andreas.schwarz 22.06.2017, 20:55 Uhr 21 2

Fühlt Ihr euch auch mit mir connected?

Ich brauche eine neue Verbindung. Zu mir. Zu Euch. Und allem Anschein nach auch zu meiner Freundin.

Denn seit gestern fühle ich mich nicht mehr mit ihr connected.

„Wo warst du denn so lange?“, tönt es mir entgegen, als ich meine Wohnungstür gerade geschlossen hatte. „Im Gym, so wie immer!“, antworte ich angestrengt meiner Freundin, die es sich gerade auf der Couch gemütlich gemacht hatte und auf unserem Smart-Receiver den Sender Vox anwählt, um eine Sendung namens „Sing meinen Song“ anzusehen.

Ich setze mich nach dem Duschen also dazu, mit einem proteinreichen Snack, versteht sich, und lausche den Klängen deutscher Musiker, die sich sichtlich Mühe geben, den großen Hits der Lichtgestalt des deutschen Soul-Pop, Moses Pelham, einen neuen Schliff zu verpassen.

Das gefällt mir ganz gut, immerhin ist der Musiker einer der wenigen deutschen Künstler, der seine Songs auf Deutsch produziert. Sowas ist heutzutage ja eher Mangelware. Doch meine Freude über die deutsch-musikalische Gesangsbegleitung während des Essens wehrt nicht allzu lange. Ich kenne die Sendung nicht, aber allem Anschein nach werden die Performances durch intensive Gesprächsrunden im illustren Zirkel unterbrochen.

„Wisst ihr, ich fühle mich gerade voll mit euch connected“, heißt es da auf einmal von Lena Meyer-Landrut. Schon sehe ich meine Chance: „Aha, sie leidet allem Anschein nach unter Aphasie. Oder geht das nicht auch auf Deutsch?“, pöble ich munter drauflos. Und die Diskussion beginnt. „Was bitte ist Aphasie?“, fragt meine Freundin. „Eine Wortfindungsstörung ist das!“, entgegne ich.

„Und dafür musst du nun ein Fremdwort verwenden?“, fragt meine Freundin mich mit spöttischem Blick. Einmal davon abgesehen, dass mein Verhalten, einer Person willkürlich zu unterstellen, sie leide unter einer Krankheit, nicht grad von meinem moralischen Feingeist zeugt, muss ich mir tatsächlich den Vorwurf gefallen lassen, mich in diesem Fall wohl bewusst so ausgedrückt zu haben, dass es keiner versteht.

Die Gründe dafür seien jetzt mal dahingestellt. Trotzdem möchte ich einmal das Thema Anglizismen in der deutschen Sprache aufgreifen, von denen ja ebenfalls oft behauptet wird, dass sie oft nur schwerverständlich seien.

Laut duden.de handelt es sich bei Anglizismen übrigens um die „Übertragung einer für [das britische] Englisch charakteristischen sprachlichen Erscheinung auf eine nicht englische Sprache“. Beispiele hierfür wären Fake News, Shitstorm oder leaken – übrigens alles Begriffe, die in den letzten Jahren zum „Anglizismus des Jahres“ gekürt wurden.

Diesen Preis gibt es tatsächlich. Seit 2010 bemüht sich Professor Anatol Stefanowitsch von der Uni aus Berlin darum, Leuten wie mir, denen Anglizismen ein Dorn im Auge – oder in diesem Fall eher auf der Zunge – sind, zu einer positiveren Einstellung gegenüber Anglizismen zu verhelfen.

Und, das habe selbst ich nun einsehen müssen, es gibt tatsächlich Anglizismen, die auch der Sprache der Dichter und Denker einen gewissen Feinschliff verleihen, wesentlich prägnanter sind als deutsche Begriffe und deswegen gewiss eine Existenzberechtigung in der deutschen Sprache besitzen.

Ein Beispiel gefällig? Wie wäre es denn mit Schwarmfinanzierung? Was, keine Ahnung, wovon ich schreibe? Von Crowdfunding dürfte der eine oder andere hingegen schon einmal etwas gehört haben.

Aber ich habe noch mehr in petto. Zum Beispiel das Wort „unveröffentlichen“. Dies kommt auf News-Portalen übrigens dann und wann vor, wenn bereits veröffentlichte Artikel wieder zurückgezogen werden. Leser werden dann häufig beim Klick auf einen Artikellink darüber informiert, dass der Inhalt „depublisht“ wurde.

Nun stellen wir uns doch einmal vor, es hieße „unveröffentlicht“. Klänge dies nicht irgendwie sehr gewollt? Fakt ist, im Deutschen gibt es für diesen Vorgang kein adäquates Wort. In solchen Fällen scheinen Anglizismen demnach durchaus angebracht. Gerade im Zuge der technologischen Weiterentwicklung müssen Veränderungen auch benannt werden. Und wenn diese nun einmal aus dem englischsprachigen Raum stammen, darf man sich über englische Titel nicht wundern.

In Fällen wie bei Lena Meyer-Landrut würden mir für „connected“ allerdings auch andere, deutsche Begriffe einfallen. „Verbunden“ wäre solch ein simples Wort. Allerdings hätten mir in diesem Artikel wohl auch deutsche Begriffe für „Gym“, „Couch“, „Snack“, „Performances“ oder „News“ einfallen sollen. Sind sie aber nicht.

Quellen:

http://www.anglizismusdesjahres.de/

http://www.ruhr-uni-bochum.de/sprachwerk/mam/content/_kurzprojekt.pdf

2

Diesen Text mochten auch

21 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Warum kommt eigentlich bei Anglizismen allen die Galle hoch, aber nicht bei Gallizismen. Da könnt ich mich ja manchmal drüber echauffieren... Und vom Gräzismus des Jahres hab ich noch nie etwas gehört... Ist wahrscheinlich nur ein Mythos.

    Und solange die selbsternannten Sprachhygieniker zum Brunch gehen, statt zum Gabelfrühstück, sollen die mal schön die Füße stillhalten. Ist ja nicht so, dass die Engländer einen Blitzkrieg gegen die deutsche Sprache führen würden. Das ist doch Kindergarten...
    Kühl bleiben.

    20.07.2017, 10:00 von sailor
    • 0

      Für mich ist es unnötig (künstlich) ein englisches Wort zu verwenden, wenn es eine einfache deutsche Entsprechung gibt. Natürlich ist die Sprache durchsetzt von Femdworten aus vielen anderen Sprachräumen. Aber connected für "verbunden"? Wirkt auf mich sehr künstlich und als wolle da etwas anderes mit dargestellt werden. Hinweis auf eigene Internationalität oder wie auch immer. Die Mitte macht es wahrscheinlich. Warum soll ich von meinen "Kids" sprechen, wenn ich Kinder habe? Warum ist der gute alte Papa jetzt auf einmal- "daaaaaddddyyyy"? Versteh ich nicht ^^. Muss ich auch nicht verstehen. Dem einen gefällts, dem anderen nicht.

      20.07.2017, 11:01 von Gluecksaktivistin
    • 0

      'Gabelfrühstück' sagt kein Mensch...
      :(

      20.07.2017, 11:07 von sailor
    • 0

      Natürlich nicht, das meinte ich auch nicht. Wenn Fremdworte zur Präszision (achtung- Fremdwort) beitragen oder das Wort erstmalig in der entsprechenden Sprache sozusagen erschaffen wurde, sehe ich keinen Grund das nicht so zu übernehmen. Ich spreche auch nicht von "elektronischer Post" sondern sage "-Mail etc.

      20.07.2017, 11:56 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Ich verstehe dich ja...

      Ähnlich, wie mit 'Latte Macchiato'...
      ;)
      Das übersetzt ja auch keiner.

      20.07.2017, 12:08 von sailor
    • 0

      :-))

      20.07.2017, 12:22 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Klänge auch gewöhnungsbedürftig: »Für mich eine befleckte Milch, bitte...«
      :D

      20.07.2017, 12:25 von sailor
    • 0

      Ich schreibe jetzt mal einen elektronischen (wobei elektron ja schon wieder Griechisch ist haha) Brief, okay? Äh OKAY. - also ist das in Ordnung?

      20.07.2017, 18:36 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Und das Ganze natürlich auf meinem Klapprechner

      20.07.2017, 18:36 von Gluecksaktivistin
    • 0

      auf meinem Mitnehm Tele(wahhh wieder Griechisch) fon - also meinem Fernsprechgerät geht das so schlecht.

      20.07.2017, 18:37 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Dein Tele-Fön?

      20.07.2017, 19:41 von sailor
    • 0

      mei HÄÄÄNDIII

      20.07.2017, 20:42 von Gluecksaktivistin
    • 0

      mein schlaues, tragbares Fernsprechdings

      20.07.2017, 20:43 von Gluecksaktivistin
    • Kommentar schreiben
  • 1

    anglizismen (latinismus!) en masse (romanismus!) ausgerechnet bei der stimme deutschlands (the voice of germany):

    blind audition, battle, knock out/sing off, liveshow, final.
    cool (kühl).

    27.06.2017, 13:31 von ga
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Es gibt wohl in jeder Sprache Begriffe, die unübersetzbar sind. Zumindest wortwörtlich. Aber oft gibt es eben eine Entsprechung. Im Deutschen sind das zum Beispiel Wörter wie Fingerspitzengefühl, Fremdschämen oder Brückentag.


    Im Englischen wüsste ich kein deutsches Wort, das Begriffe wie No-brainer, oder tittynope adäquat beschreiben könnte.

    Der Spanier hat genaue Vorstellungen von der Dämmerung. Crepúscolo, Madrugada, Penumbra, Amanecer, Anochecer, Albor, Nochecita beschreiben alle verschiedene Dämmerzustände, manchmal morgens, manchmal abends, manchmal im künstlichen Licht u.s.w. Ist schon interessant das Thema Sprache.

    27.06.2017, 10:53 von PaulR
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Imbiss ist doch ein tolles Wort für Snack.

    27.06.2017, 09:50 von Feodor
    • 0

      Treffen wir uns im Snack!

      27.06.2017, 22:05 von quatzat
    • 0

      Du Trendsetter.

      29.06.2017, 13:52 von Feodor
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Könnte man statt "unveröffentlicht" nicht einfach "gelöscht" schreiben? Oder wegen mir "zurück gezogen"?


    27.06.2017, 09:35 von Tanea
    • Kommentar schreiben
  • 0

    In der Mitte wäre ich fast ausgestiegen. Gut dass ich doch zu Ende gelesen habe. 

    Ich denke auch, die Mitte macht es und solange man Anglizismen nicht inflationär benutzt, geht es. 

    23.06.2017, 07:39 von Fin_Fang_Foom
    • 0

      das sehe ich auch so :)

      23.06.2017, 08:13 von andreas.schwarz
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare