Rominchen 02.11.2007, 17:20 Uhr 0 1

Herbst

...oder immer wieder sonntags.

Langsam öffne ich mein linkes Auge. Dann das andere. Draußen regnet es Bindfäden. Die Bäume sind kahl wie der Kopf meines ehemaligen Chemielehrers. Nur einige zurückgebliebene rostbraune Blätter hüpfen noch verzweifelt an den dünnen Ästen auf und ab. Dann treten auch sie die letzte Reise an. Segeln durch den Regen dem matschigen Boden entgegen. Ein paar graue Krähen zetern vor sich hin. Ich beschließe, das im Moment einzig sinnvolle tun. Ich drehe mich wieder auf die Seite und kullere zurück ins Land der Träume. Genüsslich mummle ich mich in meine gemütliche Biberbettwäsche ein. Bis zum Kopf. Wie eine Mumie sehe ich aus. Nur meine Zehenspitzen luschern noch ein bisschen hervor. Zum Glück sind aber auch sie von dicken, warmen Wollsocken umhüllt. Oh wie schön das Leben doch ist!
Ein ungestümes Klopfen reißt mich urplötzlich aus diesem lauschigen Zustand. Kind, es ist schon nach Mittag, ruft meine Mutter. Du bist immer so puschig. Grummelnd, aber gemächlich beginne ich damit, aus meiner Betthöhle zu kriechen. Mein Bauch gibt eh schon seit einiger Weile ominöse Geräusche von sich. Mal schaun, ob in der Küche noch irgendwelche Leckereien zu finden sind.
Nein, was für eine Wonne! Was sehe ich da? Ein frisch zubereiteter Obstsalat lächelt mich verführerisch an. Und dort erst. Selbstgebackene Kekse. Mit Schokoladenglasur! Was für ein Kulinarischer Hochgenuss! Eine Gaumenfreude sondergleichen. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Mit Salat und Keksen im Gepäck mache ich mich auf ins Wohnzimmer. Kerzen. Musik. Das ist alles, was mir jetzt noch fehlt. Übers ganze Gesicht strahlend wie ein Honigkuchenpferd lasse ich’s mir, eingehüllt in eine Wolldecke, auf dem Sofa gut gehen. Ein Keks hier, eine Traube da. Der Musik lauschend. Ich fühle mich wie Gott in Frackreich. Wie der Mops im Paletot. Ach, wie ist das fein. Die Tatsache, dass ich eigentlich noch jede Menge Aufgaben zu erledigen habe, verbanne ich kurzfristig aus meinem Gedächtnis. Das Bad putzen kann ich auch nachher noch. Und Staubsaugen ist sowieso eine Sache von zehn Minuten. Also ein Klacks. Und locker auf heute Abend verschiebbar.
Nachdem ich alles verputzt habe und satt geschlemmt bin, beschließe ich, noch ein kurzes Nickerchen zu machen. Bevor ich mich dann wirklich an die Hausarbeiten mache. Und eigentlich müsste ich auch noch mal wieder ein bisschen für die bald anstehenden Abschlussprüfungen lernen. Gut, aber zuerst noch ein Abstecher ins Bett. Oh wie gerne ich hier doch Zeit verbringen. Diese Behaglichkeit. Diese Idylle. Ich glaube, ich bin ein
Bettmensch. Nirgendwo ist es schöner. Das Bett – mein Platz an der Sonne. Ich frage mich, warum wir Mensche eigentlich keinen Winterschlaf halten. Ich halte das für eine wunderbare Idee. Sobald es draußen kalt und ungemütlich wird, würden wir uns einfach zurückziehen und bis zum Frühlingsanfang durchschlummern. Wie die Murmeltiere.
Wie spät ist es eigentlich? Nun sollte ich wohl doch langsam anfangen, zu arbeiten. Obwohl ich ja eigentlich keine Lust habe…Ich glaube, ein Tässchen Tee wird mir den Anfang um einiges erleichtern. Also zurück in die Küche. Der alte Kupferkessel brodelt schon auf dem Herd und ich freue mich wie Bolle auf meinen Tee, als wieder einmal meine Mutter in die Gemütlichkeit hineinplatzt. Im Wohnzimmer sieht’s ja aus wie bei Hempels unterm Sofa, sagt sie. Das wird aufgeräumt, aber zackig. Und zwar picobello. Aber ich muss doch noch für Bio lernen, stöhne ich genervt auf. Pustekuchen! Dafür hattest du den ganzen Tag Zeit ist das einzige was ich daraufhin zu hören bekomme. Komm endlich mal in die Puschen! Schmollend begebe ich mich an den Ort der angeblichen Verwüstung und behebe schnell das meiner Meinung nach gar nicht existierende Chaos. Gut. Nun ist alles paletti. Ich gieße mir schließlich Tee auf. Er duftet nach Vanille. Und nach Gemütlichkeit...ach. Herrlich! Und schmecken tut er auch ganz vorzüglich. Meine Laune bessert sich schlagartig. Also. Womit fange ich an? Mit dem Bad? Es heißt ja, man soll die unangenehmen Dinge zuerst erledigen. Damit der Kopf frei wird. Mir ist noch schleierhaft, wie das gemeint ist, aber ich probier’s einfach mal aus. Bewaffnet mit Eimer, Putzlappen und diversen Reinigungsmitteln schlendere ich Richtung Badezimmer. Missmutig beginne ich damit die Duschwanne abzuschrubben. Schon nach wenigen Minuten gebe ich auf. Hunger. Ob wir noch irgendetwas zu schnabulieren haben? Vielleicht kocht Mama mir was schönes, wenn ich sie ganz lieb frage. Einen Versuch wär’s zumindest wert. Aber irgendwie ist sie nicht da. Das ist jetzt blöd. Dann mach ich mir eben selbst ne Stulle. Mit Käse. So. Und nun? Ich kann ja mal mit Bio weitermachen. Geistige Arbeit ist eben doch wohltuender als körperliche.
Ich versteh’s einfach nicht! Wie soll denn das überhaupt funktionieren? Dieser Mendel hatte doch nicht mehr alle Tassen im Schrank! Da hab ich echt keine Lust drauf! Kreuz’ deine blöden Erbsen doch allein, du Hirnkasper! Ich mag eh keine Erbsen. Schokolade. Darauf hätte ich jetzt Lust. Und eigentlich bin auch ziemlich müde. War schon ein anstrengender Tag. Ich glaub ich leg mich in die Federn. Ich bin platt wie ein Pfannkuchen.

1

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare