zzebra 23.09.2010, 10:37 Uhr 19 24

Hey Leben.

Kurzer Brief an dich zwischendurch.

Ich war heute kurz im Netz und hab 10 Minuten ausgiebiges Klicken und Querlesen investiert; das reichte, um festzustellen, dass ich dort nichts versäume. Das mag auch an mir liegen, um so schöner.

Ich reiße das hier in Fetzen ab, die mir die Zeitlücken lassen, schließlich möchte ich ganz und voll da sein für meine Freunde, Menschen, die mir wichtig sind. Und ich finde immer weniger davon. Ich werde mitgeflossen, bemühe mich, dabei das Lächeln nicht zu vergessen, und ja, die neue Welt, die der Hast und Arbeitsamkeit, sie ist dennoch hübsch. Ich arbeite wirklich gerne, der Job, so einfach er ist, macht Spaß. Viel Routine nun und hin und wieder Kundenkontakt, gerade so viel, dass diese nicht nerven, sondern einen nur ein Lächeln abnötigen, ein verschmitztes, beruhigtes, in sich gekehrtes. Auch wenn diese umtriebigen Menschen, die alles günstig und möglichst sofort wollen, feststellen, dass sie nur ein Auto mieten, bloß ein Auto, nichts weiter, und dass sie auch im Krankenhaus einen aufschiebenden Kommentar bekommen: "Bitte. Nehmen sie erst einmal Platz..." So dick die Karte auch ist.

Mein Rechner steht nun neben mir, ich bin in Umzugsvorbereitungen, meine linke Pobacke schläft alle fünf Minuten ein. Sagte ich schon, dass manchmal im Leben einfach die Zeit fehlt, eine neue Sitzposition einzunehmen, eine, die einen nicht einlullen lässt? Sehr praktisch also. Schräg gegenüber wohnt ein Schreiner, privat, vielleicht sägt er mir zusätzliche Bettfüße: Erhöhungen, 12 mal 12 mal 12 Zentimeter, damit auch unterm Bett Stauraum ist. Denn mein Wohnraum wird nun weniger, enger und kleiner. Ich finde, er wird damit, kurios, ich weiß, auch lebenswerter. Man kann weniger übersehen dann, vor allem reduziert sich der Platz, an dem Nichts oder nur Gedöns herumsteht.

Ich könnte mich nun selbst ernähren, mein Kind dazu, das wäre auf Kante genäht, aber es ginge. Dennoch nehme ich gerne von meiner Noch-Frau, was mir an Kindergeld als Alleinerziehender zusteht. Es ist für ihn, denke ich mir. Eigentlich ist mein ganzes Leben an ihm orientiert. Und eigentlich doch nicht, er ist nur die wundervollste Verzierung, die ich mir vorstellen kann im Moment. Auch wenn ich der Erziehung müde bin. Gar nicht so schlecht, so ein Job, da ist man weniger zu Hause, um Kinder zu verziehen oder verzeihen zu müssen, fliegt es mir manchmal zu, wenn ich der verbalen Wiederholungen (der Mutter aller Erziehung) müde bin. Beides saugt an Kraft und Energie.

Ich habe mich mit dieser 3fach-Kombi gegen Grippe impfen lassen, die "etwaigen leichten Symptome" schlagen bei mir voll durch. Liegt an meinem kranken Herzen, das chronisch anfällig für Grippeviren ist. Ich wusste das, aber lieber eine terminierte Grippe ohne Fieber als eine unvorhergesehene, eventuell gerade zur Umzugsphase. Ich habe nur sieben Tage Zeit dafür, eine Woche Urlaub bekam ich, und fühle mich blasphemisch schlecht, wenn ich gedanklich witzele: Gott hat die Welt in sieben Tagen erschaffen, da werd ich doch...

Das in zwölf Ehejahren ersparte Haushaltsgeld musste teilgeopfert werden für ein Fahrzeug, ich hatte es satt, nass, verschwitzt oder unterkühlt zur Arbeit zu erscheinen, auch der Gedanke an die Heimfahrt erfüllt nun mit warmem Vorfreudegefühl. Ich hatte lange kein eigenes Auto. Ich hatte lange kein eigenes Leben. Der Tag wird kommen, wenn mein Sohn auszieht. Ich bin gut vorbereitet, rede ich mir zu, aber das ist man nie, wenn es so weit ist, das ist ja gerade das charmante. Also werde ich dennoch ein wenig traurig sein dann. Das darf man ruhigen Gewissens. Denn ich werde mich darüber freuen, dass ich nicht verlernt habe zu fühlen.

Montag werde ich ärztlich durchgecheckt, weil ich demnächst fünfzig Winter zähle (ein Tag, zu dem mir hoffentlich keiner gratuliert), und nun alle fünf Jahre meine Lizenz für Lastwagen erneuern muss. Ich mag Ärzte nicht. Weil man sie immer dann aufsuchen muss, wenn es einem schlecht geht. Ich verliebe mich doch auch nicht mehr. Die Liebe ist nicht nur aus psychologischer Sicht eine schlimme Krankheit. Manche von ihr stark Befallene sagen ihr sogar Unheilbarkeit nach. Die Kunst ist es, wie bei Schmerz, Krankheit, Traurigkeit, damit leben zu lernen.
Das Glück ist ein Lächeln, kein Aufschrei.

Ich spare mir also vierzig Quadratmeter, dreihundert Euro und das dumme Gefühl, abhängig sein zu müssen. An jemanden aus Leidenschaft zu kleben, mag noch angehen, auf Kosten eines anderen zu existieren vermittelt das Gefühl, lästig zu sein wie eine Stechmücke. Mein Sohn weinte vor kurzem als ich eine Fliege mit unserem speziellen Fangbecher zu erhaschen versuchte und sie dabei zerquetschte. Er hat ein großes Herz, mein Sohn. Es kommt meinem nach: schwer und viel zu voll für die kleinen Aufgaben, die man mit ein wenig mehr Einsicht, Gleichgewicht und Vernunft bewältigen könnte. Stechmücken hingegen dürfen zermanscht werden. "Aber nur die Weibchen!" doziert er, lernbereit für alle praktischen Lösungen des Lebens, die Wahrheiten manipulieren, damit die Verletzungen sich im Rahmen halten und die Glückssuche kein Schotterweg wird.

Ich stehe früh um Viertel vor sechs Uhr auf und gehe abends um etwa zwölf ins Bett. Die Zeit dazwischen ist mit allerlei Aufgaben ausgefüllt, nötigen, wichtigen, liebenswerten und solchen, denen man gerne aus dem Weg ginge. Zu letzteren gehören nicht die elf Stunden Arbeit, verteilt über den Tag, nein, sondern es sind die Augenblicke, in denen man sich zu wichtig nimmt und benimmt. Die schmerzen am meisten. Das Wochenende ist dann für mein Kind, für mich und für die Dinge, die unter der Woche alle so unbeachtet liegen geblieben sind. Ich finde, ich hätte es schlechter treffen können, das Schicksal. Wie? Nein, nein, nein, für eine Frau ist kein Platz zur Zeit, das ist schrecklich lieb gemeint von dir, mein Leben, aber ich wäre wohl eine Enttäuschung.

Manchmal besuchen mich allerdings Freunde und Bekannte. Was wäre das Leben ohne sie, sie sind feine Würze, auch wenn immer mal wieder so ein Geschmacksverstärker darunter zu finden ist, und wenn schon. Einer bemerkte sanft, dass mir die paar Kilo weniger ganz gut stünden. Du weißt, ich war immer schon schlank, das sind die Gene, aber das Gefühl, dass die Zeit auch an einem selbst wahrnehmbar frisst, ist kein wirklich gutes. Eile und Hast, mit denen ich meine Agenda quittiere, lassen keinen Spielraum, Speck anzusetzen. Na vielleicht hilft mir die kalte Jahreszeit dabei: auf den Winter reagiere ich stets, indem ich fülliger werde. Dann wächst die Falte, die sich einstellt, wenn ich mich zur Seite biege und dort hineinkneife, auf drei Zentimeter Dicke an. So erfährt man, dass einen auch ein schmales Polster durchaus durch harte Lebensphasen bringen kann.

Ich bugsiere mich im Moment durch Stelen gepackter Kartons, zerlegter und aufgestellter Regale, und konstatiere: Veränderungen haben auch ihren Charme, aus so schmerzlichen Gründen sie auch geschahen. Dreizehn Jahre Gemeinsamkeit wischen sich nicht einfach weg wie alter staubbehafteter Spinnweb, doch sie belasten auch nicht, wenn man sauber umstellt. So sollte das Leben sein: Nichts-in-der-Hand-Reichtum, den man ablegen kann, ohne verzagen zu müssen. Ein Lächeln noch und tschüs.

Wenn ich Mitte November die neue Phase beginne, alles an seinem neuen Platz ist, eine Regelmäßigkeit mich wie Klippenwasser zuverlässig umspülen kann, wenn ich nicht mehr Tage und Wochen herunter oder Ziele herbei zähle, sondern endlich ein wenig angekommen die wenigen Momente mit meinem Kind entspannt genießen kann, natürlich im Bewusstsein, dass dies auch nur wieder eine Phase sein wird, klar, dann, liebes Leben, dann, ja dann kriegst du ein Lächeln von mir, dass dir so richtig übel wird davon, so zuckersüß und pappig wird das sein - und voller Vorfreude auf die nächste herbe Niederlage. Denn nichts ist schöner als wieder aufzustehen.

Bis bald mal wieder.

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19 Antworten

Kommentare

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    Ach ja . . .  *sigh*

    04.08.2014, 12:44 von Justus
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    wenigstens hast du keine orangenhaut. also kopf hoch! :)

    29.09.2010, 14:47 von misspringle
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      @misspringle kann er n club aufmachen midde b.tina und midde sonja.

      ;)

      29.09.2010, 14:57 von AnnaEcke
    • 0

      @AnnaEcke :D

      29.09.2010, 18:16 von RedSonja
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    Brief ans zzebra: Hey, du bist nun volljährig&geimpft, mach was draus! Weniger Reflektion, mehr Tat! Aufi!

    29.09.2010, 11:40 von Kiwisalz
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    Wow, viele schöne Sätze ind deinem Text. Vielen Dank!

    Wünsch Dir viel Glück und Erfolg in deiner neuen Phase!

    29.09.2010, 10:22 von the_eye
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    ich mag den Artikel auch und ausserdem bringt er mich zum Schmunzeln. ;)

    28.09.2010, 22:24 von beaming
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    gefällt mir, gefällt mir, gefällt mir !

    28.09.2010, 21:29 von reinventlove
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    schön von dir zu lesen. meine liebsten grüsse an dich.

    28.09.2010, 21:07 von goldi1973
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  • 0

    wunderbar. "denn nichts ist schöner als wiederaufzstehen". der text ist voll von solchen sätzen. er gefällt mir wahnsinnig gut, hab gerade selber ein lächeln im gesicht;)

    28.09.2010, 19:51 von nana-o
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    für herrn zzebra ist das ein verdammt kurzer text ;)

    nun denn: neon hat dich wieder lieb und schenkt dir 5 minuten ruhm. alles gute für die restlichen ...

    28.09.2010, 18:04 von King-Lube-III
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