frl_smilla 05.09.2010, 18:55 Uhr 9 13

Herbst II

Wenn sich das Tageslicht verändert und die Luft den süßen Beigeschmack von Klarheit trägt,

wenn der Sommer sich zum Horizont hinweg gerollt hat, wenn das Wasser keine Schwimmer, sondern Blätter und Blütenleichen trägt, wenn das Jahr über den Gipfel meines Monats gekippt ist, der Regen den Dreck an die Oberfläche und wieder wegspült, dann gehen sie.
Langsam, einer nach dem anderen.

Der erste liegt seit Monaten wieder besoffen vor der Wohnungstür, mittlerweile eingestaubt, zusammengefallen, um Jahre gealtert. Er lallt nicht mehr, er krächzt mit einem schmerzverzerrten Grinsen irgendetwas von "… mich nicht los!" und hebt die Hand, um zum x-ten Mal diese alberne Pistolenbewegung zu machen. Ich beuge mich zu ihm herunter, hebe meine Hand, um ebenfalls diese alberne Pistolenbewegung zu machen und drücke ab.

Der Schuss sitzt. Er klebt in Teilen an der Wand neben dem Schuhregal. Ich schließe die Wohnungstür auf, um abzulegen und Putzkram zu holen.
Der zweite kriecht aus dem Abfluss, als ich im Bad den Eimer holen will und setzt sich auf meine Schultern.
"Hast du etwa geschossen?"
"Ja", antworte ich.
"Und wenn du nicht gleich für den Rest meines Lebens dort verschwindest, wo du gerade zum 4685sten Mal herausgekrochen gekommen bist, dann wird es für dich gleich sehr hässlich werden!"
Er lacht und legt mir von hinten seine feuchtkalten Hände auf die Wangen. "Was sind wir denn so aufgebracht heute?" Seine Zunge in meinem Ohr.
Ich greife hinter mich, packe ihn am Hals und werfe ihn in die Badewanne. Er will mir ins Haar, aber ich halte ihn an der Gurgel, drücke ihm den Brausekopf unter die Nase und drehe das heiße Wasser voll auf. Er schreit kurz jaulend auf während ich zusehe, wie er verbrüht und immer kleiner wird.

Als ich mir später etwas zu essen machen will, sitzen die zwei mit am Tisch. Sie sind fett geworden, aufgedunsen, schmatzen und spucken mir die zerkauten Reste ins Gesicht. "Haut ab!" sage ich und zücke mein größtes Messer. "Haut endlich ab!" Sie schauen einander an und kichern. "Sie will, dass wir gehen! Hihihihihi…. " Als ich wieder eine zerkaute Ladung abbekomme, ramme ich dem einem das Messer in den Oberschenkel und halte es dem anderen an die Kehle. "Hier wohnen noch andere Menschen, also macht euch vom Acker, sonst muss ich nämlich neu streichen, nachdem ich mit euch fertig bin!" Die beiden spucken ihre Kaureste auf den Boden, werfen mir böse Blicke zu und klettern aus dem Küchenfenster.

Der nächste liegt wieder in meinem Bett. Ich lege mich neben ihn und versuche, seine Atemgeräusche und tastenden Krallen zu ignorieren. Er beugt sich über mich und spricht mit dieser unendlich hässlichen Stimme.
"Ich will dich ficken!"
"Raus! Raus aus meinem Bett!"
Er krallt sich in meine Schultern und grinst mich aus nächster Nähe an.
"Erst, wenn ich mit dir fertig bin!" Ich stemme mich mit den Füßen gegen seinen Körper und stoße ihn vom Bett.
"Vergiss es. Ich will, dass du verschwindest. Vorschlag: Ich nächtige außerhalb. Wenn ich wiederkomme, bist du verschwunden!" Er lacht gurgelnd. "Oh Gott, Smilla, du bist echt ein Dummerchen!" Da wird es mir zu bunt. Ich hebe die Hand, mache diese alberne Pistolenbewegung und drücke ab.

Am nächsten Morgen beim Frühstück. Meine Mitbewohner essen gruß- und wortlos. Ich mache mir einen Tee und nuschele etwas von "mal wieder eine Putzfrau bestellen". Das Besteck knallt auf den Teller. "Mensch, Smilla, echt nicht. Wenn du wieder eine Putzfrau brauchst, dann bestell dir doch eine! Deine Scheiß-Geister interessieren hier niemanden!"
Ich telefoniere die Firma vom letzten Jahr an. Ja, als bereits registrierter Kunde würde man bevorzugt behandelt werden. Gerade jetzt im Herbst sei die Nachfrage doch wieder erstaunlich gestiegen. Ob ich denn auch auf die Cleaner-Warteliste wolle. Ich denke an die Bröckchen des Verbrühten im Abfluss und die Kratzspuren auf meinem Hintern. "Ja, gerne!" antworte ich.

Die Putzfrau steht am übernächsten Tag in grün und blau kittelbeschürzt wieder an der Wohnungstür, stellt ihren Überseekoffer mit Reinigungsmitteln ab und stutzt, als sie mir die Hand gibt.
"Aber – hier war ich doch schon mal!" sagt sie.
"Ja, ziemlich genau vor einem Jahr." antworte ich und trete zur Seite, damit sie hereinkommen kann. Aber sie schüttelt den Kopf und winkt ab. "Man kann Räumlichkeiten nicht zweimal säubern, hat Ihnen das denn niemand gesagt? Das bringt nichts. Vielleicht haben sie mit einem Cleaner noch Glück, dass der was richten kann – aber Sie wissen ja: Herbst und Wartezeiten. Ich jedenfalls kann hier nichts mehr tun. Ich verschwende hier nur meine Zeit!" Sie nimmt ihren Koffer und geht die Treppe hinunter.

Ein paar Tage später. Der Cleaner klingelt nicht, er steht einfach vor der Wohnungstür. Ohne Tasche, ohne Gewehr, ohne Koffer. "Cleaner." sagt er nur, nimmt die Sonnenbrille nicht ab und geht ohne ein weiteres Wort an mir vorbei in mein Zimmer.
"Wie viele?" fragt er.
"In der Küche sind ab und zu zwei, die sich nicht satt essen können und in meinem Bett ist auch immer einer, der –"
"Geh!"
"Wie bitte?"
"Geh. Komm in vier bis fünf Stunden wieder. Wohnen noch andere hier?"
"Ja, die sind–"
"Sag ihnen nicht, dass ich da bin!"
Ich packe meine Handtasche und die letzten Lieder, die noch mir gehören, auf den Player und gehe spazieren.

Als ich wiederkomme, ist das Zimmer komplett verstaubt. Der Cleaner steht mitten in meinem Zimmer, starrt auf den Boden und blickt erst auf, als ich mich neben ihn stelle und anspreche.
"Und? Alles weg?"
"Alles weg."
"Und was ist mit dem St–"
Er zückt ein Notizbuch und blättert. "Schulter."
"Wie bitte?"
"Hier steht, du hast noch einen auf der Schulter sitzen, der auch weg soll."
Ich nicke. Er beugt sich vor, nimmt die Sonnenbrille ab und starrt auf meine Schulter. Ich kann seine weißgrauen Pupillen sehen.
"Da ist keiner mehr."
"Was?"
"Da ist keiner mehr. Nichts. Nada. Auch kein Winzling."
Ich sage nichts. Er dreht sich zur Tür und will gehen. "Ach ja, Smilla: Der Staub wird bleiben. Geistermüll hat eine Halbwertszeit von n gegen unendlich. Am besten, du ziehst um."




Am nächsten Morgen beim Frühstück. Meine Mitbewohner beschweren sich über den gestrigen Lärm aus meinem Zimmer während meiner Abwesenheit und den Staub, der sich jetzt in der ganzen Wohnung verteilt. Ich zucke mit den Schultern, als es an der Tür klingelt. "Paketpost für Frau Jaspersen!"
Ich nehme in Empfang und setze mein Autogramm. Ein neuer Akkubohrschrauber war schon lange nötig. Ich stelle das Paket in mein Zimmer und setze mich zurück an den Küchentisch. Meine Mitbewohnerin erzählt, dass sie neulich ein Päckchen bekommen habe, in dem nichts drin gewesen sei.
Ich beuge mich über meinen Toast und sage nichts."Wichtige Links zu diesem Text"
damals
Ghost Memories

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9 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Siehst Du wirklich Gespenster? (höhö)

    15.01.2012, 22:09 von TilmannKleye
    • 0

      Die Antwort hat über 100 Seiten und kostet 7,95 Euro.






      Mensch, Tille, hör' doch ma uff mit deine "ich promote mein Buch"-Kommentare.

      15.01.2012, 22:44 von frl_smilla
    • 0

      Zugegeben, is' teilweise was dran. Und wenn Dein Roman dann irgendwann fertig ist, versteckst Du ihn auf'm Dachboden und Dich im Keller?

      Die andre Seite ist aber, dass ich unter die paar wenigen Texte, die ich lese, immer was schreiben muss. - Sonst wäre es dafür, dass man hier eine Menge schnulli zu lesen bekommt, gleich doppelte Frustration für mich gewesen. Da muss was Läppisches hin, oder wenn mir Text oder Thema zusagten, was Interessiertes. Und das halten andere genauso, egal ob sie einen Schmöker anbieten oder nicht - die meisten hier tragen ihre Kurztexte, ihre Foddos oder ihren extravaganten Musikgeschmack zu Markte. Andere wollen ihr Geschlechtsteil auf Reisen schicken. Wiederum andere suchen Anschluss in einer supi-dupi Internetkuschelwelt.


      16.01.2012, 03:17 von TilmannKleye
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  • 0

    Niemand sagt wirklich "Akkubohrschrauber", oder?

    01.12.2011, 23:35 von KingKonschdi
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    Was zur Hölle..

    26.05.2011, 11:32 von Kokomiko
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    Ich empfehle mal stellvertretend diesen hier, aber für beide Herbst Texte. Han sie schon mal gelesen und für sehr gut befunden. Und wenn ich nmen Text 2x lese, spätestens dann ist es ne Empfehlung wert :)

    02.03.2011, 23:41 von topfbluemchen
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  • 0

    Amüsant und...*Achtung*: geistreich! ;)

    28.10.2010, 09:55 von DarenBRens
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    find ich gut!!
    Und das mit den letzten Liedern ist ja eigentlich klar, ich denke, dass das in etwa mit einer "vom Leben gelernt - Aussage" von mir übereinkommt, wenn ich mich nicht ganz irre?

    05.10.2010, 21:36 von topfbluemchen
    • 0

      @topfbluemchen Hab im Anschluss den 1. Teil gelesen - ich weiß, hätte ich vorher machen sollen - auch sehr gut. Gerade die zwei Artikel im Zusammenspiel :-)

      05.10.2010, 21:40 von topfbluemchen
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  • 0

    Ich packe meine Handtasche und die letzten Lieder, die noch mir gehören, auf den Player und gehe spazieren.

    Was meinstn damit?

    07.09.2010, 05:36 von Heartwriting
    • 0

      @Heartwriting Ey...die Frage ärgert mich.

      Wer das nich versteht is doof.

      24.09.2010, 21:01 von derHerrMitDemPixel
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