Guten Morgen Brandenburg
Mein Blick sucht die Uhr zwischen zwei winterfest gemachten Palmen. Die Ziffernblätter zeigen auf kurz nach halb eins.
Der Kleidersack über meiner rechten Schulter ist schwer und scheuert gegen die Kniekehlen. Ich verlasse das Golfhotel durch den Lieferanteneingang. Es rieseln feine Eiskörnchen vom mattschwarzen Nachthimmel. Die Anlieferrampe aus der Ebene minus-1 in Richtung Parkplatz verlassend streift mich von rechts ein starker Scheinwerfer des Springbrunnens vor dem Haupt-Entrée des Hotels. Irgendjemand raucht in der Nähe. Ich bin geblendet und ein großer roter Fleck tänzelt zwischen meinem Sehnerv und der nasskalten Dezembernacht hin und her.
Ein unsicherer Tritt auf dem vereisten Rost der Boden-Ablaufrinne bringt mich beinahe zu Fall. Jemand lacht kurz auf. Ich drehe mich weitergehend um und sehe wie ein älteres Paar von der Terrasse im Obergeschoß gerade in den Bankett-Saal zurückkehrt. Ein glimmender Zigarettenstummel fällt herunter in die Anlieferzone.
Die Zentralverriegelung funktioniert nicht. Es gibt nur eine Ursache. Ich muss das Licht angelassen haben. Nachdem ich die Tür geöffnet und versucht habe den Wagen zu starten zünde auch ich mir erstmal eine an. Die erste des Tages ... nein, die erste seit ca. 26 Stunden. Es ist ja bereits der Elfte.
Die Frontscheibe ist von Graupel bedeckt und das gelbe Licht der Parkplatzlaternen schimmert fahl hindurch. Ich zücke das Handy und wähle die Rezeptionsnummer.
„Ja! Hoffmann nochmal. Wir hatten eben schon mal das Vergnü... die Streichhölzer, ja. Danke nochmal. Hören Sie, glauben Sie jemand Ihrer Mitarbeiter hätte Zeit mit seinem PKW meinen zu überbrücken? Die Batterie ist leer.“
Offensichtlich ist niemand mehr im Hause außer der Servicekräfte. Diese könnte Sie nicht stören und sie kann nicht vom Platz. Es täte ihr sehr leid. Ich solle doch den ADAC anrufen.
Um 01:40 lehne ich mich gegen die Fahrertür meines Honda Civics und rauche die fünfte Zigarette des Tages. Das Paar vom Balkon verläßt das Hotel und steigt auf dem VIP-Parkplatz in eine silberne S-Klasse. Er ist etwas untersetzt aber groß. Graues volles Haar. Ende 50. Sie Ende 40. Blond gesträhnte Hochsteckfrisur. Auf 30 gepimpt. Offensichtlich in der Young-Miss-Abteilung shoppen gewesen. Haben Startschwierigkeiten. Sie steigt aus und lacht übertrieben. Muss sich an einer Laterne abstützen, da sie zu taumeln beginnt. Der Wagen springt an und macht einen kräftigen Satz in die Ziergewächsanlage.
„Du bist so ein Idiot,“ brüllt sie schallend lachend in die Nacht hinein.
Er scheint etwas Barsches zu erwidern, denn sie schweigt erstaunt.
Der Van des ADAC-Partnerunternehmens hält zwischen ihnen und mir.
„Guten Morgen!“
„Das müssen Sie mir erst einmal beweisen,“ erwidert der KFZ-Mechaniker.
Die Heizung zieht endlich durch. Um 20 nach zwei werden meine Füße wieder warm. Es ist glatt und ich fahre mit knapp 60 km/h die Allee hinunter in Richtung Rathenow. Vier Eulen, drei Rehe und ein Fuchs. Radio1 ist gestört. Nur Rauschen. Bleibt nur Deutschland Radio Kultur. Sie spielen „Alien Borg“ oder so. 35 minütiges Synthesizer-Stück aus der Hippie-Gründerzeitbewegung. Ein Auto am Waldrand. Überschlagen. Glasscherben wie gesprungenes Eis auf der Fahrbahn. Ich bremse. Viel zu stark und schlingere ebenfalls ins Gras am rechten Fahrbahnrand. Ein Plastikpfosten bringt meinen Wagen zum Stehen.
Stille. Die Lüftung surrt noch leise und elektronisches Grillengezirpe klingt verhallend aus der linken Box.
Ich habe den Unfallwagen erreicht. Meine Warnblinkanlage erhellt die ganze Nacht. Der Eisregen hat zugenommen und die Kristalle reflektieren das pulsierende orange Licht. Die Fahrertüre ist geöffnet. Die Beifahrertüre fehlt. Niemand da.
Hinter mir bewegt sich etwas im Unterholz. Ich drehe mich entsetzt um. Es ist der ältere Herr vom Golfhotel. In diesem Moment erkenne ich auch die S-Klasse.
„Entschuldigen Sie ... ich ... ich muss meinen Schlüssel ... verloren haben. Meine Frau ... sonst fährt Sie eigentlich ... wir haben uns gestritten ... und sie kann so trotzig sein ... vielleicht können Sie mal mit ihr reden ... Sie hat auch die Telefonnummer meines Kindes ... glauben Sie ... ?“
Mein Blick schweift durchs Unterholz. Es ist nur schwer zu erkennen. Mit jedem Impuls meines Warnblicklichtes wird es deutlicher. Ein Körper. Er hängt leblos in einem Baum.





Kommentare
uff....Schockerlebnis einer Art, die man echt nicht braucht... Ich hoffe es geht dir gut?
14.12.2008, 15:30 von Lene077oh mann... ich hoffe, das ist dir nicht wirklich passiert? *schluck*
12.12.2008, 13:05 von cats82hart.
11.12.2008, 18:11 von nutella