nyx_nyx 30.11.-0001, 00:00 Uhr 62 60

Festhalten ist einfacher

Oo.


Seit Ewigkeiten baumle ich am Abgrund. Mit blutigen Händen und allem was ich an Kraft aufbringen kann, kralle ich mich an den scharfen Kanten fest und bin zu stolz dich ein weiteres Mal darum zu bitten, mich wieder hoch zu ziehen. Du sitzt entspannt im Schneidersitz, fütterst mich mit klebrigsüßen Worten und versuchst mir alles schmackhaft zu machen, was dir in die Finger kommt. Ich schlucke gierig ohne zu kauen, ersticke beinahe an den großen Brocken, die kein Flehen und kein Wimmern mehr zulassen. Währenddessen siehst du verträumt in den Himmel und deutest die Wolkenbilder. Als dir das zu langweilig wird, pulst du den Dreck unter deinen Nägeln hervor und versuchst mir klarzumachen, dass es für uns beide einfacher wäre, wenn ich einfach loslassen würde. Der Aufprall würde nicht sonderlich wehtun, sagst du. Luftpolster würden das Gröbste abfedern.

Über Blutkrusten und weiße Fingerknöchel hinweg, starre ich dir wortlos in die Augen. Ich hab Höhenangst, wage nicht nach unten in Richtung Zukunft zu blicken. Irgendwann würde auch mir die Kraft ausgehen, darum hilfst du ein bisschen nach, sagst du. Behäbig stehst du auf und trittst mit voller Wucht auf meine Finger. Ich beiße mir auf die Unterlippe, um nicht laut zu schreien. Diese Befriedigung will ich dir nicht schenken. Knirschend und knackend gleiten meine zertrümmerten Hände rot über messergleiche Ränder - und ich falle. Stocksteif reißt es mich in die Tiefe, kann ich mich doch eh nicht wehren.

Ich schließe die Lider, kneife die Feuchtigkeit aus den Winkeln und warte auf den Aufprall. Der Weg nach unten ist länger als angenommen, denke ich noch, als es mir die Füße wegzieht und ich klirrend auf dem Rücken lande. Kein Polster, kein Schutz. Alte Narben klaffen auf, als würde mein Inneres nach Luft schnappen. Ich bleibe flach liegen, spüre tausend Stiche und traue mich nicht meinen Oberkörper abzutasten. Du stehst noch immer oben, beugst dich ein wenig über die Brüstung zu mir herab, streichst deine Kleidung glatt und trägst ein zerknittertes Grinsen im Gesicht. „Siehst du, war doch gar nicht so schlimm, oder?“

Ich will dass alles taub bleibt, dass ich weder spüre noch höre. Wünsche es mir so sehr und warte ein paar Sekunden ab, ob es erträglicher wird und ich wieder atmen kann oder es nie wieder muss. Nichts tut sich. Ich spanne meine Bauchmuskeln an und hebe den schweren Kopf zu einem leicht wirkenden Nicken. Nichts anmerken lassen. Unter Schmerzen zwinge ich mich zu einem Lächeln. Ich weiß, dass es das letzte in deine Richtung sein wird. Du siehst es nicht, hast dich längst schon abgewendet und ich versickere.





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    Ich will dass alles taub bleibt, dass ich weder spüre noch höre. Wünsche
    es mir so sehr und warte ein paar Sekunden ab, ob es erträglicher wird
    und ich wieder atmen kann oder es nie wieder muss.



    Ohja. So herzergreifende Worte.

    01.08.2014, 01:23 von nurluftundluegen
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    Die eigene Schmerzgeilheit in schwarz-auf-weißen Exhibitionismus gewickelt und dafür noch Applaus kassiert. Hut ab, eine Dattel im Speckmantel ist nichts gegen dich!

    23.07.2014, 15:40 von weissabgleich
    • 0

      Haha. So kann man es natürlich auch sehen, wenn man will.

      24.07.2014, 16:56 von nyx_nyx
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  • 1

    So bildlich geschrieben, das man bei manchen Sätzen selbst das Hesicht verziehen und zusammen zucken will. Gute Stil, guter Text! 

    22.07.2014, 17:07 von Schreibschnabel
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    • 0

      :) Lieben Dank.

      13.07.2014, 01:20 von nyx_nyx
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    • 0

      Ich hatte das Gefühl, dass ihn viele sehr unterschiedlich gelesen haben. Ich find das ja total spannend. Erzähl also gern, was du darin liest.

      13.07.2014, 01:24 von nyx_nyx
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    • 1

      :)

      Ich würde lügen, würde ich behaupten, es wäre keine Absicht ihn auf 3 Arten lesen zu können.

      13.07.2014, 13:40 von nyx_nyx
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    • 0

      Das macht gar nix, ich find das ganz gut, wenn ihn jeder auf seine Art liest :)

      13.07.2014, 13:53 von nyx_nyx
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  • 1

    mir tritt er noch auf die Finger. x)
    Vielen Dank für den Input :)

    09.07.2014, 19:59 von GraceSummers
    • 0

      Beißen, kratzen, spucken.. vielleicht hilft das ;)

      09.07.2014, 21:04 von nyx_nyx
    • 1

      ich geb mein bestes ;)

      09.07.2014, 23:11 von GraceSummers
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  • 0

    feste feiern ist noch einfacher.

    09.07.2014, 16:34 von ga
    • 0

      Man soll die Feste feiern wie sie fallen.

      09.07.2014, 16:48 von nyx_nyx
    • 0

      aber nicht in die festefeiernfalle fallen !

      09.07.2014, 16:50 von ga
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      Ist man sonst ein gefallenes Mädchen?

      09.07.2014, 16:53 von nyx_nyx
    • 0

      gefallene mädchen gefallen, wenn sie nicht in die festefeiernfalle fallen und feste lallen. aber lassen wir das.

      09.07.2014, 16:58 von ga
    • 1

      Gut, ich tu dir den Gefallen.

      09.07.2014, 17:00 von nyx_nyx
    • 0

      gefällt mir.

      09.07.2014, 17:01 von ga
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  • 2

    Ich muss jetzt mal grad tief durchatmen und kanns nicht irgendwie.

    08.07.2014, 21:32 von Nachdenk-Aroma
    • 0

      Oh oh.
      Aufstehen, weitermachen. So heißt es doch.
      :)
      Danke dir.

      08.07.2014, 21:46 von nyx_nyx
    • 1

      :) Haste super geschrieben!

      08.07.2014, 22:06 von Nachdenk-Aroma
    • 0

      :) Bedankt.

      09.07.2014, 00:42 von nyx_nyx
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  • 1

    Finde ich sehr gut.
    Und "Luftpolster" ist ein schönes Wort. Wenn auch in dramatischem Zusammenhang.

    08.07.2014, 17:15 von smillalotte
    • 1

      :) Dankeschön.

      Das Wort mag ich auch. Ich wählte es, weil es für mich mehrere Bedeutungen hat. Auch in dem Zusammenhang.

      08.07.2014, 17:18 von nyx_nyx
    • 1

      Das gefällt mir gleich noch besser.

      08.07.2014, 17:24 von smillalotte
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