Gedanken von Gevatter Tod
Liebes Tagebuch, das Leben ist so ungerecht!
Ständig dieses Gejammere. Immer heißt es nur: "Warum? Warum?" Wollen die Menschen wirklich ewig leben? Gibt es auch nur einen unter ihnen der eine wahrhafte Vorstellung davon hat, was "Ewigkeit" bedeutet? Die sollten mich mal zu dem Thema befragen. Aber mich fragt ja keiner. Auf mich wird ja immer nur geschimpft. Und diese dauernden Vorhaltungen! "Wieso musstest du diesen holen, oder jenen?" Dabei stimmt das oft gar nicht! Tagtäglich werden Leute zu mir GEBRACHT oder bringen sich gleich selbst (um). Viele von denen wollte ich noch gar nicht. Ich meine hey, das ist echt anstrengend und dazu ein völlig undankbarer Job! Aber die Menschen selbst, ja, unter denen gibt es erstaunlich viele, die meine Arbeit nur zu gerne erledigen. Bringen selbst den Tod aber wer ist dann jedesmal Schuld? Ich natürlich!
- Ein Kind wird überfahren. Hey! Saß ich etwa betrunken am Steuer?
- Eine Frau springt aus dem Fenster. Hey! Habe ich sie etwa geschubst oder ihr das Herz gebrochen?
- Ein Teenager säuft sich zu Tode. Hey! Habe ich ihm das vorgelebt (gelebt, haha) oder ihm die Drinks hingestellt?
- Soldaten und Zivilisten werden erschossen. Hey! Ja bin ich vielleicht der Finger am Abzug?
Siehste mal. Alles nicht meine Schuld. Die Menschen tragen nicht gerne die Verantwortung für ihre eigenen Taten. Schieben immer alles auf Gott (der hat´s auch nicht leicht mit dieser Bande. Aber bitte, ER wollte es ja so), auf mich oder die Stimmen in ihrem Kopf. Wie albern. Und diese Spezies will ewig leben?
Liebes Tagebuch, manchmal möchte ich wirklich alles hinwerfen. Einfach mal ein paar Wochen streiken und weder jemanden holen noch annehmen. Egal wie alt, egal wie verletzt, egal wie schrecklich die Schmerzen sind. Da würden die Menschen aber mal blöd aus der Wäsche schauen! Da wäre was los! Oder wenn ich für immer in Rente ginge. Wie lange würde es wohl dauern, bis die Menschheit und der Planet unter der Last der Bevölkerung buchstäblich zusammenbrächen? Und was würden die Leute bis dahin tun? Jammern! Und Gott und mir die Schuld an allem geben. Gut, in dem Fall trüge ich ja tatsächlich mal Mitschuld. Ich höre förmlich wie sie beginnen nach mir zu schreien, um mich, den Tod, zu BETTELN.
Hm, vielleicht sollte ich so einen kleinen Urlaub wirklich in Erwägung ziehen. Um den Menschen die Chance zu geben mich als das zu sehen was ich bin, wenn ich wirklich jemanden hole. Eine Gnade. Eine Erlösung.
Liebes Tagebuch, wir beide wissen doch wie froh manche sind, wenn ich sie tatsächlich endlich zu mir nehme. Im hohen Alter, mit Demenz, gebrechlich. Auf die Verwandtschaft angewiesen, die sich oft einen feuchten Dreck (ist doch wahr!) um ihre Eltern oder Großeltern im Alters-, Pflegeheim scheren aber dann anklagend mit dem Finger auf mich zeigen, wenn ich solch armes Wesen von seinem Dasein befreie. Gut, natürlich gibt es Ausnahmen. Die streiten sich dann um die Erbschaft.
Oder die Schwerkranken, von unheilbarem Krebs oder anderem, grausamen Leid gezeichnet. Von den Hinterbliebenen habe ich meist keinen Dank zu erwarten, wenn ich mich irgendwann dieser dahinvegetierenden Geschöpfe erbarme, aber wenigstens die Betroffenen schenken mir oft ein Lächeln. Dann weiß ich wieder, warum ich mir die Arbeit als Gevatter Tod antue. Bei den Tieren geht es mir ebenso. Ich kann die Anzahl der gepeinigten Kreaturen nicht überblicken, die ich täglich in mein Reich hole und die zu mir geschickt werden. Aber noch nie hat sich ein Tier bei mir beschwert. Es sind immer die Menschen. Meiner Meinung nach sind die gar nicht so schlau und überlegen, wie sie selbst immer meinen.
Liebes Tagebuch, gibt es irgendein Wesen, das so missverstanden ist, wie ich? Nicht mal Spinnen, Stechmücken oder Finanzbeamte werden so gehasst; und das will bei den Menschen etwas heißen! Aber genug gejammert (herrje! Ich bin auch schon so einer! Muss am ständigen Umgang mit dem Homo Sapiens liegen). Ich werde jetzt meinem Kumpel Gott einen Besuch abstatten. Der ist ja auch reichlich leidgeprüft. Vielleicht spielen wir eine Runde Kniffel. Zur Ablenkung. Danach widme ich mich wieder meiner Aufgabe. Ehrlich, manchmal ist es ein scheiß Job, der Tod zu sein. Aber EINEN Vorteil gibt es doch: ICH werde NIEMALS arbeitslos!






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