Freulein_Taktlos 30.11.-0001, 00:00 Uhr 100 285

Flüssiges Glück

Morgen wird alles anders.

Nachts, da werden wir zu Helden.

Hüllen uns in den tiefschwarzen Mantel der Dunkelheit und drängen mit nassglänzenden Augen in überfüllte Clubs. Tragen unsere dramatischen Vorgeschichten mit Stolz auf breiten Schultern und betten unsere Eitelkeit sichtbar für jeden in mutigen, sauberen Händen. Sind unwiderstehlich, unverwundbar, unbesiegbar und unheimlich schön.

Haben im Leben bereits alles erlebt und können immer und überall mit einer Geschichte übertrumpfen. Natürlich.

Wir küssen unsere Münder an zu billigem Wein und fremden Menschen blutig. Sprechen von unheilbarer Sehnsucht und zerreißendem Fernweh. Vom unendlichen Wollen und Können. Möchten immer höher und höher, schneller und weiter.

Machbar. Alles nur eine Frage der Zeit.

Im Rausch stolpern wir unsere Turnschuhe auf den schäbigen Tanzflächen dreckig und lügen uns ein Leben zurecht voller Zufriedenheit und zum Himmel stinkender Arroganz.

Lügen so gut, dass wir selbst daran glauben.

Reich, wohlerzogen, unvergänglich. Wir, die Helden der Nacht.

Lästern mit Kommenden über Verflossene, lachen uns die Augen tränenfeucht und prosten einander zu.

In unseren Gläsern leuchtet hochprozentig das erlogene, flüssige Glück.

 

Und am Morgen?

Ziehen wir uns die Kapuze tief ins blasse Gesicht. Setzen Kopfhörer und Sonnenbrille auf. Blenden die Welt und damit das Leben aus. Gehen krumm, gebückt vor Last, schreckhaft und mit zusammengekniffenen Lippen. Verstecken uns.

Vor allen anderen.

Vor uns selbst.

Vor der Wahrheit, die nachts nicht in den Sinn kommt.

Dass wir eine scheiß Angst haben.

Vor allen anderen.

Vor uns selbst.

Vor dem, was man "Zukunft" nennt.

Eine scheiß Angst, weil wir keinen Plan haben, wo wir sind und warum. Ob das hier der Weg ist oder wir bereits angekommen sind. Weil nichts in unserer Hand liegt, schon gar nicht, ob, wie und wo es weitergeht. Wir laufen eilig Schritt für Schritt, immer mit Bedacht und Vorsicht.

Mit unbekanntem Ziel.

Blind im Nirgendwo.

Unter den Augen tragen wir Schatten und in unseren mehrfach gebrochenen Herzen einen kleinen, roten Punkt namens "Hoffnung", der verspricht, dass morgen alles anders wird.

Besser.

Ehrlicher.

Ein Versprechen, damit wir weitermachen.

Damit wir uns gut zusprechen, wenn der Abend die letzten Strahlen des Lichts einfängt und das flüssige Glück uns ruft:

Morgen, ja, morgen wird es soweit sein.

Morgen wird alles anders.

Morgen.

Vielleicht.







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100 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Auf den Punkt gebracht.

    Unter den Augen tragen wir Schatten und in unseren mehrfach gebrochenen Herzen einen kleinen, roten Punkt namens "Hoffnung", der verspricht, dass morgen alles anders wird.

    08.01.2015, 16:23 von hellomyoldheart
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  • 0

    Unter den Augen tragen wir Schatten und in unseren mehrfach gebrochenen Herzen einen kleinen, roten Punkt namens "Hoffnung", der verspricht, dass morgen alles anders wird.

    08.01.2015, 16:22 von hellomyoldheart
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  • 1

    Sehr Wahr...

    30.04.2014, 22:26 von Tweety0907
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  • 1

    Wir küssen unsere Münder an zu billigem Wein und fremden Menschen blutig.
    Zuuu wahr. Typisch Festival...

    03.01.2014, 13:06 von DerWesir
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Morgen,ja morgen, fang ich ein neues Leben an, und wenn nicht morgen, dann übermorgen oder vielleicht erst irgendwann

    26.09.2013, 18:13 von Karumbalo
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  • 1

    Auf den Punkt gebracht!

    26.09.2013, 11:40 von Designerpunk
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  • 1

    Schon die alten Römer wussten gleich
    bei zuviel des Guten wirst du bleich.

    So sehr die Neuen auch dran schreiben
    es wird stets beim Alten bleiben.

    Neues braucht die Welt zum Sinnieren
    ewig Gleiches weiß mich nicht mehr zu genieren.

    In der Stad des großen Trinkens
    regt sich nix mehr zwecks des großen Stinkens.

    Und so wünsch ich, dass aus dem taktlosen vielleicht
    in Zukunft doch ein Größeres entweicht.

    ein modernes PS: http://www.youtube.com/watch?v=pDgVzJ02pGM





    27.08.2013, 11:19 von Filousoph
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  • 2

    Toll geschrieben und was wahres dran!! ;)

    "Lügen so gut, dass wir selbst daran glauben.



    Reich, wohlerzogen, unvergänglich. Wir, die Helden der Nacht.



    Lästern mit Kommenden über Verflossene, lachen uns die Augen tränenfeucht und prosten einander zu.


    In unseren Gläsern leuchtet hochprozentig das erlogene, flüssige Glück."


    24.06.2013, 03:06 von lila_blassblau
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  • 2

    Thematik umstritten, aber das Können der Verfasserin und derer Liebe zur Kunst nicht.

    13.05.2013, 00:18 von alpa1606
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