit links, denn links ist das Herz. Selbst die Kinder spielen mit den Karten, wie Kinder in Europa Autoquartett. An einem Tag fahren wir auf die erste Anhöhe des Piltriquitrón, eines Zweitausenders, der sich östlich von El Bólson erhebt. In der Mittagshitze sitzen buddhistische Mönche auf der Kofferraumabdeckung eines Renaults und führen eine Zeremonie durch. Zu zwanzigst stehen wir im Kreis, werfen Reiskörner in die Luft und singen ein Mantra, dessen Melodie ich aus Fußballstadien kenne. Vor mir sitzt eine Frau, die ekstatisch in den Himmel schaut, als fahre der Blitz Gottes auf sie herab. Bis zu meiner Abreise werde ich die Erleuchtung nicht erlangen.

Wie isoliert wir leben, wird mir erst klar, als Sandra krank wird. Sie liegt mit einer Grippe im Bett und kann sich kaum bewegen. Wer in der Stadt lebt, kauft seine Medizin in der Apotheke an der Ecke. Hier oben muss man wandern. Ich schnüre die Stiefel und laufe einen Kilometer zum nächsten Lebensmittelladen. In der Mittagssonne warte ich am Circuito, der Schotterstraße in die Stadt, auf ein Auto, das mich mitnimmt. Vierradtrucks mit getönten Scheiben rasen vorbei. Keiner hält. Ich laufe los, fünfzehn Kilometer sind es bis nach unten. Die Sonne brennt weiß vom Himmel, ich habe kein Wasser dabei. Wut steigt in mir auf. Unnütze Quälerei! Nach drei Stunden hält ein Strohlaster. Der Fahrer deutet auf die Ladefläche. »Spring drauf.« Als ich am Abend zurückkehre, bin ich nass geschwitzt.

Bei gefühlten 35 Grad auf dem Bergpfad oberhalb der Reko-Farm schwinden meine Kräfte. Es ist Freitag, der Tag, an dem sich dreißig Bewohner von Mallin Ahogado zur Minga treffen, ein Selbsthilfepakt: Jede Woche hilft die Gruppe auf einem anderen Grundstück bei der Arbeit. Die Besitzer der Reko-Farm, die drei Barrio-Brüder aus Buenos Aires, haben hier vor acht Jahren 120 Hektar Land gekauft, für einen stattlichen Preis, über den sie schweigen. Bevor sie herkamen, hatten sie eine globale Firma: Sie ließen T-Shirts in Indien produzieren und verkauften sie anschließend an den Stränden Italiens. Das Geschäft lief, aber da war auch eine Sorge, die sie umtrieb.

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