tones 19.06.2012, 20:58 Uhr 14 7

Ich.

Eine etwaige Liebeserklärung an das Heute, Gestern und Morgen, die drei besten Freunde des Lebens. Guten Tag.

Ich bin verliebt. Nicht so wie ihr denkt. Doch verliebt. In die Zeit. Die sich so ungeheuer sexy durch mein Leben schleicht. Manchmal nervt sie. Manchmal kann ich gar nicht genug von ihr bekommen. Und manchmal kommt es mir vor, als ob ich manchmal „Manchmal“ gefährlich inflationär oft verwende. Aber eben nur manchmal. 


Ich bin verliebt. In meinen Tee. Der ist einfach so unglaublich süß. Im Gegensatz zu Kaffee. Ich meine, der kommt immer mit einer derart bittertrüben Kackbräune daher, dass er nicht in die Tasse, sondern vielmehr ins Klo gehört. Mein Tee dagegen, der knistert vor Freude. Ja, der schreit schon fast vor Überzuckerung. Und manchmal kommt es vor, dass der Löffel drin stehen bleibt, weil sich der dritte Haufen Honig nicht mehr verdünnisieren mag. 

Ich bin verliebt. In die Musik. Weil ohne eigentlich nicht geht. Wozu wäre der Duschkopf denn sonst da, wenn nicht als improvisiertes Mikrofon. Und überhaupt, was würden wir denn tun, ohne Ton? Und ohne Melodie und Rhythmus. Im Kopf. Und im Leben. Gut, meinen heißgeliebten Obermieter, der sein Kind immer mit dreckiger Bollywood-Musik massakriert, den würde es nicht geben. 

Ich bin verliebt. Nicht in meine Nachbarn. Doch in Worte. Die ich manchmal nicht zu sagen vermag. Denn Genießer schweigen. Und der Schüchterne auch. Und geschrieben ist manchmal alles viel leichter. Wenn auch die Worte schwerer werden, wenn man sie zwischen den Zeilen verliert. Und sich darin verirrt.

Ich bin verliebt. In Akrobatik. Die, die Sprache schlägt. In charmante Drastik, die dir in die Fresse peitscht. Mit nackter Wahrheit gefüttert. Ungeschminkt verziert. Philosophisch getoucht doch slanggeneriert. 

Ich bin verliebt. In die Verwirrung. In Rätsel und paradoxe Logik. Und irgendwie in Dr. House. In Menschen, die sich nicht erklären, und immer noch an Wunder glauben.

Ich bin verliebt. In die Farbe Blau. Und in Grün. Und in Grau. 

Und ich bin verliebt, und irgendwie steigt mir das gehörig zu Kopf. Gedanken über Gedanken, die da drin wanken und wanken. Und manchmal, manchmal, manchmal sich auch zanken.

Ich bin verliebt. In einen Ort. Der mich einer Angst beraubte. Der mich in den Himmel hebt und mir die Welt zu Füßen legt. Und mir Geschichten über Ameisen erzählt. 

Ich bin verliebt. In Ironie und Selbstverarsche. In bitterbösen Humor, der vor Schwärze nur so tropft. Und doch eigentlich nur die Realität am Schopfe packt. 

Ich bin verliebt. Ins Internet. In Computer, Smartphone und Whatsappchat. 

Ich bin verliebt. In all den Facebook-Hype. Weil jeder dabei sein Leben teilt. Auch wenn’s niemanden interessiert, und jeder dabei nur heiße Luft produziert. Doch man kann viel lachen, über komische Leute.

Ich bin verliebt. In Schadenfreude. Manchmal. Wenn es angebracht ist. Und danach keiner angepisst ist.

Ich bin verliebt. Ins Verliebt sein. Und ins Hassen. Und manchmal auch ins Belassen belassen.

Ich bin verliebt. Auch wenn das komisch klingen mag. In meine Albträume, die mich Nacht für Nacht und Tag für Tag. umbringen. Doch wenn ich mich am Morgen erinnere, welch Tödlichkeit mich heimsuchte, wird der Tag meist doppelt so lebendig. Und alles gut. Und alles schön.

Ich bin verliebt. In Dinge die mich nichts angeh’n. In diese gottverdammte Neugier. Die ich doch immer wieder runterprovozier‘. Oder es zumindest versuche. Weil sich das nicht gehört. 

Ich bin verliebt. Und zwar ganz unerhört. In die Frechheit. Und diese auch zu besitzen. Und manchmal, zu gewisser Zeit mit gewagten und spitzen Kommentaren um mich zu werfen. Die manchmal auch verletzen. 

Ich bin verliebt. In all die Idioten. Die mir Tag für Tag begegnen. Die mit einer solch großen Portion Absurdität durch die Straßen hetzen und mir damit den Tag versüßen. So wie mein Tee.

Ich bin verliebt. In die Zeit. Die sich so ungeheuer sexy durch mein Leben schleicht. 

Ich bin verliebt. In den Tag. Weil morgen mit Sicherheit wieder ein anderer kommen mag.

Ich bin verliebt. Denn anders kann ich nicht.

Ich bin verliebt.

Und ich bin
Ich.

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14 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich bin verliebt. Ins Verliebt sein. Und ins Hassen. Und manchmal auch ins Belassen belassen.
    Ich
    bin verliebt. Auch wenn das komisch klingen mag. In meine Albträume,
    die mich Nacht für Nacht und Tag für Tag. umbringen. Doch wenn ich mich
    am Morgen erinnere, welch Tödlichkeit mich heimsuchte, wird der Tag
    meist doppelt so lebendig. Und alles gut. Und alles schön.
    Ich denke immer mal an deinen Text. An den Tagen, wenn ich mich so "verliebt" fühle, wie du es beschreibst, dann kommt mir dein Text in den Sinn.

    Vlg Jackie

    14.08.2012, 14:54 von Jackie_Grey
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  • 0

    Super Einstellung! Mach doch aus der ganzen Verliebtheit mal "Liebe"

    21.06.2012, 16:04 von See_Emm_Why_Kay
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  • 0

    Das klingt ein bisschen....mh.... manisch?

    19.06.2012, 23:17 von Jackie_Grey
    • 0

      Ja, vielleicht ein wenig. Auf jeden Fall, überzogen (was den Missbrauch des "Verliebt Seins" angeht). Und trotz allem, steckt doch auch viel real Wahres drin. Irgendwie. 

      19.06.2012, 23:24 von tones
    • 1

      Mir gefällt diese Lebensfreude in deinem Text. Die hat man nicht alle Tage. Und ich trinke Tee so gern wie Kaffee.


      Es gibt selten Tage, bei mir zumindest, an denen man so glücklich und vergnügt ist und alles mit so verliebten Augen betrachtet. Aber es gibt diese Empfindungen und dann lebt man wirklich richtig gern und unbeschwert. Dein Text ist Lebensfreude pur.


       

      19.06.2012, 23:29 von Jackie_Grey
    • 1

      Daran hat mich dein Text erinnert. An die große, wunderbare Mascha Kaleko:


      Sozusagen grundlos vergnügt

      Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen
      Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
      Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
      Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
      -Dass Amseln flöten und dass Immen summen,
      Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.
      Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
      Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.

      Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht
      Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
      Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
      Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
      Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
      Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
      Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
      Ich freue mich vor allem, dass ich bin.

      In mir ist alles aufgeräumt und heiter;
      Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
      An solchem Tag erklettert man die Leiter,
      Die von der Erde in den Himmel führt.
      Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
      - weil er sich selber liebt - den Nächsten lieben.
      Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
      und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
      Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!
      Ich freu mich, dass ich...Dass ich mich freu.

      (Mascha Kaleko)

       

      Viel Spaß damit u. noch einen feinen Abend.

       

      19.06.2012, 23:36 von Jackie_Grey
    • 1

      Danke. :)

      Auch wenn man mich an manchen Tagen (vielleicht auch durchaus viele) anhand dieses Textes mit Sicherheit nicht identifizieren könnte. Weil ich all diese "Liebe" nicht unbedingt nach außen kehr'. Aber innerlich genieße ich. Sekunde für Sekunde. Weil nur das sich lohnt.

      19.06.2012, 23:37 von tones
    • 1

      Sie schrieb noch etwas, das zu deiner Aussage passt, denn viele Emotionen machen wir ganz allein mit uns aus. Aber es ist auch schön, wenn man diese Freude teilt, dieses Verliebtsein, wie du das in deinem Text getan hast. War schön, ihn zu lesen.



      Mein schönstes Gedicht? Ich schrieb es nicht. Aus tiefsten Tiefen stieg es. Ich schwieg es.


       


      Vlg Jackie

      19.06.2012, 23:42 von Jackie_Grey
    • 1

      Die Frau gefällt mir. Mit ihr werd' ich mich wohl die nächsten Tage mal näher beschäftigen. Danke dafür. :)


      Und auch noch mal danke, für's Lesen,Herzen und Mögen und alles andere. :)

      19.06.2012, 23:46 von tones
    • 0

      Sehr gern. My pleasure.

      19.06.2012, 23:47 von Jackie_Grey
    • 1

      Mein schönstes Gedicht? Ich schrieb es nicht. Aus tiefsten Tiefen stieg es. Ich schwieg es.

      Ahja :) Der Kreis schließt sich... ein bisschen ;-) Gute Idee mit Mascha, habe hier auch noch einen Band zu lesen, danke für die Inspiration, liebe Jackie :)

      20.06.2012, 05:57 von Mrs.McH
    • 1

      Ja, Mrs. Da treffen wir uns wieder. Unter deiner Empfehlung für "tones".
      Wie schön, dass ich schaue, was du empfiehlst.

      22.06.2012, 11:27 von Jackie_Grey
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  • 2

    Ich bin verliebt. In diesen Text. Wegen der Buchstaben, die sich so wunderschön aneinander reihen und sinnlos Sinn ergeben, obwohl danach nicht gefragt wurde.

    19.06.2012, 22:27 von Mrs.McH
    • 0

      herzallerliebst von dir. danke lieb fein. :]

      19.06.2012, 22:33 von tones
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