frl_smilla 31.08.2009, 08:25 Uhr 11 20

Herbst

Wenn sich das Tageslicht verändert und die Luft den scharfen Beigeschmack von Klarheit trägt,

wenn der Sommer sich zum Horizont hinwegrollt, wenn der Wind keine Hitze sondern Regen und Drachen trägt, wenn das Jahr über den Gipfel meines Monats kippt, der Regen den Dreck an die Oberfläche spült, dann kommen sie wieder.
Langsam, einer nach dem anderen.

Der erste liegt besoffen vor der Wohnungstür, lallt und lärmt, hält sich an meinen Beinen fest und will zubeißen.
"Verpiss dich!" zische ich, die Hände voll mit Einkäufen und sonstigem Ballast. Er lässt nicht locker. Kichert, stöhnt, macht Sabbergeräusche.
Ich trete ihm einmal hart ins Gesicht, er lacht nur und setzt sich mit letzter Kraft halbwegs aufrecht an die Wand. Er macht diese alberne Pistolenbewegung und blinzelt mir mit seinen glasigen Augen zu.
"Ich krieg' dich."
"Das werden wir ja sehen."

Der zweite liegt in der Badewanne, wartet, bis ich anfange zu duschen, dann packt er meinen Kopf, drückt mir den Brausekopf unter die Nase und dreht das heiße Wasser voll auf.
Er lacht mir hämisch ins Ohr, leckt dann daran herum, während ich schreie, um mich schlage und ihn schließlich mit dem Ellenbogen erwische. Er krümmt sich kurz, jault auf und flüchtet durchs Fenster.
"Ich komme wieder, du Schlampe!"
"Das werden wir ja sehen."

Die nächsten beiden sitzen in der Küche und fressen meine Vorräte, nein, sie schlingen sie in großen Bissen herunter. Was ihnen nicht schmeckt, spucken sie aus.
"Haut ab!" sage ich, will zur Kaffeemaschine gehen und einschalten, da schlägt mir einer von ihnen ins Gesicht, der andere springt auf, rennt um den Tisch und steigt mir ins Kreuz. Ich falle mit dem Gesicht in zerkaute Reste.
Ich spüre ihren Atem in meinem Nacken.
"Du lachst in letzter Zeit zu wenig. Hast du keine Spaß mehr mit uns?"
"Ich hatte euch nie eingeladen!"
Sie kichern albern, schmieren mir Zeug ins Haar und summen Lieder, die mal mir gehört haben.
"Ach, nun komm schon, es ist doch nicht so schlimm, du wirst dich schon noch an uns gewöhnen! Hihihihi...."
"Das werden wir ja sehen."

Der nächste liegt in meinem Bett. Als ich mich dazulege, krallt er seine Nägel in meinen Rücken. Er hat eine hässliche Stimme. Die hässlichste Stimme die ich jemals gehört habe.
"Ich will dich ficken!"
Ich drehe mich um, die Nacht schon wohlig um mich herumgewickelt.
"Raus! Raus aus meinem Bett. Jetzt und auf der Stelle."
Er packt mich und zieht mich an sich ran. Seine Hand fährt fordernd auf meinem Körper hin und her. "Komm schon, stell dich nicht so an."
"Ich will schlafen, verdammt noch mal!"
"Ach komm schon, du schläfst doch nie!"
"Raus!"
Er klaubt sich zusammen, steigt aus dem Bett. "Gut, ich schlafe woanders, aber so leicht wirst du mich nicht los."
"Das werden wir ja sehen!"

Am nächsten Morgen beim Frühstück. Meine Mitbewohner haben vom Vortag nichts mitbekommen und wundern sich über mein derangiertes Aussehen.
"Ach du grüne Neune, Smilla, Bist du unter einem Güterzug gelandet?"
"Ach, Fresse."
"Was ist denn los?"
"Die Moskitonetze helfen nichts mehr. Das Sicherheitsschloss auch nicht. Sie kommen trotzdem rein. Der Dreck wird mir hier zu viel. Wir brauchen eine Putzfrau."
"Du brauchst eine Putzfrau, nicht wir! Das sind alles deine Geister, die sich hier ständig verlustieren! Wir zahlen sicher nicht für Deine Putzfrau mit!"
Ich kann es ihnen nicht verdenken, sie haben recht.
Als sie zur Tür raus sind, telefoniere ich mir die Ohren blutig.
Nein, es gäbe momentan keine Putzfrauen, die Nachfrage wäre zu hoch, Sie wissen schon, der Jahreszeitenwechsel allgemein und gerade jetzt so im Herbst...ob ich stattdessen einen Cleaner nehmen würde.
Cleaner sind teurer, zuverlässiger und weitaus zerstörerischer. Sie räumen mit einer Quote von 100% auf, aber übernehmen keine Haftung für Inventar und Behausung. Ich denke an meine MItbewohner, lehne dankend ab und lasse mich für eine Putzfrau vormerken.

Das Spiel wiederholt sich die nächsten Tage, die Ringe um meine Augen werden immer größer und schwärzer und als ich am fünften Tag auf einem Fleck Suffkotze ausrutsche, mir zwei Zähne am Badewannenrand ausschlage und vor lauter blauen Flecken an meinem Hintern kaum noch sitzen kann, habe ich die Schnauze gestrichen voll.

Am siebten Tag klingelt das Telefon. Ob ich immer noch an einer Putzfrau interessiert wäre.
Ich schreie fast, so laut bestätige ich den Termin für den nächsten Tag.

Sie trägt eine Kittelschürze in apartem Grün und Blau und schleppt einen Überseekoffer an Putzzeug mit sich.
"Guten Tag Frau Jaspersen. Ich bin hier wegen dem Putzjob." Sie sieht sich um. "Es scheint mir, als würde ich gerade richtig kommen." Ihr prüfender Blick entgeht mir nicht. Ich muss furchtbar aussehen. Die tiefschwarzen Augenringe sprechen für sich und die offenen Fleischwunden, die ich nicht mehr medizinisch versorge (Wozu auch? Am nächsten Tag beißen sie sowieso wieder rein) stinken wahrscheinlich schon langsam.
Meine Mitbewohner stört das nicht. Sie sind den ganzen Tag an der Uni.

"Wenn es recht ist, Frau Jaspersen, würde ich mit Ihnen gerne eine Rundgang durch die Wohnung machen."
Sie nimmt ein Gewehr aus ihrem Überseekofferputzzeug und lächelt mich freundlich an. "Bitte gehen Sie doch vor, Sie kennen den Weg!"

Ich zeige ihr den Besoffenen, der zum Glück gerade schläft, erkläre ihr, dass im Bad auch einer sitzt und immer durchs Fenster ein- und aussteigt, in der Küche schlägt sie die Hände zusammen, als sie die Unordnung sieht und als ich ihr den zeige, der in meinem Bett lümmelt und gerade genüsslich onanierend in meinen Büchern blättert und wahllos Seiten rausreißt schüttelt sie nur noch traurig den Kopf.
"Du liebe Zeit, da haben Sie aber lange nichts machen lassen! Ich brauche einen Tag, am besten, Sie verlassen die Wohnung komplett und kommen erst heute Abend wieder, wenn alles sauber ist."

Ich lasse Fremde in der Wohnung ungern allein, aber als der, der in meinem Bett liegt mich frech angrinst und im Bad irgendwas das Poltern anfängt, willige ich ein.
"Ich bin um 19 Uhr wieder zurück."
Ich nehme meine Tasche, die paar Songs, die mir noch geblieben sind und gehe die Straße runter Richtung Notaufnahme um mich professionell pflastern zu lassen.

Sie hat sauber gearbeitet. Ich sehe weder Einschusslöcher noch verätzte Stellen. Sie hat gefegt, gewischt und durchgelüftet. Das Sicherheitsschloss ausgetauscht und die Moskitonetze erneuert.
Ich gehe begeistert durch die Wohnung.
"Wow, das ist – toll!"
Ich drehe mich zu ihr um.
"Kann ich bei Ihnen eigentlich auch mit Karte bezahlen? Und kommen Sie auch in regelmäßigen Abständen?"

Sie sieht mich wieder prüfend an, der gleiche Blick wie heute morgen. Sie kommt näher, zeigt mit dem Finger an meinem Kopf vorbei.
"Sie.... Sie haben einen auf ihrer Schulter sitzen! Das ist mir heute Morgen in all dem Dreck hier gar nicht aufgefallen!"
Ich lächle sie schief an.
"Ach ja, der..."
"Und jetzt kreiselt er um Ihren Kopf! Soll ich den auch wegmachen?"
Ich reiße die Augen auf.
"Können Sie das denn? Das ist ein ganze besonderer, der geht nur mit Antworten weg. Ich habe ihn schon ein wenig schrumpfen lassen, weil ich nicht mehr mit ihm rede, aber die von dieser Sorte gehen nie ganz weg, habe ich mir sagen lassen."
Sie schaut traurig und dann auf den Boden.
"Ach so einer ist das. Ja, da haben Sie recht. Die gehen nicht weg. Nur mit Antworten. Und die haben ja nicht mal die Cleaner, vielleicht auf dem Schwarzmarkt....."
Sie schaut mich an. "Tut mir leid."
Ich zucke mit den Schultern. "Nicht zu ändern."

Ich schlafe das erste Mal seit langem mit einem Traum der sich anfühlt, wie das bei Träumen wohl gedacht ist. Wohlig und kühl und herbstlich warm.
Am nächsten Morgen steige ich auf einen Stuhl, klettere durchs schrägliegende Fenster aufs Dach und lege mich auf die erkalteten Schindeln in die laue Sonne.
Bis es an der Tür klingelt.
"Frau Smilla Jaspersen? Paketpost!"
Mit einem Satz bin ich wieder drin und im Flur.
Ich öffne das Sicherheitsschloss und öffne vorsichtig die Tür.
Draußen steht nur der altbekannte Postbote. Er lächelt schüchtern und reicht mir schnaufend ein Paket. "Bitte, unterschreiben Sie hier."
Ich unterschreibe und er sagt noch was von "Jetzt kommt er wieder, der Herbst, man riecht es ganz deutlich, nicht wahr?" und ich nicke und er geht wieder die Treppe hinunter.

Drinnen am Küchentisch. Ich reiße es ungeduldig auf. Es ist leer.
Ein Brief liegt bei.
Ich höre, wie die Wohnungstür aufgeht und meine Mitbewohner reinkommen.
"Tag, Smilla! Und? Hat die Tante anständig saubergemacht?"
Ich lese.
"Sehr geehrte Smilla Jaspersen,
wir freuen uns, dass sie sich für unser Programm "Places You Have Come To Fear The Most – Home Edition" entschieden haben und übersenden Ihnen wie bestellt unsere neuesten Satz Geister, Version 10.4.5 ..."

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    Ich hab den Artikel gelesen - erst einmal - vor mindestens zwei Monaten. Und seither lässt er mich nicht mehr los und ich muss immer mal wieder daran oder darüber nachdenken. Das passiert mir selten.

    12.12.2009, 01:42 von Mel-the-witch
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    GELUNGEN - mehr ist dazu nicht zu sagen!

    22.10.2009, 01:22 von tin08kl
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    Smilla begrüßt den Herbst. Ihr ganz persönlich "Ach, Fresse." Gewohnt gut, gewohnt gekonnt. Gewohnt persönlich. Komm mal an den Rhein und hol Deinen Schnaps ab!

    12.10.2009, 20:29 von DarenBRens
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    ja, das wäre auch ne möglichkeit.
    haste mal die addi der putze? :D

    am besten gefällt mir der satz: "Am nächsten Morgen steige ich auf einen Stuhl, klettere durchs schrägliegende Fenster aufs Dach und lege mich auf die erkalteten Schindeln in die laue Sonne. " exakt mein state of mind.
    und mein postbote hat noch nicht wieder geklingelt. trügerische ruhe.

    auch dir: willkommen im herbst!

    01.09.2009, 09:27 von RedSonja
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      @[Benutzer gelöscht] smilli
      RE: Herbst
      Boah, Smilli, du altes Schlachtross, was haust du denn für fulminante Texte raus?
      01.09.2009 00:03 Uhr


      nothing to add.

      12.04.2010, 23:29 von Miss_Satansbraten
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