Nachgeburt 12.09.2004, 02:30 Uhr 11 3

fliegen

Es war wieder einmal Morgen und Lena wachte in einem Abwasserkanal auf, bedeckt von dreckiger Erde und modrigen Blättern,

die durch den Gullideckel fielen.
Sie öffnete ihre Augen und spürte, wie der Wind ihren Körper umwehte.
Es wir Herbst, dachte sie sich und war sehr froh darüber, denn bald könnte sie ihr langsam zu stinken anfangendes Nachtlager täglich auffrischen und die alten Blätter entsorgen.
Niemand wusste, wo Lena war und seit wann sie dort war.
Aber wie sollte das auch jemand wissen, wenn sie die menschliche Gesellschaft mied. Sie war es gewohnt, meistens allein zu sein. Einsam war sie jedoch nicht. Sie hatte gute Freunde in den Ratten, Käfern und Fliegen gefunden, die sie öfters besuchten und ihr überfahrene Katzen zum essen mitbrachten. Lena freute sich immer über den Besuch. Somit hatte sie immer genug zu essen und warem Kleidung, die sie sich aus den Tierfellen mit Spinnenfäden als Nähgarn machte. Aber am liebsten war ihr die tierische Gesellschaft, da diese eine Art Flucht aus ihren Selbstgesprächen möglich machte. Manchmal dachte sie daran, ihr Leben, isoliert von der Menschenwelt, zu beenden und zu versuchen, mit ihnen klar zu kommen. Aber der Gedanke daran war noch viel abstoßender, als die Gesellschaft von Kakerlaken und Maden jemals sein könnte.
Aber heute dachte sie wieder an die Menschen, wurde aber durch Geräuche hinter ihr abgelenkt. Als sie sich umdrehte, sah sie ein paar von ihren Freunden. Es waren Hermann die Ratte, Erika die Spinne und Fridolin die Kakerlake. Sie hatten etwas mitgebracht, was Lena nie zuvor gesehen hat. "Hallo", begrüßte Hermann sie. "Hallo meine Freunde! Kommt, setzt euch zu mir und leistet mir etwas Gesellschaft". Sie setzten sich in einen Kreis an eine der wenigen trockenen Stellen im Kanal. "Wie geht es euch denn", fragte sie ihre Freunde interessiert. Die Antworten fielen sehr unterschiedlich aus: Erika beschwerte sich über die Menschen, die immer ihr Zuhause zerstören, ohne das sie wissen, was sie da tun. Hermann war ein wenig aufgeregt, da er bald wieder Vater werden würde. Zum 5. Mal in diesem Jahr. Fridolon schien nichts neues erlebt zu haben, da er immer nur das selbe erzählte. Das verwirrte Lena, da er auf einmal anfing zu erzählen, sich selber aufessen zu wollen. Lena ging aber n
icht weiter drauf ein, sondern fragte neugierig, was das für ein Ding is, das die 3 ihr mitgebracht haben. Erika sagte ihr, das es ein Geschenk sei, was sie in einer Pfütze gefunden haben. Ein toter Vogel. "Was ist das?" fragte Lena. Noch nie hatte sie dieses Wort gehört. Hermann befreite das Geschenk aus dem Kokon, den Erika extra gesponnen hatte.
Lena verstummte schlagartig.
Ihre Augen waren starr.
Sie sah nur noch den toten Vogel.
War fasziniert von seiner Form.
Sanft fasste sie ihn an und tastete ihn von oben bis unten ab. Sie fühlte die härte des Schnabels und dann die Weichheit der Federn. So etwas hatte sie noch nie berührt.
Während Lena den Vogel erforschte, aßen Hermann, Fridolin und Erika reste der letzten toten Katze und sahen Lena amüsiert zu.
"Was ist das?", fragte Lena erstaund und hob einen Flügel an. Hermann musste ein wenig lachen und meinte dann " Das ist ein Flügel, das was einen Vogel zu einem Vogel macht."
"Das verstehe ich nicht", sagte Lena. "Was macht denn ein Vogel?" "Er fliegt", sagte Erika. "Fliegen? Was ist das?"
Die 3 beschrieben in den wildesten Erklärungen, was ein Vogel macht um zu fliegen, aber damit verwirrten sie Lena noch mehr. Bis Fridolin es mit Eislaufen über dem Boden verglich.
Das konnte sie sich vorstellen und war beeindruckt. Sie setzte sich hin und betrachtete den toten Vogel. Sie wurde still und nachdenklich. Ihre Freunde ließen Lena jetzt allein und verschwanden im dunklen Abwasserkanal.
Lena starrte regungslos auf den Vogel. 3 Tage saß sie so da und ihre Gedanken drehten sich nur noch um das fliegen. Als Hermann sie besuchte, weil er wissen wollte, wie es ihr geht, wollte sie sofort von ihm wissen, wie denn Vögel fliegen, wie sie das tun.
"Sie bewegen ihre Flügel von oben nach unten und bewegen sich so fort", versuchte er es hr zu erklären. Sie schaute ihn nur fragend an. Hermann ging zur Vogelleiche und zeigte ihr an ihr die Flügelbewegungen. Sie war begeistert und machte es nach, aber so sehr sie sich auch anstrengte, sie hob nicht vom Boden ab. Sie hatte Tränen in den Augen vor lauter Enttäuschung. "Du kannst nicht fliegen, Du bist kein Vogel", sagte Hermann zu ihr. Aber sie wollte es nicht glauben. Sie versuchte es weiter und flatterte mit ihren Armen immer schneller und schneller. Dann brach sie erschöpft zusammen. "Du bist nicht zum fliegen bestimmt", erklärte Hermann ihr. Aber ihr verlangen nach dem fliegen wurde immer größer.
Inzwichen war es Winter und Lena hielt es nicht mehr aus in ihrem Kanal und beschloß ab due Erdoberfläche zu gehen.
Sie kletterte aus der Röhre raus und setzte sich auf den Boden. Dort saß sie dann Wochenlang und schaute in den Himmel und versuchte immer wieder die Bewegungen, die sie bei den Vögeln sah, nachzumachen. Sie war jeden Tag mehr und mehr enttäuscht, weil sie nicht fliegen konnte. Sie bildete sich dann ein, sie könne nur fliegen, wenn sie aussähe wie ein Vogel und fing an sich alle Haare auszureißen, da Vögel keine Haare haben. Als sie kein Haar mehr auf dem Kopf hatte, versuchte sie erneut zu fliegen. Als das immer noch nicht klappte, dachte sie, es läge daran, daß sie keine Federn habe, sondern eine so glatte Haut. Sie nahm ein Messer und fing an, auf ihrem ganzen Körper ein Federmuster in ihre Haut zu ritzen. Jetzt saß sie blutend im Schnee und die Tränen flossen ihr Gesicht hinunter. Sie weinte nicht wegen der Schmerzen, sondern weil sie noch immer nicht fliegen konnte.
Doch dann fing sie plötzlich an zu lachen und schrie so laut sie konnte : "Ich weiß es, ich kann es".
Sie fing an zu rennen. Sie rannte immer weiter, so lange, bis es nicht mehr weiter ging.
Eine Schlucht war ihr im Weg.
Doch sie hielt nicht an, sontern rannte weiter...
... und sprang.

Lena ist tot.
Doch während sie fiel war sie glücklich, weil sie dachte, fliegen zu können.
Nur eins hat sie nie begriffen:
Ein Vogel ist nichts besonderes, weil er fliegen kann, er ist was besonderesm weil er seinen Flug durch eine sichere Landung beended.

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11 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Den Anfang finde ich nicht so dolle aber das Ende hat es wieder rausgerissen und der letzte Satz gefällt besonders.

    18.01.2012, 18:32 von Onkel_Fester
    • 0

      habich doch grade jesacht, sachma!

      18.01.2012, 18:49 von Der_Misanthrop
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  • 0

    japp. anfang eher nich so. rechtschreibung garnich.
    aber entwickelt dann doch einen sog, der weiterlesen lässt.

    18.01.2012, 18:09 von Der_Misanthrop
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  • 0

    Schön-grässliche Fabel - etwas morbider als die von Äsop - und so pessimistisch. Vielleicht trifft Lena mal auf einen "Vogel" oder Spinner, der zum Fliegen verhilft.

    18.01.2012, 17:51 von TilmannKleye
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  • 0

    Wow!..bitte mehr!

    29.01.2011, 09:43 von Kokomiko
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  • 0

    krass, so etwas habe ich noch nie gelesen.
    Die Bilder sind so ??? es gibt kein Wort dafür, aber die Message, hat mich überrascht, denn ich hatte mit etwas ähnlich krassem,wie der Bilder gerechnet. Und plötzlich war ich in doppelter Hinsicht auf den Boden der Tatsachen zurück geholt.
    Wunderschöne Botschaft und verdammte scheiße, dass mit deiner Festplatte.

    26.07.2008, 01:42 von Stockmaster
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  • 0

    oh man.. ungewöhnlich.
    irgendwie toll.

    23.06.2008, 13:58 von cumuluswolke
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Eine schöne Geschichte :)

    01.05.2008, 23:17 von Kampfkruemel
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  • 0

    bewegend.

    26.04.2008, 12:15 von BernhardOem
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