Aloisia 04.01.2010, 10:43 Uhr 1 1

Happy New Year

Die S-Bahn, in der ich seit gefühlt 25 Minuten sitze, bewegt sich mit einer tagesaktuellen Spitzengeschwindigkeit von etwa 22 km/h.

Draußen sind -5 Grad, in der Bahn etwa 25 Grad. Die Tussi neben mir - geschätzte 37 Jahre alt - liest eine Fernsehzeitung und markiert mit einem Kuli die Filme, die sie in den kommenden Tagen für sehenswert hält. Armes Deutschland. Nachdem sie auch das Bratäpfelchen-Rezept am Ende der Zeitung aufgesogen hat, holt sie ihr Handy raus und tippt mit Hilfe fiepender Tastentöne eine SMS - wahrscheinlich teilt sie Hasi zuhause mit, dass sie immer noch in der Bahn sitzt.

Die beiden Mädels gegenüber sprechen offensichtlich über ihre Halb-, Stief- oder Ganz-Geschwister. "Die ham mich jetzt 2 Wochen nich gesehn; die kleben mir die ganze Zeit am Arsch. Wennich ne Tür nur halb zumach, stehn sie sofort da mit großen Augen und "Was maaaachst du daaa?"". "Eeeecht? Naja, is doch ganz süß. Boah ey, wenn ich von zuhause zum Bahnhof lauf, dann binnich ja echt wach - aber im warmen Bus schlafich wieder ein. Ich brauch ja auch über 2 Stunden für den Weg, insgesamt... Abends verlass ich um halb sechs das Büro und bin um acht zuhause." Informationen, die die Welt braucht.

Der Typ rechts von mir, auf der anderen Seite des Gangs, hält krampfhaft das Taschenbuch fest, in das er mit seinen Glubschaugen blickt. Zwischendurch leckt er sich über die trockenen Lippen in seinem pickeligen Gesicht. Ich würde 50€ darauf verwetten, dass er Science Fiction oder n billigen Erotikroman liest.

Ihm gegenüber sitzt ein ältliches Ehepaar, das sich an seine Koffer klammert, als wäre die Bahn voll mit Schwerverbrechern, die nur auf die geeignete Sekunde warten würden, um zuzuschlagen und die beiden ihres Reisegepäcks zu berauben. Inhalt voraussichtlich unter anderem mehrere Packungen Seniorenwindeln. Nichtsdestotrotz bin ich mir sicher, dass der Grossteil meiner Mitfahrer neidisch auf die beiden ist, denn im Gegensatz zu den meisten hier scheinen sie definitiv nicht ins Büro zu fahren, sondern unterwegs zum Flughafen zu sein. Ich tippe auf Fuerteventura. Soll gegen Rheuma helfen.

Zum Flughafen geht es offensichtlich auch für das Pärchen, das an der Tür steht. Wahrscheinlich sehen sie sich in 3 Wochen wieder – der Abschied wirkt allerdings eher so, als ginge es um Jahre. Wenn die beiden so weitermachen, haben sie sich aufgesaugt, bis sie aussteigen müssen. Nichts gegen verliebte Paare, aber so ein öffentliches Rumgemaule am frühen Morgen ist ernsthaft eine klare Sache für Fremdscham.

Als die Bahn mit mindestens 15 Minuten Verspätung ihren Zielort erreicht, können die meisten gar nicht schnell genug zur Tür gelangen. Kann ich verstehen. Der erste Bürotag nach dem Urlaub ist unschlagbar geil.

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Kommentare

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      @[Benutzer gelöscht] hihi. soll er auch sein. ohne eine oberflächliche und/oder arrogante betrachtungsweise wäre der text doch inhaltlich völlig anders geworden. und die (vor)urteile sind hier ebenfalls (völlig beabsichtigt genutzte) stilmittel. keine sorge - ich gehe mehr unter die oberfläche, wenn ich menschen kennenlernen will :)

      05.02.2010, 14:25 von Aloisia

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