newsoul 30.11.-0001, 00:00 Uhr 42 30

Großstadtgedanken

Ich mag es, hier zu leben. Manchmal. Und manchmal gibt es nichts Schlimmeres.

Ich mag es manchmal, in der Großstadt zu leben. Manchmal. Dann finde ich es toll, dass die Tagesschau nur einige Meter von meiner Wohnung produziert wird. Ich kann auch um 22 Uhr noch einkaufen gehen, und so richtig einsam und verlassen wirkt die Stadt nie. Dann ist es toll, so viele verschiedene Kulturen und Menschen auf einem Fleck zu sehen. Es gibt immer etwas zu entdecken - Persönlichkeiten, Möglichkeiten, Läden, Leben. Ich mag es auch, am Wasser spazieren zu gehen, den Leuten beim Küssen, Eis essen und Grillen zuzusehen, und vielleicht dazuzugehören. Ich liebe das Gefühl des sentimentalen Postkartenkitsches, das aufkommt, wenn sich auf den Bötchen vor dem Sonnenuntergang die weißen Segel aufblähen und auf einer Bank ein Pärchen Arm in Arm sitzt und dieses Bild genießt. Wirklich, ich mag das.

Manchmal ist es sogar schön, nachts in einer verrauchten Bar zu tanzen, den angenehmen Schwindel des Alkohols genießend, obwohl man weiß, dass am nächsten Morgen der Mund wieder so pappig sein wird und man eigentlich ein Referat vorbereiten wollte. Und dazu wird man dann wieder nicht kommen, weil man sich ausruhen muss. Aber trotzdem genieße ich diese Abende und bin fasziniert, wenn auf dem Heimweg die Vögel zwitschern. Das Bild wirkt schief. Es ist noch so dunkel und die Stimmen der Tiere so wach. Und dann überlege ich manchmal, ob sie nur in diesen Momenten gehört werden. Nachts. Wenn sie gar nicht ins Bild passen. Die Großstadt ist sonst einfach zu laut für sie, und sie suchen nach Zeiten für ihr Konzert. Konzerte, die mit dem einbrechenden Berufsverkehr um sechs Uhr morgens verstummen. Nein, sie verstummen nicht. Sie werden überhört.
Für Gezwitscher hat keiner mehr Zeit.

Die Menschen hetzen. Getrieben von der Gesellschaft, und dem eigenen Ego. Du musst jemand sein, etwas sein, schlank sein und schön sein, du musst Erfolg haben, und eine schicke Wohnung, und zufrieden sollst du gefälligst sein. Und menschlich. Und an andere denken, nicht nur an dich, was bist du denn so egoistisch, denkst du etwa nur an dich? Das geht so nicht. Und am Straßenrand sieht dich ein Bettler traurig an, und du gehst vorbei. Der Termin drückt, und der zu enge Schuh. Das schlechte Gewissen nicht. Der Penner hätte sich doch eh nur Alkohol gekauft.

Termindruck und Leistungsdruck lassen die Menschen in Großstädten schneller gehen. Die Gedanken schweifen zu lassen ist schwierig, wenn ständig irgendetwas heult. Sirenen von Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen. Mit unbekanntem Ziel. Oder Babys, die mit ihren schwitzenden Eltern im Bus eingezwängt sind, zur Feierabendzeit, und alle sind genervt, weil der Kinderwagen so viel Platz einnimmt und das Baby so laut schreit. Notwendige Nähe kommt nicht gut an. Das mag ich auch nicht. Da fühle ich mich wie eine Ölsardine, und der Typ neben mir riecht meistens nach Alkohol oder Zigaretten, und das ist eklig.
Ich mag es auch nicht, dass ich fast schon vergessen hab, wie Stille klingt. Immer reden Menschen, erklären, erzählen, lehren, lachen, schreien und staunen. Weinende Kinder und lachende Touristen nerven mich besonders. Und der Krankenwagen, der seine Sirene genau in dem Moment anschaltet, in dem er neben mir steht. Der nervt mich auch.

Wenn ich nach Hause komme, in die leere Wohnung, dann fühlt es sich an, als presste jemand Watte in meine Ohren. Und in meinen Kopf. Manchmal schalte ich dann das Radio, das Laptop oder den Fernseher an. Und schaue, wie gut oder schlecht die Welt da draußen ist, und freue mich, endlich zu Hause zu sein, ein bisschen weg von dieser Welt.
Trotzdem hole ich mir die Welt in meine Wohnung.

Es gibt Momente, in denen ich mich frage, ob ich hier hergehöre, in die Großstadt, die so viel von mir will. Die mich zwingt, die Stille zu vergessen, in der ich jemand sein muss, und in der ich nicht auffalle, weil ich rot und pink kombiniere, sondern immer wieder untergehe. In der Masse. Da ist doch immer jemand, der besser ist. Und ich fühle mich angegriffen, obwohl ich doch eigentlich gar nicht die Beste sein will und weiß, dass ich nicht die Beste sein muss.
Aber vielleicht kann man wo anders leichter nicht die Beste sein.
Irgendwo, wo die Menschen stehen bleiben und in den Kinderwagen gucken, und das Baby süß finden. Irgendwo, wo Menschen miteinander und nicht nebeneinander leben.
Gibt es diesen Ort überhaupt?

Und wenn ich mir dann diese Fragen stelle, ob ich hier hingehöre und wieso ich mich für dieses Leben entschieden habe, dann werde ich ein bisschen nachdenklich, aber nie traurig. Dann denke ich über das Leben nach, über den Sinn, über alles irgendwie. Und dann wird mir bewusst, dass ich nicht verlernt habe, das zu tun. Dass ich mir die Zeit nehmen kann, zu denken. Dass die Stadt mich fasziniert, eben weil ich sie so liebe und manchmal so hasse.
Ich bin nur ein kleiner Kopf in einer großen Stadt.
Aber das ist okay.

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42 Antworten

Kommentare

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    Schön! Die gleichen Gedanken kommen mir auch immer wieder..
    Passt Die Großstadt zu mir?
    Oder sollte ich vielleicht doch lieber an einem ruhigeren Ort wohnen, wo ich auch einen kleinen Garten anlegen kann?!
    Aber ich liebe es durch die Straßen zu schlendern und das wilde Treiben zu beobachten..

    >Ich bin nur ein kleiner Kopf in einer großen Stadt.
    Super Aussage, damit triffst du es genau...

    Am Ende lieben wir die Anonymität eben doch, und wollen gar nicht so besonders bekannt sein!

    07.04.2010, 14:53 von MiraImLalaland
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    Guter Text!

    20.11.2008, 14:59 von Herzdame.
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    schöner text <3

    11.10.2008, 22:18 von dazzling
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    Wegen all den Gründen, die du gegen die Großstadt schreibst, aber auch wegen den Gründen, die du an der Großstadt magst, MUSS ich auf dem Land leben, weil ich es in einer Großstadt nicht lange aushalte...

    Aber toll geschrieben...

    01.08.2008, 21:13 von AngelAnni
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    Find deinen Artikel super.
    Hab oft ähnliche Gedanken.
    Wohne jetzt seit 1 Jahr in berlin und finds immer noch spannend und aufregend. Kann ich nur jedem empfehlen. Und Heimaturlaub in der Provinz is dann auch eher lustig als öde.

    17.07.2008, 21:58 von MissHappy007
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    das klingt genau nach dem, was ich mir unter dem Großstadtleben vorstelle. Was ich in Kauf nehmen würde, könnte ich nur finanziell und emotional unabhängig sein. Was hält mich in Hannover, wenn mir doch Hamburg offen steht? Tja, das liebe Geld und die emotionalen Verpflichtungen.

    15.07.2008, 09:57 von volumINA
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    Manchmal geht es mir genauso. Alles hat sein Vor- und Nachteile. :)
    Doch ob es in der Kleinstadt bzw. auf dem Land besser ist?

    06.07.2008, 10:51 von sommer_sonne
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    Ich bin selbst aus einer sehr grünen Gegend in eine große Stadt gezogen und musste mich anfangs an vieles gewöhnen. Aber ich habe so ziemlich jeden Tag genossen. Man gewöhnt sich sehr schnell an die große Stadt mit den vielen Möglichkeiten. Als ich der Liebe wegen aber jetzt wieder ins stillste Grün gezogen bin, muss ich sagen...ich fühle mich wohl. Die große Stadt fehlte mir anfangs sehr. Ich hatte das Gefühl auf dem Dorf gibt es kaum Möglichkeiten sich abzulenken...aber jetzt habe ich erkannt, dass es das auch nicht braucht. Ich genieße die Stille & das Vogelzwitschern, dass viele Grün und den vielen Freiraum jetzt umso mehr!

    10.06.2008, 10:57 von sabrina1980
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