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summerbird85 23.10.2017, 14:14 Uhr 2 2

In der Fußgängerzone scheint trotzdem die Sonne

Heute Morgen saß er wieder da. Gestern auch. Und morgen sitzt er auch da. Immer an derselben Stelle.

Wenn ich morgens zur Arbeit gehe, laufe ich durch die Fußgängerzone. In Höhe der Metzgerei, wo ich immer mein Frühstück kaufe, sitzt ein älterer, etwas zerzauster Mann mit seinem Akkordeon. Quetschkommode hat das meine Oma immer genannt. Vielleicht heißt das heute auch noch so? Jedenfalls sitzt er von morgens bis abends immer an derselben Stelle und spielt. Und zwar so gut, dass ich mich neulich, nachdem ich meine Brötchen gekauft hatte, mit dem Ohrwurm „Seemann, lass das Träumen“ an meinen Schreibtisch gesetzt habe. Keine Ahnung, wie er das geschafft hat, aber den Ohrwurm hatte ich fast den ganzen Tag.

Ein wenig scheint es so, als würde dieser Mann sein Spiel so ernst nehmen, dass er das, was er da tut, „seine Arbeit“ nennt. Ich stelle mir das so vor: Ich glaube, er wohnt in einem sehr alten Haus. Im Winter ist es da wahrscheinlich kalt, weil die Heizung nicht funktioniert. Da steigt er also morgens aus seinem Bett, wäscht sich in seinem mit dunklen 70er-Jahre-Fliesen gekachelten Bad und schaut in den Spiegel, an dem die untere rechte Ecke abgebrochen ist. Im Waschbecken sind lauter Macken. Da muss im Laufe der letzten 40 Jahre öfter einmal etwas auf die Emaille gefallen sein.

In seiner Küche steht nur die Küchenzeile. Kleine Arbeitsplatte, ein uralter Herd, bei dem man noch den Deckel runtermachen kann, Edelstahlbecken und ein vergilbter Bauknecht-Kühlschrank, der mittlerweile ziemlich laute Geräusche macht, wenn er kühlt. Wasser kommt aus einem langen, dünn geschwungenen Hahn, der an einem Boiler hängt. Im Kühlschrank findet er noch ein Stück Käse, ansonsten ist da nur noch ein Apfel drin, der seine besten Zeiten bereits hinter sich hat. Er isst den Käse und geht dann… zur Arbeit.

Zur Mittagszeit hat er dann schon etwas verdient, hoffe ich. Dann wird er sich sicher etwas Vernünftiges zu essen kaufen können. Wahrscheinlich in der Metzgerei, bei der auch ich meine belegten Frühstücksbrötchen kaufe. Möglicherweise macht er zu einer anderen Zeit Mittagspause, als ich. Denn wenn ich etwas Essen gehe, sitzt er noch immer da und spielt. Auch dann noch, eine Stunde später, wenn ich zurück an meinen Arbeitsplatz gehe.

Abends um 5 ist er aber weg. Hat wohl eine 35-Stunden-Woche. Dann geht er mit dem gesammelten Geld bestimmt in einen Supermarkt und kauft sich etwas Brot und ein neues Stück Käse. Sonst hat er morgen ja gar nichts zum Frühstück. Dass er das Geld in der Kneipe auf den Kopf haut, glaube ich nicht. Diesen Eindruck macht er nicht. Ich glaube eher, dass er nach Hause geht und sich auf seinem alten, grünen Sofa Fotoalben anschaut. Von früher. Einen Fernseher hat er ja nicht. Bis letztes Jahr ging er noch, aber dann haben sie ja analoges Fernsehen abgeschaltet.

Ob er sich sein Leben so vorgestellt hat? Mit dem Akkordeon in der Fußgängerzone? Vermutlich nicht. Wahrscheinlich wollte er einmal ein berühmter Musiker werden. Einer, der in einem Orchester spielt. Eventuell war er ja schon berühmt? Und dann hat ihn seine Frau verlassen. Er musste Unterhalt zahlen, konnte seine ganzen Kosten nicht mehr decken und landete auf der Straße. Er und sein Akkordeon, denn das hat sie ihm gelassen. Den Hund hat sie natürlich mitgenommen, denn er sitzt immer alleine da. Die anderen Bettler, die da immer sitzen, haben fast alle einen Hund. Er nicht. Nur sein Akkordeon. Wahrscheinlich hieß seine Ex Gundula. Oder Cordula. Irgend so ein unsympathischer Name halt. Ich kann sie nicht leiden, die blöde Ziege.

Wie die Welt wohl früher für ihn aussah? Wahrscheinlich - nein, ganz sicher - war er einmal ein sehr glücklicher Mensch. Früh geheiratet, Kinder bekommen, Haus gebaut. Er war damals einer der ersten seiner Freunde, die einen Mercedes fuhren. Da war sogar Gundula oder Cordula oder wie sie hieß, stolz drauf. Aber als er auf Konzertreise war, hat sie sich anderweitig orientiert. Ein Südländer mit Alfa Romeo. Offenbar reichte ihr der wichtigste Reichtum den man haben kann, Familie und Liebe, nicht aus. Das war der Anfang vom Ende.

Nun sitzt er also in der Fußgängerzone und spielt. Und wisst Ihr was? Ich habe den Eindruck, dass er das gerne macht. Er hat sich mit seinem Leben arrangiert und geht jeden Tag voller Freude seiner Arbeit nach. Bei Wind und Wetter, Regen und Schnee. Aber wenn er da sitzt und spielt, scheint in der Fußgängerzone trotzdem die Sonne.


Tags: Bettler, Akkordeon, Geschichte
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2 Antworten

Kommentare

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    Gut geschrieben.

    24.10.2017, 08:32 von JackyBa
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    "Wie die Welt wohl früher für ihn aussah? Wahrscheinlich -
    nein, ganz sicher - war er einmal ein sehr glücklicher Mensch.
    ...
    Und wisst
    Ihr was? Ich habe den Eindruck, dass er das gerne macht."

    Irgendwie wiederspricht´s sich hier und da... Hm.

    23.10.2017, 15:42 von TrustYourself
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