irini 04.03.2010, 20:58 Uhr 3 2

Ikaria, ein Paradies für Freiheitsliebende

Ein Ort, an dem man tun und lassen kann, was man will- davon träumen viele. Dass es sowas nicht geben kann, wissen alle. Oder vielleicht doch?

Wer kennt sie nicht, die üblichen Gespräche vor den Sommerferien, in denen man sich austauscht, wer dieses Jahr wohin reist? Der eine liebt das Meer, der andere besteigt gerne umhüllt von frischer Bergluft die höchsten Gipfel, der nächste interessiert sich für Kultur. Ein Ziel verfolgen jedoch alle Urlauber gemeinsam- schön soll es werden. Schön wiederum ist natürlich auch relativ, für manche ist Erholung das Einzige, was sie brauchen, andere wollen Action und Spaß, eben jedem das Seine. Ich persönlich bin für mein zartes Alter nicht gerade wenig um die Welt gekommen und habe viel Sehenswertes besichtigen dürfen, was dazu geführt hat, dass ich eine Sache mit hundertprozentiger Überzeugung sagen kann, nämlich: „There’s no place like Ikaria“
Ikaria- Was ist das eigentlich?

Die Frage ist im Groben leicht zu beantworten. Bei Ikaria handelt es sich um eine etwa 255 km² große Insel in der Nähe von Samos in Griechenland. Sie zählt etwa 8300 Einwohner und ihr Name wird höchstens mit der Sage des Dädalus und Ikarus assoziiert. Üblicherweise ist die Insel in keinem Urlaubskatalog zu finden, an Hotels mangelt es gewaltig und von prunkvollen griechischen Statuen ist auch nichts zu hören. Doch was macht diesen Ort dann so besonders?

Nun ja, die Hinreise auf die Insel ist jedes Mal ein anstrengender Prozess. Zwar verfügt Ikaria über einen kleinen Flughafen, doch die Flüge dorthin sind hauptsächlich auf nationaler Ebene und die Anzahl der Plätze äußerst begrenzt. So heißt es also Flug nach Athen buchen, den Hafen Piräus aufsuchen, Tickets für die einzige dorthin führende Fähre kaufen und los geht’s. Nach einer achtstündigen Nachtfahrt auf einem Schiff, von dem ich weder wissen möchte wann es das letzte Mal gereinigt, noch geprüft worden ist, öffnen sich endlich dessen gewaltigen Tore und der Anblick ist schier prächtig. Vor mir erstreckt sich eine Hafenstadt wie aus dem Märchenbuch. Weiß-blaue Häuser wie man sie aus Griechenlandkathalogen kennt, beleuchtete Tavernen und Cafés, in denen sowohl alte als auch junge Menschen bis in die Morgenstunden sitzen und gemeinsam das Meer beobachten, reden und lachen. All Anstrengung, Müdigkeit und Reisestress fällt bei diesem Glanz von mir, alles was ich verspüre ist Glückseligkeit. Der erste Teil meines ganz persönlichen Paradieses beginnt, endlich kommt die Zeit, auf die ich sehnlichst das ganze Jahr über gewartet habe.

Ich verbringe meine Zeit fast ausschließlich mit einem großen Freundeskreis junger Menschen im Alter von 16 bis 26 Jahren, die meisten wohnen dort, andere haben wie ich Verwandte auf der Insel und besuchen sie Jahr für Jahr. Aus diesem Grund kennen wir uns alle schon seit Kindestagen, wir sind zusammen aufgewachsen und treffen Jahr für Jahr nur an diesem einen Ort aufeinander. Zusammen toben wir auf den traumhaften Stränden, machen gemeinsame Spaziergänge am Hafen, besuchen jedes Volksfest, auch genannt Panigiri, bei dem wir Sirtaki und den komplizierten Inseltanz „Ikariotikos“ tanzen und feiern bis in die Morgenstunden in den verhältnismäßig zahlreichen Clubs, die die Insel für junge Leute eingerichtet hat. Fragen wie „Wie kommen wir zum Panigiri, welcher 12 km von uns entfernt stattfindet“ oder „wann gehen wir nach Hause“ gibt es nicht. Hat man kein Transportmittel, muss man eben trampen und Uhren sind sowieso völlig überflüssig, denn wie ein altes Sprichwort schon sagt: „Einen wahren Ikarianer erkennt man daran, dass er niemals einen Blick auf die Uhr wirft“. Plötzlich verlieren wir alle Vorurteile, die uns im alltäglichen Leben begleiten. In einer Gruppe von Jungen oder Alten ist jeder akzeptiert, egal ob dick, dünn, hässlich oder dumm. Irgendwie sind alle gleich. Wer an seinem Heimatort als Opfer für verbale Angriffe gilt, fühlt sich plötzlich integriert, wer normalerweise gerne das Arschloch raushängen lässt, stört sich plötzlich nicht mehr an „Losern“. Die unglaubliche Schönheit der Insel und das wortlose Verständnis aller untereinander sorgt für eine unbeschreibliche Atmosphäre, die es nur an diesem einen Ort gibt und die nur der spüren kann, der schon mal dort war. Wer einmal auf Ikaria war, sagt man, kehrt immer wieder zurück. Sommer für Sommer genießen wir die pure Gesetzlosigkeit und die Freiheit, das zu tun, was man möchte, wie man es möchte und wann man es möchte.

Klingt das nicht eigentlich nach völliger Verwahrlosung, einem Ort, an dem Kriminalität, Drogenkonsum und Alkoholexzesse nur so zu erwarten sind? Auf Ikaria gibt es keine Kontrollen, also müsste es sich hier doch perfekt kiffen und saufen lassen, ohne gesetzliche Probleme, Polizei oder ähnliches. Ja, die Insel müsste eigentlich überfüllt von Proleten sein, die nichts weiter wollen, als ordentlich die Sau raus zulassen! Aber nein, so ist es nicht.

Die Menschen auf dieser Insel kennen die Regeln. Diese Regeln wurden nie von jemandem aufgestellt, besprochen oder aufgeschrieben, dennoch sind sie da. Jeder, der hierher kommt, ist mit ihnen aufgewachsen und hält sich strikt daran. Ich kann die Regeln nicht beschreiben, da sie einfach nicht klar definierbar sind, aber ich glaube das Prinzip dieser Regeln ist eines: Gegenseitige Kontrolle aufgrund des Wunsches die Freiheiten, die wir nur an diesem Ort haben und welche uns dort geboten werden, zu erhalten. Was meine ich damit?

Um das Prinzip zu verdeutlichen, werde ich einmal ein Beispiel nennen, das die Angelegenheit hoffentlich klarer macht:
Die Strandbar ist nachts nicht abgeschlossen, die Kasse mit ein wenig Geld drin, hochwertige Getränke und Essen befindet sich dort. Eine Gruppe junger Urlauber beschließt, die Nacht bei einem Lagerfeuer am Strand zu verbringen und setzt sich dazu an die Bar. Ich garantiere, dass keiner dieser jungen Menschen auf die Idee kommen wird, sich an den Getränken der Bar zu bedienen und auch nur einen Cent des Geldes in der Kasse zu stehlen. Falls irgendein Idiot doch mal dieses Vorhaben äußern würde, wäre er ganz schnell weg vom Fenster, denn sicherlich würde der Rest der Gruppe nicht mitziehen, sondern ihn temperamentvoll zurechtweisen. Klingt absurd, nicht? So eine Moral untereinander kann es eigentlich nicht geben, oder?

Nun, so absurd ist das gar nicht, wenn man es einmal hinterfragt. Klar, es wäre bestimmt für jeden einzelnen in der Gruppe ein vorübergehender Vorteil, sich an den Waren zu vergreifen. Was gibt es besseres als einen kostenlosen Suff und für jeden ein kleiner Betrag Bares dazu? Doch genau aus dem Grund, dass dies niemand tun würde, kann diese pure Freiheit existieren, und das wissen die Menschen. Keiner, der das Prinzip der Insel kennt, würde es wagen, das Stehlen anzufangen, Drogen zu nehmen oder sich ins Koma zu saufen, denn jeder weiß, zu welch Katastrophe das führen würde. Diese funktionierende Gesetzlosigkeit, mit der die Insel indirekt geleitet wird, ginge verloren. Man bräuchte auf einmal Polizei, denn es herrschte ja Kriminalität, man bräuchte Kontrollen, denn die Menschen könnten sich ja selbst und untereinander keine Grenzen mehr setzen. Dann wäre der Zeitpunkt, an dem sich die Insel zu dem entwickeln würde, was alle versuchen zu vermeiden- einem Urlaubsort wie jedem anderen. Genau das ist der Grund, warum dieses Paradies funktionieren kann und keiner würde sich trauen, die Regeln der Ehrlichkeit und des Friedens zu brechen. Durch deren Einhaltung ermöglichen wir uns gegenseitig einen Urlaub, dessen Zauberhaftigkeit ich in Worte nicht fassen kann.


Die Medien werden langsam, aber sicher, immer aufmerksamer auf diese Insel. Forschungsinstitute finden heraus, dass einer der Orte mit der höchsten Langlebigkeit auf der Welt eine Insel ist, die allen bisher völlig unbekannt war. Natürlich muss sofort erforscht und durchgekaut werden, was bisher uninteressant blieb. Fernsehteams filmen die Schönheit der Natur und die besonderen Menschen, ziehen Schlüsse aus deren Aussagen und machen kleine Reportagen, in denen sie vom besonderen Lebensstil der Insel berichten. Doch nicht nur die Medien, auch die Jahr für Jahr kommenden Urlauber ziehen durch ihre schwärmerischen Erzählungen immer mehr Leute an. Dies führt dazu, dass plötzlich Hotels in Planung sind, wo sich momentan Natur befindet und die Dörfchen auf einmal touristenfreundlicher werden sollen. Die wahren Ikarianer machen sich Sorgen um ihr kleines Paradies. Was, wenn all dies, was die Insel bisher an Individualismus zu bieten hatte, verloren geht, weil plötzlich Touristen kommen, die das Prinzip, nach dem sie funktioniert, einfach nicht verstehen?

Freilich sorgt man sich, doch konstruktive Prognosen kann man nicht stellen, man kann nur hoffen, dass das allgemeine Interesse außenstehender schnell wieder sinkt und Ikaria immer das bleibt, was es momentan ist. Ich weiß, dass der Versuch, die Insel richtig zu beschreiben, missglückt ist und ich bin froh darüber. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, an dem es auch nur einem gelingt, in Worte zu fassen, wie außergewöhnlich und wundervoll diese Insel wirklich ist, ist alles verloren, denn das, wovon die Insel lebt, ist, dass sie unbeschreiblich ist.

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3 Antworten

Kommentare

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    Sounds like an utopia... habe aber nun echt Lust auf Sonne und Urlaub!

    14.03.2010, 13:46 von FAZ
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    Zu lang. Sprachlich nicht so glücklich. Der erste Absatz macht schon keine Lust auf´s Weiterlesen.
    Wer kennt sie nicht, die üblichen Gespräche vor den Sommerferien, in denen man sich austauscht, wer dieses Jahr wohin reist?
    Rhetorische Frage am Anfang nicht gerade glücklich.

    Der eine liebt das Meer, der andere besteigt gerne umhüllt von frischer Bergluft die höchsten Berge, der nächste interessiert sich für Kultur.
    Nach Bergluft Berg und dreimal der.

    Danach wird es besser. Du fängst allerdings den scheinbaren Zauber nicht wirklich in Worte. Ich muss ihn mir denken. Ich tauche nicht ein in die Welt der Insel. Bin nicht bei deiner Reise dabei und soll es, wenn ich das Ende richtig verstehe, auch gar nicht. ???

    06.03.2010, 00:59 von Steifschulz
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      @Steifschulz ...ich weiß, der Artikel ist gewiss nicht perfekt, aber er ist mein erster und ich arbeite daran, besser zu werden/ bessere zu schreiben... und ob das Feeling gut rübergebracht wird, ist glaube ich auch teilweise Empfindungssache und von Mensch zu Mensch verschieden. Wenn das bei dir nicht der Fall war, ist das in Ordnung, schließlich hat ja jeder seine eigene Warnehmung von Dingen.

      06.03.2010, 01:12 von irini
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    WoW... Sehr sehr schön geschriebener Text!! Alle Achtung
    Mitreißende Beschreibung einer unwirklich wirklichen Welt in die wir uns wohl wünschen...

    Empfehlung!

    05.03.2010, 13:07 von Lellop
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