ostseewelLE 26.03.2007, 12:58 Uhr 23 21

Generation Existenzangst

Ich warte auf den Tag, an dem BILD endlich titelt: „Existenzangst! Die neue Volks-Krankheit ist da! Ab Montag überall erhältlich!“

Vielleicht ist es die Frühjahrsmüdigkeit, die mir die Schwere aufs Gemüt legt. Vielleicht, ja. Aber im Laufe der Zeit erkenne ich die Symptome und weiß es besser. Das, was mich in den letzten Wochen lethargisch hat werden lassen und dafür sorgt, dass sich mein Hirn nicht mehr abschalten kann, ist etwas anderes. Die Angst vor der Zukunft der eigenen Existenz. Leise hat es sich an die Generation Golf und Praktikum angedockt. Aber daran gewöhnen wird man sich sicher nie. Permanent grüble ich über mich, über meine Arbeit und vor allem über das verdammte Geld nach.

Mein Lebenslauf sieht aus wie tausend andere: Abitur, Auslandsaufenthalt, über 100 Bewerbungen (nicht ein einziges Vorstellungsgespräch), knapp 50 Absagen. Dann drei Jahre Praktikum und der Zufallstreffer: ein Job in einer Produktionsfirma. Aus einer lockeren Zusammenarbeit wird etwas Ernsteres. Gründung einer Ich-AG, nach drei Jahren zum Glück der erfolgreiche Sprung in die eigene Existenz. Meistens dann arbeiten, wenn die Freunde das Wochenende genießen und in die Disko fahren. Urlaubsplanung ist ein Fremdwort, man weiß ja nie, wann ein Auftrag reinkommt. 24 Stunden am Tag abrufbereit sein, das Handy immer dabei. Heute hier, morgen dort. Einen Tag in Dresden, abends wieder in Brandenburg. Am nächsten Tag ab nach Schwerin, übermorgen schon Braunschweig. Die Arbeit ist abwechslungsreich und in Zeiten guter Aufträge auch finanziell verlockend. Doch heutzutage währt nichts ewig.

Auftraggeber knausern immer mehr mit ihrem Geld, große Firmen suchen sich große Zulieferer. Ich dagegen fühle mich wie ein Kleinwarenhändler, der von Discountmärkten überrollt wird. Die Suche nach guten Aufträgen ist schwer.

Planungen im Leben sind nicht mehr möglich. Wie mein Kontostand morgen aussieht - ich weiß es nicht. Mein einziger Luxus: ein Motorrad. In mühevoller Kleinarbeit drei Jahre lang abbezahlt. Ein Hochgefühl, als ich im letzten Jahr endlich den Fahrzeugbrief zugeschickt bekomme. Doch noch mal würde ich keinen Kredit aufnehmen. Die Gefahr, schon nächsten Monat die Miete nicht bezahlen zu können, ist riesig.

Es ist verrückt: da arbeitet man sieben Jahre tagein tagaus und erschafft sich seinen Platz im (Arbeits-)Leben, und doch kommt dann wieder die Zeit, in der man sich nicht sicher ist, was man auf Erden überhaupt verloren hat. Rücklagen zu schaffen ist nicht möglich, bei monatlichen Fixkosten von 700 Euro. Die Krankenkasse hält die Hand auf, alle 30 Tage sind 220 Euro fällig. Jedes Jahr steigt diese Summe beträchtlich. Laut Aussage eines Freundes aus der Branche werde ich in zehn Jahren bei dem vierfachen Batrag angelangt sein. Wären dann etwa 800 Euro. Jeden Monat. Nur für die Krankenkasse. Darf man darüber nachdenken? Gesünder wäre es, wenn nicht.

Bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte sind noch 600 Euro offen, weil man als Ich-AGler keine Wahl hat, wo man seine Rente anlegt. Also drei Jahre doppelt eingezahlt: staatlich und privat. Geld, das man nie wieder sieht: ja, davon verdienen die Menschen viel.

Vor zwei Wochen brach wie schon so oft ein Auftrag weg, und schon ist die Existenzangst wieder da. Zum hundertsten male nehme ich einen Zettel und schreibe akribisch auf: Miete, Haftpflicht, Auto, Motorrad, Krankenkasse, Internet, Telefon, Rente, Sparbuch, Strom, Rechtsschutz, Steuer Auto, Steuer Motorrad, Abzahlung BfA, Hochschätzung Benzin, pi mal Daumen Essengeld und vielleicht mal wieder ein neuer Pullover … ach nee, den streiche ich mal lieber. Dinge wie Kontaktlinsen und Geld für die Pille rechne ich schon gar nicht mehr mit rein. Vielleicht finde ich ja 50 Euro auf der Straße …

Unterm Strich steht eine Zahl mit einem Minus davor. Ein kleiner Querstrich, der so vieles bewirken kann, und für den sich doch niemand außer mir interessiert. Ist ja auch mein Minus.

Ein neuer Tag bricht an und ich sitze vor dem PC. Surfe nach Alternativen, um die Angst zu besiegen. Ein work-and-travel in Australien wäre nicht schlecht. Stellen sich aber gleich mehrere Hindernisse in den 16.100 km-langen Weg: der Flug kostet ca. 1000 Euro, 2400 Euro muss man auf seinem Konto als Rücklage nachweisen können. Wieder mal das liebe Geld, das diese Idee zerplatzen lässt. Doch auch weniger weit entfernte Volontariat-Praktikum-Reinschnupper-Arbeiten weisen eine Gemeinheit auf: man müsste sein gewohntes Revier verlassen und Kontakte einschläfern. Doch welcher Auftraggeber verzeiht es einem schon, wenn man sich plötzlich nicht mehr meldet? Drei Monate lang keine Infos, wochenlang keine Angebote. Wie schnell ist man aus den Kontakten deutscher Outlooks und Handyadressbücher verschwunden? Und vor allem: Wie lange dauert es dann, all diese Kontakte wieder zu reanimieren?

Die Miete müsste weiter bezahlt werden, ebenso die Krankenkasse und Rente. Auto und Motorrad für ein paar Monate still zu legen kostet mehr Verwaltungsgebühren als dass man Einsparungen hätte. Besteht also die einzige Möglichkeit darin, Geld auf dem Konto zu haben, um in der Abwesenheit alle Rechnungen brav begleichen zu können. Aber wäre Geld in Hülle und Fülle vorhanden, wäre ja die Existenzangst gar nicht erst da, die einen auf Auswander- und Praktikumsideen bringt. Die besten Einfälle hat man ja immer erst in Krisen, doch genau da kann man sie dann nicht umsetzen, weil das nötige Geld fehlt.

Aber die Generation Existenzangst ist ja auch gleichzeitig die Generation Optimismus. Und so darf ich jeden Morgen mit wenigstens einem guten Gedanken aufwachen: es ist MEINE Existenz und somit auch MEINE Angst. Wenigstens das bleibt mir - sogar umsonst.

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Kommentare

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    Hey man, I do share your pain. Allerdings
    hab ich kein Motorrad sondern ein Rechner.
    Jetzt brauch ich ein neuen aber weiss nicht
    woher ich das Geld nehmen soll. Das löst
    Existenzangst bei mir aus und weil ich keinen
    Rechner hab um mich davon abzulenken....
    Ein Teufelskreis.

    23.10.2007, 22:33 von Mar-X-maN
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      @[Benutzer gelöscht] dat problem kenn ich allzu gut...ist ja schon wieder ne weile her dein eintrah hat sich denn was getan zwischzeitlich?

      11.08.2007, 12:25 von zootwoman19
  • 0

    Respekt für all das was du schon geschafft hast! Und sollte es mal schiefgehen mit der Selbstständigkeit: du hast den anderen etwas voraus: Erfahrung!

    05.04.2007, 10:16 von TeresaP
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    an die Autorin des Textes:

    Ich glaube, dass Du Dir unbegründete Sorgen machst. Sicher ist es nicht einfach, aber es geht immer irgendwie weiter.
    Ich hatte auch so einige Zweifel, als ich mich an der Börse verspekuliert hatte. Existenzangst war das zwar nicht, aber ich musste auch etwas sparsamer leben. Glücklicherweise habe ich mich durch Fleiß und Können wieder nach oben gearbeitet und wenn Du willst, kannst Du das auch schaffen.

    04.04.2007, 09:17 von Haferschleim
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    Ich verstehe deinen Text so, dass du nach dem Abitur weder eine Berufsausbildung noch ein Studium absolviert hast, sondern stattdessen ein Praktikum gemacht hast. Falls dem so ist, würde ich dir empfehlen, eventuell parallel zur Selbständigkeit ein Fernstudium zu absolvieren. Das schafft Alternativen und kann Ängste abbauen. Auch als Selbständiger muss man Qualifikationen vorweisen können, für alle Fälle.

    03.04.2007, 19:32 von neontalk
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    Danke, danke, danke! Ich bin doch nicht allein auf dieser Welt, das ist doch schon mal ein guter Trost.... Vielleicht schafft der Begriff es ja, das (Un)Wort des Jahres zu werden: Generation Existenzangst.

    02.04.2007, 14:05 von siehs79
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    Guten Morgen Philipp,

    sorry, hab ich wohl unverständlich ausgedrückt. Es geht keineswegs ums "blose" existieren. Die Existenz, lass mich es mal - erfülltes, ausgeglichenes Leben nennen ist in Dir und nicht zwangsläufig zusammenhängend mit dem was Du tust um Dein materielles Leben hier zu verschönen.

    Alleine der Weg in die Selbstständigkeit ist manchmal bereits ein kraftvoller Schritt in ein pralles Leben, bei dem die vielgewünschte Sicherheit viel von Intensität und Kreativität nehmen würde.

    Sei versichert, daß ich bei dem Schreiben von persönlichen Meinungen, stets aus selbst gemachten Erfahrungen (natürlich sehr subjektiven) argumentiere.

    Viele Grüße - trooper

    02.04.2007, 08:17 von trooper
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