Hangover oder die schlimmste aller Welten
Willkommen in der Seifenblase.
An Tagen wie diesen würde ich mir am liebsten den Kühlschrank über den gebrandmarkten Schädel stülpen, die Fenster mit lichtundurchlässigem Papier verkleben und der bösen Welt samt all den hässlichen Organismen und Substanzen, die sie im Sekundentakt hervorbringt, für immer abschwören.
Gerade hat es mich noch traurig gestimmt, den Club zu verlassen; der Augenblick, in dem man die nach Schweiß und Ekstase riechende Stickigkeit des Kellerraums gegen die kühle Luft des anbrechenden Morgens eintauscht, ist stets ein einsamer, und zertanzt und vom Restalkohol gebeutelt wie ich in solchen Momenten bin, erscheint mir alles oft ungeheuer groß und wichtig und ich produziere unweigerlich nur noch theatralische Gedanken.
Ich habe soeben die Welt verlassen, in der es keine Montage gibt und dafür Sex, Bier und Musik. Man bewegt sich darin langsamer, schwebend, die Luft steht und zittert und klirrt, wie in einer riesengroßen Seifenblase, abgeschirmt von der ewigen Abgeschirmtheit, die glänzende Oberfläche stolz nach außen gestülpt, innen warm und weich eingebettet in Traum und Rausch. Das fühlt sich lustig an und richtig. Ich habe dem Barkeeper zugelächelt, auf der Toilette innige fünfminütige Bekannschaften mit blonden Mädchen geschlossen und mir Zigaretten von mehr oder weniger gutaussehenden Fremden geschnorrt. Alle bleiben sie zurück in der Seifenblase, und würden wir uns im unerbärmlichen Licht einer nachmittäglichen Sonne wiederbegegnen, würden wir uns entweder überhaupt nicht erkennen oder betreten zu Boden blickend weiterlaufen.
Die Seifenblase sieht zwar nett aus, aber schmecken würde sie gräulich und bitter, sie spuckt arme, verlorene Kreaturen wie uns wie giftige Galle auf die Straße und lässt sie dort liegen, jedes Blickes unwürdig. Den Rest behält sie.
Der Moment, in dem sich alles dreht, dann, wenn die Nacht am schönsten und am tiefsten ist, kurz bevor die Zeit kippt und sie sich vor dem nächsten Tag verneigt und man nur noch Sterne und Musik sieht. Lichter. Boden. Wände. All das. Bleibt drin.
Wie jung wir doch sind. Und wie planlos. Und überhaupt. Es ist schon wieder so spät geworden, oder so früh. Ich fühle mich wie der Protagonist eines bedeutenden Romans - eines Großstadtromans natürlich - der kurz vor der endlich alles erhellenden Erkenntnis steht.
Dabei bin ich mitsamt meinen wenig glorreichen Taten beileibe nicht der Nabel der Welt und im Großen und Ganzen eher klein und unvollständig. Eine lächerliche Figur. Es gibt diesen Roman nicht einmal und wenn, dann wäre ich ein Antiheld, einer, der betrunken ausschweifende pseudophilosophische Reden schwingt, deren Inhalt er am nächsten Tag peinlich berührt wieder verwirft - dabei einen Kopf schüttelnd, der sich anfühlt, als würde darin eine Kreissäge rotieren.
Was kann ich dafür? Das Angebot ist jedes Mal so verlockend, dass der bloße Gedanke an Widerstand zwecklos scheint. Schon beim Verlassen der eigenen Haustür schüttelt dir die Euphorie überschwänglich die Hand und verspricht, dich sicher und wohlbehalten auf dem Weg zur Ekstase zu begleiten. Dankend abzulehnen wäre taktlos. Also wieder alles von vorne, Rocko Schamonis magische Zeitbremse ziehen und weitertanzen.
Irgendwann macht man sich benommen auf den Weg nach Hause, erkennt erstaunt oder gleichgültig dass dunkel schon fast hell ist, erlaubt sich eine letzte Zigarette, die schon nicht mehr schmeckt und lässt sich von Müdigkeit und kaltem Rauch zudecken.
Nach ein paar Stunden komatösen Schlafens werde ich zuverlässig vom hauseigenen und wenig einfühlsamen Kater geweckt. Ich möchte kotzen, heulen und schreien. Ich glaube, sogar Denken tut weh, oder wenigstens die Dummheit meiner Gedanken. Ich schäme mich, und selbst wenn ich nicht weiß, für was eigentlich, weiß ich jedenfalls, dass es etwas gibt, für das ich mich schämen könnte. Dabei ist der Tag danach noch nicht einmal der schlimmste. Da ist man noch eingepackt in eine Wattewelt, eine Art Vakuum oder Zwischenstufe, die Last der zurückliegenden Nacht wie einen großen, schweren Rucksack auf den Schultern, man sieht noch nicht klar.
An Tagen wie diesen also kann ich nur hoffen, dass es regnet, weil mir das das Gefühl gibt, ohnehin nichts zu verpassen, in Rückenlage vor mich hin dösen, weil mir so am wenigsten schlecht wird, und erneut im Geiste vermerken, dass ich Schnaps, Kellerrauchluft und zu viele Menschen auf einmal nicht vertrage, wenigstens als Randnotiz.





Kommentare
ganz toll geschrieben!
10.01.2011, 20:14 von marie.herzDer Text gefällt mir, auch wenn mein Leben anders aussieht als das Beschriebene.
02.11.2010, 12:50 von Cyro
26.10.2010, 23:30 von UnrestingToller Inhalt, toll verpackt.
Gefällt mir sehr gut! :-)
Gefällt mir sehr gut.
26.10.2010, 20:02 von Sebastian2704Habe den Text von Anfang bis Ende mit großem Interesse gelesen, wahrscheinlich auch weil ich mich selbst stark darin wiederfinde.
Sehr schön. Prost!
26.10.2010, 15:54 von DeanLebimskibis auf das kotzen, heulen und schreien nachvollziehbar
01.08.2010, 15:09 von gregor_kwie wahr.. - du sprichst mir aus der seele.
26.07.2010, 21:24 von MONKVICKYBesonders den letzten Absatz kann ich sehr gut nachempfinden. Geht mir auch oft so.
24.07.2010, 17:59 von LinaOrangina