JackBlack 13.03.2012, 11:52 Uhr 9 15

Frau Brink nickt

„Entschuldigung“, sagt sie, „nun kann ich Sie besser sehen.“ „Das macht nichts“, antwortet Frau Brink.

„Elfriede Brink ist mein Name und ich muss gerne eine Anzeige aufgeben.“

Fräulein Annabelle vom Stadtblatt hustet vor Schreck zwei Kugelschreiber aus.
Sie hört eine Stimme, aber sie sieht niemanden.
Frau Brink räuspert sich.
„Hier bin ich“, sagt sie.
Fräulein Annabelle sieht sich um. Niemand außer ihr ist im Büro. Die PC-Boxen sind ausgeschaltet. Auf der Tastatur sitzt, zwischen O und P, eine Fliege.
Einen Augenblick lang denkt Annabelle Müller etwas sehr Verrücktes.
Ihr geht es nicht gut.

„Junge Frau?“
Die Stimme kommt aus Richtung Kaffeemaschine. Und dann, bevor Fräulein Müller etwas wirklich komplett Verrücktes denken kann, wippt hinter dem Ansichtskartenständer eine Pfauenfeder hin und her. Die Feder gehört zu einem Hut, der Hut zu einem Kopf und der Kopf zu Frau Brink.
Annabelle hebt ihren schweren Hintern schmatzend aus dem noch schwereren Bürosessel.
Frau Brinks kleiner Kopf gehört zu einem kleinen Körper, der in einem noch kleineren Rollstuhl sitzt. Die ältere Dame trägt trotz der Julihitze einen Mantel. Von der Hüfte an abwärts ist sie in eine schmutzige Decke gehüllt, die Fräulein Müller an die Schlafzimmervorhänge ihrer Tante erinnert.
Fräulein Annabelle rollt den Kartenständer auf die andere Seite des Schreibtisches.
„Entschuldigung“, sagt sie, „nun kann ich Sie besser sehen.“
„Das macht nichts“, antwortet Frau Brink.

Fräulein Müller lächelt, ohne zu wissen, warum.
Es irritiert sie, nur diesen kleinen Kopf unter dem viel zu großen Hut auf der linken Schreibtischkante wackeln zu sehen.
„Sie wollen also eine Anzeige in unserer Zeitung schalten, Frau …?“
„Brink. Oberstudienrätin Elfriede Brink. Junior. Arbeitslos. Seit beinahe drei Jahren Hartz-IV-Empfängerin. Aber gestatten Sie mir, Sie zu verbessern.
Ich will keine Anzeige aufgeben, ich muss. Notgedrungen.“
„Aha.“
Einen kurzen Moment lang wirkt Fräulein Müller ratlos. Dann ist sie es nur noch.
Sie denkt daran, dass der Bürosessel, auf dem sie ihren Allerwertesten nervös im Halbkreis hin und her schiebt, aus Kunstleder ist, in dem man schwitzt, obwohl die Klimaanlage eingeschaltet ist. Sie denkt an ihren Exfreund Janson, der just in diesem Augenblick mit seiner neuen Flamme auf Kreta weilt und es sich gut gehen lässt.
Annabelle seufzt.
Ihr geht es nicht gut.

„Ist Ihnen nicht gut?“
„Doch, doch. Ich will nur gerade eben nachschauen, ob ich Sie in unserer Kundenliste finde.
Haben Sie innerhalb der vergangenen drei Monate eine Anzeige bei uns geschaltet?“
„Eine? Mehrere. Viele. Zu viele.“
„Aha. Einen Augenblick, bitte. Brink. Brink, Elfriede. Ah, da haben wie Sie. Nüsterweg 3.
Stimmt die Adresse noch?“
Frau Brink schüttelt Kopf und Hut.
„Karl-Marx-Straße 154.  Seit dreizehn Tagen. Ich habe dort ein Zimmer auf der Seniorenstation. Betreutes Wohnen. Depressionen und drohende Obdachlosigkeit, Sie wissen schon. Naja, und neuerdings ein paar unbequeme Zipperlein wegen der ganzen Reduktionen.“
Sie lächelt ein bisschen traurig und entblößt dabei viel nacktes Zahnfleisch. Neben den braunen Schneidezähnen klafft Schwärze. 

Fräulein Annabelle schaut leicht betreten auf ihren PC-Bildschirm.
„Welche Rubrik?“
„Bitte?“
„In welcher Rubrik möchten Sie die aktuelle Anzeige schalten?“
Frau Brink denkt kurz nach. „Zubehör“, sagt sie dann.
„Zubehör?“
„Ja. Ersatzteile.“
„Oh, ich sehe gerade, Sie sind Teilnehmerin an unserem Vielverkäuferbonussystem. Spartarif B. Prima! Was möchten Sie denn heute verkaufen?“
„Ich möchte nicht, ich muss.“
„Aha. Klar. Und was wäre das?“
„Fleisch“, sagt Frau Brink. 

„Oh“, sagt Fräulein Annabelle. „Ich entdecke da gerade einen Datenfehler. Hier steht: Elfriede Brink, geboren am 16.05.1963.“
Frau Brink nickt.
„Nicht, dass es wichtig wäre“, meint Fräulein Müller. „Aber würden Sie mir bitte das korrekte Geburtsdatum nennen? Ich kann es hier sofort korrigieren.“
„Da gibt es nichts zu korrigieren. Das Datum stimmt auf Tag und Jahr.“
Frau Brinks kleine Hand schwebt an die große Hutkrempe. Sie lüftet den Hut und deutet eine Verbeugung an.
Es wächst blonder Flaum auf ihrem Kopf, ganz neu und zart.
Dem Fräulein laufen Schauer über den feisten Rücken. Sie hasst ihre Arbeit an solchen Tagen. Nach Feierabend wird sie sich diese schnittigen Lacksandalen kaufen, die ihr seit zwei Wochen nicht aus dem Kopf gehen wollen und eine Reise in die Türkei buchen.
Ihr geht es nicht gut. 

„Nun gut, Frau Brink. Sie möchten also Fleisch inserieren.“
„Ich muss.“
„Stimmt. Welche Art von Fleisch?“
„Eine Niere.“
Fräulein Annabelles Finger spielen mit der Maus, ihre Augen sind leere Häuser.
Die Alte ist verrückt. Meschugge. Total plemplem.
„Und ich werde es auch bald werden.“, denkt sie.
„Sie wollen also, pardon, Sie müssen also eine Niere verkaufen. Schweineniere wie Rinderlunge? Neu oder gebraucht? Ganz oder in Scheiben?
Oder vielleicht doch ein Pfund Hack vom Frischpferd? Überlegen Sie sich das gut.“
Sie wiehert hysterisch und fächert sich und ihrer Fliege Luft zu.

Frau Brink lächelt schwarz.
Mit einem Male wird es so kalt im Raum wie in einer Dezembernacht, ohne dass es das Fräulein mitbekäme.
Die alte Dame legt ihren Hut auf den Tisch.
Dann schiebt sie die schmutzige Decke beiseite und schiebt ihren Pullover hoch. Darunter schimmert Haut, so weiß wie Schnee.
Narben. Wülste. Krater.
„Meine Brüste gingen an einen wahren Liebhaber“, flüstert sie heiser. „Ich konnte drei Monate lang meine Miete bezahlen. Kennen Sie die Nüsterweg-Siedlung? Es war ein gutes Geschäft.“
Frau Brink lässt die Decke zu Boden gleiten.
„Meine Beine“, sagt sie sanft, „vermisse ich nun seit fast einem Jahr. Sie wachsen nicht mehr nach wie mein Haar. Ich habe das gewusst und doch anderes gehofft.
Ein junger Medizinstudent aus Jamaika hat die Lage wohl realistischer eingeschätzt.“
Fräulein Annabelle macht ein freundliches Gesicht. Ihr geht es nicht gut.
Sie denkt an Sandalen, südliche Sonne und Antalya. An braungebrannte Körper, Döner und Früchtesangria. An blauen Himmel und blaues Meer. Das kühlt sie ein wenig ab.
„Also, was soll ich schreiben? Schlachtfrische Schweineniere günstig abzugeben?“
 
Frau Brink nickt.

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9 Antworten

Kommentare

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    Immer noch einer meiner Lieblinge.

    21.05.2013, 17:35 von Jimmy_D.
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  • 1

    Die arme Frau Brink wohnt also in der Karl-Marx-Straße... Soso. Sehr fein.

    15.03.2012, 22:42 von hihihimmel
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    vielleicht finde ich den Text so schrecklich (gut), weil ich tief in mir drin weiß, dass sowas zukünftig nicht mehr nur Fiktion bleiben könnte...

    15.03.2012, 08:56 von cosmokatze
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  • 0

    Ich schwanke, einerseits finde ich den Text toll, im nächsten Moment widerum abstoßend, dann aber wieder perfekt pointiert und stilsicher durch die Hochs und Tiefs der Wörterseefahrt manövriert...ich schwanke.

    13.03.2012, 19:37 von topfbluemchen
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  • 1

    Faszinierend!! Ich bin sehr begeistert!!

    H i g h l i g h t !!

    13.03.2012, 13:57 von Mrs.McH
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  • 0

    Faszinierend!! Ich bin sehr begeistert!!
    Highlight!!

    13.03.2012, 13:56 von Mrs.McH
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  • 1

    Nierisch gut.

    13.03.2012, 12:33 von B.tina
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  • Platzverweis

    Um den perfekten Kinositzplatz wird gestritten, seit es das Kino gibt. Das ist jetzt vorbei. Die Tipps aus dem August-Heft nun auch im Blog.

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