Hamburger Rosinen-Wohnungsmarkt
Ein Erfahrungsbericht.
Es war nie leicht in Hamburg eine schöne Wohnung in einem schönen Viertel zu finden. Jetzt ist es fast unmöglich.
Zumindest wenn man nicht zu den Rosinen zählt, die Hamburger Vermieter sich rauspicken. Darf ich vorstellen,
die Rosinen:
Wir sind ein verheiratetes Paar und verfügen über einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Unser monatliches Nettoeinkommen liegt bei 3000 Euro. Positive Schufa-Auskünfte liegen vor. Wir haben keine Haustiere und hassen laute Musik. Ach was, Musik im Allgemeinen. Selbst wenn wir Musik mögen würden, hätten wir keine Zeit diese zu hören und eventuell andere Mieter zu belästigen. Denn wir sind fast nie Zuhause. Da wir die meiste Zeit unseres Lebens bei der Arbeit verbringen, haben wir auch keine Freunde, die zu Besuch kommen. Wir sind freundlich, sympathisch, hilfsbereit, solvent und ruhig. Ein Kinderwunsch besteht nicht.
Aber wie wir alle wissen, wo Licht ist , ist auch Schatten. Darf ich vorstellen,
die Antirosinen:
Wir sind Studenten/Arbeitslose/ Freiberufler. Leider haben wir ein paar Schulden und unsere Schufa-Auskünfte sind nicht einwandfrei. Ein regelmäßiges Einkommen über 1000 Euro netto haben wir nicht. Wir haben Haustiere und/ oder Kinder. Gerne laden wir ab und zu unsere Freunde zu uns ein. Wir sind nichtdeutscher Herkunft (möp--alles aus)
Jetzt werden einige (neoliberale Yuppies) einwenden: Tja so ist da halt: Der Markt reguliert alles und es gibt immer Gruppen die schlechter abschneiden als andere.Schön und gut. Ich finde es trotzdem ungerecht und auch ihr solltet es ungerecht finden. Es sei denn, ihr steht dazu, dass ihr neoliberale Yuppies seid.
Zusätzlich gibt es noch ein Problem das die Situation verschärft:
Rosinen und Antirosinen wollen die gleichen Wohnungen und zwar:
2-3 Zimmer Altbau Wohnung in Eimsbüttel oder Hoheluft mit Holzdielen und Balkon. Gerne mit Wohnküche und Vollbad. Ruhige aber zentrale Lage. Bis ca. 700 Euro warm.
Was nun in Hamburg stattfindet ist ein Prozess der räumlichen Verdrängung von bestimmten Bevölkerungsgruppen, genauer gesagt eine Verdrängung der Antirosinen. Ein Vermieter sagte zu mir „Auch Ausländer haben ein Recht zu wohnen“.Danke lieber Mann, Recht zu wohnen.Nur halt nicht in Eimsbüttel oder Hoheluft. Nee, nee nach Hamm oder Wilhelmsburg sollen die Verlierer des Wohnungsmarktes ziehen, bzw. verbannt werden.
Gelockt werden Hamburgs Ausländer, Studenten und Arbeitslose durch geringe Mieten und wenig Anforderungen durch die Vermieter. Da besteht die Bewerbungsmappe für Wohnungen nicht aus drei Gehaltsbescheinigungen, Schufa-Auskünften, Bürgschaften, Personalausweiskopien und sonstigen Empfehlungen, oft reicht ein persönliches Gespräch und der Eindruck, dass es sich bei den potentiellen Mietern nicht um einen zerstörerischen, lauten Haufen handelt.
In Eimsbüttel dagegen bauen sich die solventen Arbeitstiere mit Hilfe der Selektion durch Vermieter und Vermietgesellschaften ihre eigene kleine Welt auf. Wer stört fliegt raus oder wird gar nicht erst reingelassen.
Bei Wohnungsbesichtigungen wird schnell schon durch Äußerlichkeiten klar,
wer eine Chance auf eine Zusage und den Einstieg in diese Welt hat.
Eine Anzughose sieht in den Augen des Vermieters halt vertrauenswürdiger aus als eine aus Cord. Die Gewinner sind nicht nur äußerlich gut vorbereitet.
Adrett, lächelnd und mit den nötigen Papieren in der Hand warten sie auf das Erscheinen der Menschen mit Entscheidungsgewalt. Sobald dann der Vermieter auftaucht, wird das volle Programm abgezogen. Da wird herumschwänzelt, geflirtet, interessiert gefragt und mit Geld herumgewedelt.
Wer dieses Spiel nicht beherrscht, kann eigentlich schon vor Betreten der Türschwelle mit der S-Bahn zurück nach Harburg fahren.
Neben der Tatsache, dass diese alles andere als faire Regulierung des Marktes mich selbst betrifft, ist es vor allem ein Gefühl von Wehmut, das mich befällt. Immer mehr vormals interessante, eigenständige und gemischte Viertel wie die Schanze werden zum Szene-viertel erklärt, inklusive Mieterhöhung und steigender Selektion. Hier haben nun die Rosinen zunehmend die Möglichkeit überteuerte Heißgetränke zu konsumieren und ihre Designer Sonnenbrillen auszuführen.





Kommentare
Die "Antirosinen" nennt man auf Denglisch "lemons".
06.12.2007, 14:42 von Romeo_Flausch79Mitschuld daran trägt die deutsche Enteignungspraxis, mit der Politiker Wahlgeschenke verteilt haben-
Wer eine Wohnung vermietet, liefert sich seinem Mieter beinahe völlig aus. Keinen Bock Miete zu zahlen? Einfach aus fadenscheinigen Gründen mal die Miete kürzen oder 2 Monate und zwei Wochen lang nur die Nebenkosten überweisen. Das Spiel kann man gerne wiederholen.
Bei einer 700€ Wohnung sitzt der Vermieter ruckzuck auf einer halben Jahresmiete, also 4000 Euro. Dann zeigt sich der deutsche "Rechtsstaat" von seiner schönsten Seite. Bis der Parasit zwangsgeräumt wurde (muß natürlich der Vermieter zahlen), vergehen noch einmal ein paar Monate (es muß ja erst ein Gutachten, ein gegengutachten und was weiß ich was betsellt werden, um festzustellen, ob die Mietminderung um 100% berechtigt war) und dann ist manchmal alles abgeschraubt worden, was nicht niet- und nagelfest ist. Wenn der Mieter eine Katze hat, dann darf die Wohnung auch nicht geräumt werden, es sei denn, der Vermieter bezahlt für das Vieh auch noch zwei Wochen Tierpension. Die Wohnung darf meist neurenoviert werden (darf auch der Vermieter zahlen). Natürlich steht es dem Vermieter frei, seine Ansprüche erneut vor Gericht zu tragen und von einem - über Nacht natürlich völlig verarmten Mieter, dessen Auto seinem Bruder gehört und dessen Stereoanlage und PC nur geliehen war - die Schulden einzuklagen.
Da kommen schnell 10.000 - 15.000 Euro zusammen. Das Spiel macht ein Vermieter nur einmal mit. Danach wird gnadenlos aussortiert. Und ohne Rechtsschutzversicherung, die einen vor der Willkür der Justiz schützt, wagt man es erst gar nicht.
@Romeo_Flausch79 Ja natürlich könnte ich auch einen Artikel darüber schreiben, dass ein Vermieter eine Wohnung nicht räumen durfte, weil der Mieter eine Katze hat oder das er Geldverluste macht, weil er einem "Mietnormaden" zum Opfer gefallen ist. Aber diese Themen übernehmen ja schon RTL und Sat 1.
03.02.2008, 00:13 von dieprofiKommt bestimmt vor und tut mir leid. Ich mach allerdings die Erfahrung, dass zumindest in Hamburg (in bestimmten Vierteln) soetwas fast ausgeschlossen ist, da Vermietern nach einer Vorauswahl durch Aüsserlichkeiten bei der engeren Auswahl mindestens folgende Papiere vorliegen:
-Personalausweiskopie
-Bescheinigung der Mietgesellschaft über bisheriges Zahlungsverhalten
-Schufaauskünfte
-Einkommensnachweise
Kopie des Arbeitsvertrages
Diese Selektion find ich wirklich problematisch.Vorallem da dies ein grossteil Menschen sind, die ein Viertel erst lebendig machen.
@[Benutzer gelöscht] neenee, das mit dem Lack und den Autoreifen waren Antirosinen aus Veddel oder Harburg.
29.11.2007, 21:42 von BeistelltischUnd die Schanze IST schon ein Rosinenviertel - mit Mietpreisen die sogar Eppendorf schlagen. Vom Karo leider ganz zu schweigen. Aber ist in Berlin oder Dresden ähnlich. Und ich Chemnitz verschenken sie buchstäblich die Wohnungen inkl. Galerieräume. Nur keiner will sie haben und jetzt bauen sie ein Altersheim..pardon..Seniorenresidenz..
@Beistelltisch gut informiert-gut komentiert
29.11.2007, 21:59 von dieprofivielen Dank, der Herr.
@[Benutzer gelöscht] hallo.ich gehe davon aus, dass die potentielle wohnung mit 2 Personen bezogen wird, und jede davon unter 1000 euro einkommen hat, wie es eben bei studenten/arbeitslosen und freiberuflern (teilweise) der fall ist. Eine wohnung für 700 euro kann man sich dann durchaus leisten. Aber es geht nicht ums leisten können oder wollen, sondern um Prozesse der räumlichen segregation, die durch diskriminierende selektion enstehen, deren grundlage in der tatsache liegt, dass es einen Mangel an wohnraum bzw zuviele bewerber gibt und so die vermieter immer höhere mieten/provisionen/belege fordern können.
28.11.2007, 12:50 von dieprofiIch freu mich für jede Stadt, in der diese Prozesse noch nicht oder nicht so stark wirken.
Aaaaaah. Eine Leidensgenossin.
27.11.2007, 20:45 von .berlin.infiziert.Schöner Artikel. Ich bin auch eine Anti-Rosine und auch ich werde wohl auf die Veddel ziehen - aber die wird ja sowieso die neue Schanze... ;)
@.berlin.infiziert. ja genau...in 100 Jahren vielleicht(-;
27.11.2007, 20:55 von dieprofidauert schon noch ne weile...haben auch mit dem gedanken gespielt..dann war ich da und dachte:NEE!!
wohn in eimsbüttel nähe schanze, nur die wohnung geht nicht klar.aber ich habe beschlossen auszuharren und zu kämpfen.die gegend ist einfach zu schön. das ist und bleibt hamburg für mich. kann nicht anders, auch wenn ich auch ne antirosine bin...
Viel Erfolg!!!
Hab nur den Titel gesehen and I knew it must be you ;-) Anti-Rosinen :-) HERRLICH!
27.11.2007, 19:27 von lahualinaMeine Gute, ich war gespannt, was du heute produziert hast... und ich muss sagen, der Artikel geht durch... ;)
27.11.2007, 19:24 von denNAMEdas ist ja kein hamburger phänomen. in berlin, in mitte und im prenzlauer berg passiert genau das gleiche.
27.11.2007, 19:19 von nutellaund wenn die rosinen dann einziehen wird es eigentlich nur bizarr:
die ziehen da hin, weil die viertel "in" sind, da sind viele cafes, kleine läden, künstler etc. alles, was eigentlich nur bei geringen mieten und viel freiheiten existieren kann.
die rosinen haben aber andere erwartungen: jetzt zahlen sie schon so viel miete, dann wollen sie bitte auch ihre ruhe. also gegen straßencafes haben sie ja nichts, sie sitzen ja gerne drin, aber doch bitte nicht unter ihrem schlafzimmer, schliesslich müssen sie ja arbeiten. und die kleinen kinder der ursprünglicheren nachbarn machen ja so viel lärm... der musiker nebenan ist ja auch unerträglich...
und was passiert? die kreativen, freiheitsliebenden ziehen weg, wenn die mieten sie nicht schon vorher vertrieben haben. und die rosinen? wundern sich dass das viertel nicht mehr so "in" ist und nur noch touristen kommen...