Guten Flutsch ...
Feiertagsrückblick 2011 von Weihnachten bis einen Tag vor Ultimo
Morgen sollte es wieder soweit sein und ab 00:01 würden die Ärgernisse und Probleme des vergangenen Jahres vergessen oder versoffen sein. Bei manchen wohl auch schon vorher, wenn man nüchtern die Anstoßzeiten der Neujahrspartys betrachtete, die einem angeboten wurden. Wie viele Leute war ich da doch ziemlich zwiegespalten; eine Privatparty im Chefhain oder doch wieder Straßenkampf im Wedding mit den Nachbarn, einer Teenimigrantengang wie jedes Jahr. Vielleicht auch was Romantisches mit Patricia auf einem Dach in Kreuzberg mit fantastischem Blick auf das Geschehen auf der Oberbaumbrücke. Die Qual der Wahl.
Mein Post-Christmas-Blues hielt sich in Grenzen, obwohl ich mir das volle Programm gegeben hatte und mich wenigstens einmal positiv einbringen wollte, bei der großen Familienzusammenkunft an Heiligabend. Familienbesinnlichkeit kann auch schnell in blanken Hass umschlagen, wenn man bei Oma mit der ganzen Familie eingeladen ist und zur Abwechslung den Alten ihren Schnaps wegsäuft und nicht wie sonst, die zwei Pflichtanwesenheitsstunden dauerrauchend auf dem Balkon verbringt, bis man endlich abhauen kann und mit seinen Leuten ballern wird. Es stand aber noch nicht fest, in welches Etablissement wir einkehren wollten, sodass ich noch länger im Schoß der Familie verweilte, was nicht auf viele Fans stieß.
Leben heißt ja, dass man aus Erfahrung lernt und so konnten wir um Mitte und Prenzlauer Berg getrost einen Bogen machen, denn da gibt es zwar zur Weihnachtszeit viele Parkplätze, aber sonst nur geschlossene Läden und Galerien. Prenzlauer Berg zählt ebenfalls nicht mehr zu Berlin, den hat man kampflos abgegeben, denn die deutliche Bevölkerungsmehrheit besteht mittlerweile aus Pärchen, er Mitte 50, sie Anfang 40, die gerade mit technischer Hilfe ihr erstes Kind bekommen haben, das sie stolz in 1000-Euro-Kinderwägen den konformen Nachbarn präsentieren. Seine anderthalb Stunden Vaterfreizeit pro Woche verbringt er, Yoga-Lehrer, in seiner geliebten SC-Freiburg-Fankneipe (rauchfrei, Bio-Bier), die widerum uns heute abend bewirten durfte.
Gegen Zugezogene zu sein, ist aber auch schon wieder Mainstream, denn selbst die beschweren sich schon über die ganzen Spießer, die die einstige Bohème mit ihrer Parallelgesellschaft unterwandert. Aber mit Parallelgesellschaften hatte Berlin noch nie ein Problem, also auch nicht mit Schwabylon. Wobei eine neue Statistik besagt, dass die meisten Zugezogenen mittlerweile aus dem Osten des Westens (=NRW) kommen. Deswegen war der Gästeblock von Leverkusen Ende November wohl so voll wie seit Jahren nicht mehr.
Obwohl schwer angeschlagen und gar nicht in Form, lauerte dann auch schon der erste Weihnachtsfeiertag auf mich, an dem die Auswärtsverwandtschaft beglückt werden musste. Profis - wie ich - ziehen das trotzdem nach dem ersten Konterschnaps gekonnt durch. Nach tranigen sechs Stunden in Buch, in denen die Familie dafür sorgte, dass der Pegel aus Schlafdefizit und Alkohol und Smalltalkmarathon oben blieb, verabschiedete ich mich zügig, was sich kurzzeitig als Fehler entpuppte. Um dem Familienoverkill zu entgehen, schwingen sich viele angesoffene, übermüdete Männer meist am ersten Weihnachtsfeiertag abends in die Bahn und hoffen auf ein bisschen Ärger, damit man die Wut über das zuvor Erlebte besser verarbeiten kann. So war einiges an Konfliktpotential unterwegs und ich durfte mich hinterfragen, ob das mit dem Spontanbesuch im Süden der Stadt so eine durchdachte Idee war, wenn man abgeschottet, durch Dauer-SMS-Schreiben und Musik aus Kopfhörern, von bösen Blicken und 1000-Yard-Starren die Stationen runterbetet, bis man umsteigen muss.
Der zweite Weihnachtsfeiertag sollte mir gehören und ich entschied mich für Schlaf, ließ aber zur Untermalung meiner alkoholgeschwängerten Fantasien die Glotze laufen, denn es wurde auf drei verschiedenen Regionalsendern innerhalb von fünf Stunden "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" gezeigt. Eigentlich eine Herausforderung für erprobte Weihnachtsjunkies, doch blieb ich im Bett und die Fernbedienung außer Reichweite.
Alleine gab ich mir den ersten Jahresrückblick, bevor ich das epische "Australia" schaute und die letzten Dominosteine, selbstgebackene Plätzchen und Pfefferkuchen vom bunten Teller klaubte. Mit vollem Bauch und leerem Kopf ließ ich, mäßig schockiert, die nicht endenden Hiobsbotschaften von 2011 revuepassieren: Atom-Gau in Japan, Frauen-WM zu Gast bei Freunden, Osamas Tod, Aufstände im Maghrebraum, Gaddafis Tod, Nord-Koreas Vorzeigeschlechtmensch ist ebenso gestorben, wie Heesters und der Otto-Katalog, EHEC, Oslo, Eurokrise usw. usf.
Nun war die ganze Weihnachtsfröhlichkeit futsch und vom 27. bis 30. mussten viele wieder Arbeiten, während die Jugend Ostberlins wenigstens für ein paar Nächte die Szenebezirke zurück eroberte, sodass auf der Warschauer einiges an Stresserpotential unterwegs war, dazwischen tummelte ich mich jeden Abend, mit Filmen oder Gesellschaftsspielen bewaffnet und auf dem Weg zu befreundeten Pärchen. Nebenbei liefen die Vorbereitungen für Silvester auf Hochtouren, was man auch daran ausmachen konnte, dass Ostberlin seit drei Tagen wie Damaskus klang. Das rief dann auch dieses Jahr gleich verschärft die Bullen und die Feuerwehr auf den Plan, die die Propagandamaschinerie der lokalen Medien benutzten und besonders eindringlich vor Polenböllern und deren Gefahren warnten, natürlich untermalt mit irgendwelchen Statistiken. Nur gut, dass man mittlerweile in Polen das ganze Jahr über Böller kaufen kann, was erfahrene Köpfe nur müde lächeln ließ, ob der angedrohten verschärften Kontrollen.
Der große Spieler und Muttinizer von jappy.de hatte mich die letzten zwei Nächte in Folge vertröstet, doch gestern fuhren wir endlich in der Nacht zum 30. ins gelobte Nachbarland, um unser Arsenal zu vervollständigen. Bevor ich mich zu viert in Zimmermanns Lupo quetschen konnte, musste ich mit der U-Bahn noch nach Hellersdorf, weil wir schnell noch auf ein Bier bei der Geburtstagsfeier eines Kumpels vorbei wollten. Schon auf dem Bahnsteig begegnete ich menschgewordenem "Mitten im Leben"-Ausschuss, die trotz hohem Hartz- und Inzuchtfaktor mit Schwabenphone bewaffnet waren, aus denen ziemlich mieser Rummeltechno blechern tönte. Aber mir war das egal, die Aussicht auf 2012, das sehr gute Wetter und weitere Faktoren stimmten mich recht gutgelaunt. In der U-Bahn und an den nächsten Stationen stromerte noch einiges an Hellersdorfvolk durch mein Blickfeld und ich begann mich zunehmend heimischer zu fühlen, als vor ein paar Stunden auf dem Weg durch Mitte und Friedrichshain. Am U-Bahnhof Hellersdorf angekommen, musste ich kurz überlegen, zu welcher Platte ich musste.
Auf dem Geburtstag war Pärchenalarm angesagt und so beherrschten Themen wie Kinder, Weihnachtsgeld und -geschenke, Vorsätze fürs neue Jahr die Gesprächskultur. Während Zimmermann den Fehler beging und allen erzählte, dass er gleich nach Polen fahren würde, gönnte ich mir ein, zwei Havanna-Cola, um Uwe später im Auto auszulachen, dass er sich mal wieder ausnutzen lassen hat. Die klassische Situation: im falschen Moment Gutmensch sein. Als wir Werneuchen passiert hatten, lief im Radio die millionste Ansage bezüglich Polenböller und verboten, worauf ich bemerkte, dass ich mich jetzt wie ein richtiger Gangster fühlen würde, nur leider entsprach unser Gefährt nicht diesen Ansprüchen. Auf der Todesstrecke Nummer Eins in Deutschland (B158; jeder dritte Baum ein Kreuz) cruisten wir auf Autopilot, langsamer werdend, wenn einer von 23 Blitzern auf der Strecke auftauchte, und lauschten Zimmermanns Schwadronieren über die Ungerechtigkeit der Welt, was hauptsächlich Schmähgesänge auf Weiber, Glücksspiel und die da oben an der Macht beinhaltete.
Ab Bad Freienwalde wurde das Gangstergefühl stärker und wir mussten nach Bullenautos und möglichen Zivilbullen Ausschau halten. Ich fragte mich warum, denn Zimmermann hatte vorher mit Insiderwissen geglänzt; dass die Wache für Bad Freienwalde und Umgebung nur noch ein Polizeiauto hätte und genau das hatten wir beim Vorbeifahren vor der Wache stehend erblickt. Kurz vor der Grenze konnte nur noch der Zoll gefährlich werden, doch auch die hatten besseres vor, als nachts um halb eins bei strömenden Regen gefährliche Böllerschmuggler zu jagen.
Wir sollten nicht alleine an dem Polenmarkt sein, denn es mutierte in den nächsten Minuten zum Hochkarätertreff Ostberlins und Brandenburgs finsterer Gestalten. Unser Auftritt im Lupo wurde durch fünf Brandenburger Ostler getoppt, die aus einem MOL-Mondeo ausstiegen und sich mit Next-Kippen ausstatteten, natürlich nicht ohne zwei Hunde dabei zu haben und einen unserer Mitfahrer zu kennen, sodass ich in das zweifelhafte Vergnügen kam, ein paar ungewaschene Hände zu schütteln und ein bisschen Insiderwissen über die geplanten Brandenburger Silvesterpartys zu erfahren. Klingt empfehlenswert, wenn man auf Raketen aus den Händen abschießende Ostler steht, die zugeballert mit Teilen und Goldkrone, Rechnungen begleichen wollen, da deren Ex jetzt mit einem Kumpel zusammen ist und das ein Grund ist, mit einer Schlägerei ins neue Jahr zu starten und sich danach wieder lieb zu haben. Ich kenne das, denn ich habe vor zehn Jahren schon mal in der Nähe von Fürstenwalde Silvester in einem Jugendklub gefeiert, um bei einer Maus zu landen, deren Ex mich erst abstechen wollte und später mein neuer bester Freund war, während er sich die zehnte Pille in den Hals warf.
Der Pole, der mittlerweile bestimmt mit Zimmermann schon bei Facebook befreundet wäre, wenn Zimmermann bei Facebook und nicht bei Jappy wäre, wurde von uns genötigt mit den Preisen runterzugehen, für all die schönen Sachen, die Krach machen und gefährlich sind. Nebenbei fielen noch ein paar Zigaretten ab und auch einige Kleinigkeiten in unsere Parkertaschen, wenn der Pole nicht hinschaute.
Bis auf Zimmermann hatten wir unseren Einkauf erledigt, doch spielte er sich mal wieder als große Nummer auf, um ein paar nach uns ankommende Ostler, die ein bisschen krasser aussahen als die bisher gesehenen und dazu noch ein BFC-Shirt anhatten, beim Böllerkauf zu beraten. So plätscherte einiges an Fachvokabular aus seinem Mund und ich nutzte die Gunst der Stunde und machte Mandy - mit der typischen Brandenburger Zweifarbenfrisur inklusive Undercut und Hellersdorfpiercing im Mundwinkel - ein paar deplatzierte Komplimente, die sich aber als nutzlos erwiesen, denn ich hatte zu spät ihren Macker im Auto erblickt und mir fehlt einfach die Redskins-Lederjacke, 50-Zentimeter mehr Oberarmumfang, Solariumbräune, der IQ einer Hantel und ein aufgemotzter Scirocco, um bei so einer Klassefrau zu landen.
Als Zimmermann dann endlich fertig war, mussten wir nach seiner Anweisung die Böller verstecken. Ich schnallte mir also meine beiden Pakete um den Bauch und fand, dass sich das gar nicht so schlecht anfühlte. Im ganzen Innenraum lag außer Sicht Feuerwerk im Wert von knapp 300 Euro und das Erste, das wir machten, war eine Zigarette anzuzünden. Für die bessere Tarnung, meinte Zimmermann, falls wir von den Bullen gefickt werden sollten, was aber niemals nicht eintrat und so verbrachten wir die Rückfahrt damit, Zimmermanns Böllertheorie (Vor- und Nachteile kurzer Zündschnüre) zu lauschen, bis wir auf Silvester zu sprechen kamen. Aber da hatten wir auch Hellersdorf wieder erreicht und die Party war noch im Gange.
Zimmermann war dann für seine faulpelzigen Freunde der Gott, als er mit den bestellten Kippen und Böllern ankam und log, dass er das doch liebend gerne gemacht hätte. Das Berliner Buffet war leider schon geschröpft, also zurück zu meiner alten Liebe Havannarum und schon verwickelte ich mich schnell in Gespräche mit den anwesenden bekannten Damen, die es immer noch nicht verstehen, dass so ein toller Mann wie ich, immer noch ungebunden durchs Leben geht. Ich schaute entnervt auf sie herab, behielt aber meinen vernichtenden Kommentar für mich: "Was hat es euch denn gebracht? Müsst die Kinder zu den Großeltern schicken, damit ihr mal wieder Spaß mit alten Freunden habt. Ihr werdet immer fetter, weil ihr euch mit der Routine arrangiert habt. Statt ins Stadion zu gehen, schaut ihr SKY zu hause. Nach den Feiertagen hört man bis Ostern nichts mehr von euch, obwohl ihr euch so viel vorgenommen habt. Ich fange am Besten gar nicht erst an, sonst sitze ich in zwei Stunden noch an meinem Monolog. Aber ich mag euch trotzdem irgendwie und bin euch dankbar, dass ihr mir als lebendes Beispiel aufzeigt, was ich anscheinend verpasse. So könnte ich nicht sein."
Aber wer bin ich schon, den Leuten zu erzählen wie der Lauf der Welt ist, also gönnte ich mir weitere Drinks, verzichtete auf Kundtun meiner Meinung und stellte fest, dass die U-Bahn nicht mehr fuhr, was Nachtbusfahren bedeutete. Ein paar Freunde von mir, die mittlerweile zentrumsnah wohnen, schlossen sich mir an und nach zwei Böllern im Treppenhaus stiefelten wir zur Haltestelle. Die gerade in den neuen Tag startende Frühschicht wurde mit besoffenem Trashtalk gereizt, aber schlagen wollte sich keiner. Ich stieg als Erster aus und jagte auf dem Weg ein paar Böller hoch, was natürlich einen Streifenwagen anlockte, mich wegen Störung der Nachtruhe hochzunehmen, aber nach kurzem Sprint in den nächsten Hinterhof war auch diese Gefahr gebannt.
Als ich im Bett liegend, die Ereignisse der letzten Tage vor meinem inneren Auge vorbeiziehen ließ, fiel mir ein, dass ich von meinem übriggebliebenen Weihnachtsgeld bei einem englischen Buchmacher noch auf den genauen Tag des Weltuntergangs im nächsten Jahr wetten wollte. Ein heißer Tipp wäre der 21.12. sagten Experten aus Hellseherkreisen und ich frohlockte innerlich, über den Gewinn, den ich nutzen würde, um mich im nächsten Jahr über die Feiertage in die Karibik abzusetzen und der gleichen Prozedur wie jedes Jahr zu entgehen. In welcher Runde spielt eigentlich der moralische Sieger eines Pokalspiels? Ich sollte ernsthaft noch mal über diese Wette nachdenken.





Kommentare
"Big ups" in den Osten! Dennoch bin ick froh da nicht mehr zu wohnen...
06.01.2012, 23:07 von plattenbau-beauman musste ich oft lachen, danke dafür
06.01.2012, 16:38 von mimasdie nur 19 likes kann ich überhaupt nicht verstehen, na egal, ich werd dein text weiterempfehlen
gut, gut!
04.01.2012, 13:37 von ilofi.. unter "feierwerck" wurden die böller auf'm polenmarkt angeboten ;))
Saugutes Ding!
04.01.2012, 07:50 von ThisIsHellUnd du weißt doch, dass die Leute immer zwischen MS-Shiddy und Berlin "pendeln". Im Moment seid ihr dran. In ein paar Jahren wirds bei uns wieder voller!
Ich mag den Schreibstil. :)
03.01.2012, 16:06 von Mr_MagpieLong dong but noise!!!
03.01.2012, 15:38 von SurecampHach!Toll!
03.01.2012, 14:11 von Danerich habs nicht ganz gelesen aber es hat mir gefallen.
03.01.2012, 12:59 von Pametnjakovicaus den untiefen des fernöstlichen westens heraus zieh ich meinen hut vor dir.. ;)
03.01.2012, 12:46 von hinterhofkaterWeltuntergang ist abgesagt.
03.01.2012, 11:25 von B.tinaHab ich auch gehört.
03.01.2012, 18:42 von stereoGIch verlass mich mal drauf.
03.01.2012, 18:50 von B.tina