Im Fundbüro
oder: Von der Suche nach dem Glück.
Ich stehe vor der Holztür mit der Aufschrift "Fundbüro" und starre für einen Moment die Holzmaserung an.
"Das ist doch kein Vollholz", denke ich mir. "Nur furniert. So ein Beschiss."
Ich spüre den Schweiß, zwischen meiner Hand und dem Griff des Koffers, der schwer an meinen Arm hängt.
"Haste mal fuffzig Cent", murmelt ein Penner, der neben der Tür auf dem Boden sitzt.
Ich frage mich, warum er hier sitzen darf. Aber weil er nach Kotze riecht, ignoriere ich ihn und gehe hinein.
Kaltes Licht, aus einer lieblos unter die Decke montierten Leuchtstoffröhre, begrüßt mich.
Es ist kalt und riecht muffig. Der Geruch kriecht in meine Nase und ich weiß, dass er dort vorerst bleiben wird.
Hinter einem großen Tresen erwartet mich ein älterer Herr mit Halbglatze und rahmenloser Brille. Er sieht blass aus und ich frage mich, ob wohl Blut aus seiner Haut kommt, wenn ich sie anritzen würde.
Ich wünsche mir, er würde lächeln.
"Was kann ich für sie tun?", fragt er.
"Ich habe etwas verloren", sage ich und fühle mich schuldig.
Wer etwas verliert, hat nicht richtig aufgepasst. So sagte immer meine Großmutter.
"Nun, vielleicht wurde es ja gefunden und hier abgegeben. Was haben sie denn verloren?"
"Mein Glück", sage ich leise.
Er mustert mich über die Gläser seiner rahmenlose Brille. Ich umklammere den Griff meines Koffers so stark, dass es schmerzt.
"Der Koffer ist verdammt schwer", flüstern meine Muskeln meinen Gehirn zu.
Ich zähle bis drei und warte darauf, dass der Mann ohne Brillenrahmen mir sagt, dass mir dann wohl nicht mehr zu helfen sei.
Doch er seufzt nur tief.
"Dann werde ich doch mal schauen.", sagt er und verschwindet hinter langen Regalreihen.
Ich lausche seinem geschäftigen Geklapper, während ich mit meiner freien Hand über die speckige Theke streiche.
"Was sagten sie noch mal, haben sie verloren?", ruft er mir aus seinem Reich zu.
"Mein Glück", sage ich und erwäge, ob ich nicht mal den Koffer abstellen sollte.
"Es tut mir leid. Hier wurde nichts abgegeben", sagt er, als er wieder zu mir an den Tresen zurück kommt..
"Wirklich nicht, haben sie auch genau nachgeschaut?"
Er blickt mich streng an. "Natürlich, ich arbeite nicht erst sein gestern hier."
"Tschuldigung", murmele ich.
"Es tut mir leid, ich fürchte, ich kann ihnen nicht helfen. Wenn sie jetzt Sehnsucht suchen würden oder Vertrauen. Davon wurde hier etwas abgegeben. Aber Glück. Nein, tut mir leid, wirklich nicht."
Mit einem Danke drehe ich mich um und gehe.
"Wollen sie verreisen? Wegen dem Koffer, meine ich?", ruft mir den Mann noch hinterher.
"Nein, da ist meine Hoffnung drin", sage ich, ohne ihn noch einmal anzuschauen, und während ich durch die Tür gehe, merke ich wie der Koffer plötzlich ganz leicht ist.
Mit einem Klack fällt die Tür ins Schloss. Ich kann die Maserung nicht sehen, aber ich glaube echt, dass sie nur furniert ist.
"Haste mal fuffzig Cent", fragt der Penner zu meinen Füßen. Er riecht nach Kotze.
Ich greife in die Hosentasche und gebe sie ihm.
"Du kannst nicht finden, was du selbst erschaffen musst", sagt er und beißt in einen faulen Apfel.
Während ich langsam den Gang hinuntergehe, frage ich mich, warum man wohl einen faulen Apfel isst. Der Koffer hängt schwer an meinen Arm. Ich freue mich auf die frische Luft.




Kommentare
Kraftvoll, genau! Sehr gern gelesen.
05.05.2012, 11:45 von zehnmomenteDer Protagonist könnte doch den Koffer zur Pfandleihe bringen und sich dann ein Stück Glück kaufen... oder einen faulen Apfel.
17.04.2012, 17:03 von SasaliIch hab ihn gleich zwei mal gelesen. Bin echt beeindruckt! Wunderschön und so kraftvoll!
17.04.2012, 16:38 von wittchenschneeGut! Nein sehr gut! Da sehe ich regelrecht einen kleinen Film beim Lesen deines Textes.
15.07.2011, 21:03 von limpstoneohhhhaa...Das ist toll!!! :-)))
14.07.2011, 12:13 von KokomikoDie zweite Welt.
So gern gelesen. So gut!
Gefällt, wenn auch die Bemerkung mit dem "Penner" leicht überholt klingt für mich...oft genutze "Metapher"
13.07.2011, 00:47 von zucker_maedchenDer Text gefällt mir, ich finde die Beschreibung völlig passend und schlüssig. Obwohl ich fast "Glück" durch "Liebe" ersetze in Gedanken. Nicht nur die Liebe zu einer Partnerin, sondern allgemein zu seinen Mitmenschen und auch zu sich selbst. Aber dann wird der Text zu kitschig, so wie er geschrieben ist, ists richtig, finde ich.
12.07.2011, 10:29 von Cyro"wie der Koffer plötzlich ganz leicht ist."
11.07.2011, 22:03 von nnoaaund danach "Der Koffer hängt schwer an meinen Arm."
hä?!
ansonsten gefällt sehr, irgendwie..
@nnoaa Das hab ich mich auch gefragt, aber dann wurde es mir klar:
11.07.2011, 22:28 von ApartesStanniolDer Koffer ist so leicht, weil die Hoffnung so einfach das Glück zu finden dahin ist, vielleicht ist sie kurz zurück gegangen und hat sich für einen Augenblick ins Fundbüroregal gelegt. Nachdem er den weisen Spruch hört, kehrt auch die Hoffnung wieder zurück und füllt den Koffer aus.
Ich glaub darum ist der Koffer auch am Schwersten als es ums bange Warten geht.
Ich mag den Text übrigens sehr.
liebe Grüße
>"_"<