Goodbye Deutschland
In wenigen Tagen verlasse ich München und ziehe zurück nach Salzburg. Mit einem lachenden und einem weinenden Herzen.
Mit Deutschland und Österreich ist es so wie mit Herrn Schmidt und Herrn Havelik. Die beiden wohnen schon seit Jahrzehnten nebeneinander und lieben es, sich zu streiten, sie keppeln über die herabfallenden Herbstblätter und die Farbe des Gartenzauns, Den müssten’S mal wieder streichen, Herr Nachbar, sie grüßen sich mit einem barschen Nicken, sie reden gern über den anderen, Hast du gesehen, Rosi, was er heut wieder gemacht hat, dieser Depp, direkt vor unserer Garage hat er geparkt, wenn ich den erwisch, sie können sich nicht ausstehen, meistens. Sie würden nie zugeben, wie sehr sie sich mögen und dass ihnen etwas fehlen würde, wäre der andere nicht mehr da.
Meine Münchner Freunde würden sich lieber einen rostigen Nagel durch die Handfläche schlagen, als etwas Nettes über die Österreicher zu sagen.
Und wenn ich erzählen würde, dass es eine schöne Zeit war in Deutschland, dann würden die mich lynchen, die Österreicher.
Ja, es gibt Deutsche, die sind penibel, humorlos und frostig. Ja, es gibt Österreicher, die sind lahmarschig, ordinär und grantig. Und umgekehrt.
So ist das eben mit den Nachbarn, wir interessieren uns für sie, weil sie uns am nächsten sind, wir beobachten sie, regen uns über sie auf und machen Witze über sie, das Leben der Mongolen, Weißrussen oder Belgier kümmert uns nicht, die Grenzen unserer Nachbarschaft sind die Grenzen unserer Welt.
Es war nicht immer leicht, als Österreicherin in München zu wohnen. Ich durfte mir viele schwachsinnige Kommentare anhören. Dabei spreche ich mit den Deutschen Hochdeutsch. Dass ich aus Salzburg bin, darf nur der hören, dem ich es erlaube. Ihm gestatte ich auch die Kommentare. Aber nur zwei oder drei, dann bäumt mein patriotisches Herz sich auf, mein Blick verfinstert sich, meine Nase kräuselt sich ein bisschen, und es wird gefährlich für mein Gegenüber. Weil ich gern über meine Heimat schimpfe, die ausländerfeindlichen Österreicher, die immer nur jammern, sich an die guten alten Zeiten erinnern, die es nie gegeben hat, die so intolerant und zurückgeblieben sind wie ein inzestuöses Bergdorf. Aber wehe. Wenn jemand anders anfängt, über Österreich zu lästern, springe ich für mein Land in die Bresche, schwenke hoch erhoben die rot-weiß-rote Fahne, gehe auf die Barrikaden und verteidige es. Das ist wie mit der Familienehre: Nur die Mitglieder dürfen sie beschmutzen.
Ich freue mich auf Zuhause. Dort wohnen meine Familie, meine Freunde aus Kindertagen, mein Herz. Ich kann dort reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist, ich kann Sackerl sagen statt Tüte, Servus statt Tschüß, Tixo statt Tesa und Mistkübel statt Mülleimer. Ich kann so viel Fru Fru und Mannerwaffeln essen, bis ich speiben muss – nicht kotzen. Aber es ist mehr als nur die Sprache, ich bin dort ein anderes Ich, innen. Österreich ist wie meine Lieblingssneakers, dunkelblaue Puma, ein bisschen ausgelatscht schon, aber perfekt angepasst an mich, mit einem kleinen Riss, da, wo der linke Zeh ist, aber immer noch einwandfrei, vielleicht nicht mehr in Mode, aber ein Liebhaberstück.
Nicht in Österreich zu sein, tut mir an einer Stelle weh, die ich nicht habe, Ich bin dein Apfel, du mein Stamm, singt Rainhard Fendrich, wenn ich das höre, könnte ich vor Rührung weinen und mich danach dafür schämen.
Und ich mag München. Ich liebe es, an einem Herbsttag zum Nymphenburger Schloss zu spazieren und an herrschaftliche Zeiten zu denken, im Sommer im Englischen Garten zu liegen und mich vom Getrommel der Rastas nerven zu lassen, ich mag den Marienplatz und das rostige Glockenspiel, das Glockenbachviertel in den Regenbogenfarben, den Duft nach sündiger Schokolade in der Götterspeise. Und wenn ich wieder zuhause bin, werde ich von München schwärmen, ich werde erzählen, dass ich eine gute Zeit hatte dort, dass ich deutsche Freunde gewonnen habe, die nicht penibel, humorlos und frostig sind, sondern aufgeschlossen, herzlich und amüsant, die mich zum Lachen gebracht haben, als es mir schlecht ging, die mich umarmt haben, wenn ich es gebraucht habe, weil es egal ist, dass zwischen uns ein kleiner Grenzstrich liegt, den man nur sehen kann, wenn man genau hinsieht, aber nicht, wenn man dem Leben zuzwinkert.
Und wehe. Wenn es jemand wagen sollte, über München zu schimpfen, dann werde ich für diese Stadt in die Bresche springen, die blau-weiß-karierte Fahne schwenken und sie verteidigen. Weil jetzt, wo ich gehe, auch ein Teil von mir hier bleiben wird, er liegt verstreut im Dante-Bad, im Wirtshaus in der Au, im Aroma Café, im Rewe am Arabellapark, im Südfriedhof, unter der Bank vor dem Grab von Freiherr Karl August, überall ein Futzelchen, das ich dort verloren habe beim Leben.
Deshalb wird es in Zukunft jedes Mal, wenn ich nach München fahre, so sein, als würde ich heimkommen, ein bisschen, ich werde die kleinen Stücke meiner Seele sehen und lächeln müssen, ich werde mich an das erinnern, was ich hier erlebt habe und wieso. München wird sein wie meine weißen Ballerinas, die ich nur zu besonderen Anlässen anziehe, zu meinem blau-weiß-getupften Rock, weil sie schmutzig werden könnten, weil ich sie noch oft anziehen will, sie haben schon einen kleinen grauen Fleck da, wo der rechte Zeh ist, aber ich werde sie niemals hergeben.
Es ist nicht alles gut an Österreich. Und es ist nicht alles gut an Deutschland. Aber es ist gut, dass wir einander haben, weil man Nachbarn braucht, die man so innbrünstig hassen kann ohne sie gleichzeitig verlieren zu wollen.
Ich drehe mich um, ein letzter Blick, und sage leise: Tschüß, Herr Schmidt.






Kommentare
servus :)
18.05.2009, 20:11 von styrianrainbowzuerst mal: ein sehr schöner text!
er hat mich sehr zum nachdenken angeregt, weil ich selbst gern in einem jahr auch nach deutschland will (genaue stadt oder so habe ich noch nicht im auge), aber nun frage ich mich, ob ich österreich auch so vermissen werde wie du! irgendwann kommt sicher dieser punkt auch bei mir, auch wenn es im moment für mich unvorstellbar ist, weil ich grad einfach nur weg möchte..aber mal schauen...
viel spaß wieder bei uns hier :)
pfiat di
schön.
18.05.2009, 19:49 von NeonBlondhach, schön, mir läufts grad eiskalt den Rücken runter... ich leg mir jetzt mal Rainhard Fendrich aus... "... do koma mochn, wos ma wü, do schmüzt des Eis von meina Söö, wie von an Gletscha im Aprü..." :-)))
04.12.2008, 11:35 von HisHiasnessich komm aus der Nähe von München und mir gehts genauso mit Salzburg. Meine Mama kommt aus der Nähe von Salzburg und hat lang da gewohnt. Fast alle meine Verwandten wohnen dort.
01.07.2008, 01:40 von FunkencremeWirklich toll, genau die gleichen Gefühle, die ich hab, hier zu lesen.
Salzburg ist mein weißes Ballerina-Paar. Den einen Schuh hab ich hier, der andere ist 211 km weiter weg.
wie wunderschön geschrieben...
12.03.2008, 11:06 von arc-en-cieltoller text. kompliment.
13.02.2008, 16:15 von luka21Schöner Text,könnte nichts Einzelnes zitieren.was mir besonders gefiele,rundherum wunderbar
01.02.2008, 01:39 von TrommlerSehr, sehr schöner Text und ich freue mich für dich, dass es nun endlich wieder zurück nach Salzburg geht und ich wünsche dir für den Neustart alles Gute, viel Erfolg und Glück! LG
30.01.2008, 21:21 von dysfunction