Feierabend
Ob William mich auch gesehen hat?
Sobald ich aus der Tür der Ubahn trete, schlägt mir die feierabendliche Hektik entgegen. Unweigerlich muss ich grinsen, bei so viel Eile und Hetze.
Ich bin wohl die Einzige, die heute nicht rennen muss.
Gewollt langsam gehe ich zur Rolltreppe und stelle mich gegen die Fahrtrichtung auf die nächste Stufe, die auftaucht, um alle anderen noch weiter beobachten zu können.
Deshalb bin ich so gerne alleine in der Stadt. Man nimmt alles viel genauer wahr.
Lächelnd schlendere ich den gestressten Menschenmassen entgegen.
Schon auf der ersten Stufe aus dem Untergrund kommt mir Weihnachtsduft entgegen.
Die Lichter der Buden voll mit Süßigkeiten und Maroni spiegeln sich in einzelnen kleinen Pfützen auf dem Boden.
Mein Gang verlangsamt sich weiter.
Plötzlich scheinen alle Menschen noch schneller zu laufen, ein Managertyp überrennt mich fast, während er, den Blick auf sein Blackberry gerichtet, “Scheiße” murmelt.
Normalerweise bin ich auch Eine der Ersten, die sich über derartig langsam Gehende auslässt, aber für heute habe ich die Fronten gewechselt.
Ich biege früh genug nach rechts ab, aus der Befürchtung heraus, die Gelegenheit könne sich nicht noch einmal bieten und betrete unter einem Heißluftstoß den Laden.
Kurz wundere ich mich, wieso mir keine ohrenbetäubend laute Musik entgegen dröhnt.
Kaufwütige 1.80 Blondinen fuchteln mit gefälschten Felljacken und Lackleggings und versperren den Weg zur genau vor mir liegenden Treppe.
Aber ruhig wie ich bin, erreiche ich diese schließlich auch ohne Fluchen und Kleiderbügelkämpfe, obwohl mir das Bild eines Glitzergürtels um eine Blondinenkehle kurzzeitig durch den Kopf geht.
Treppe, endlich.
Eine Etage höher darf ich wieder einmal feststellen, dass ich mich doppelt so gut in der Männerabteilung auskenne, wie jeder hier anwesende Kerl.
Verwirrte Versuche, die Ordnung zu überblicken, ratloses Gewühle in Mützen, Boxershorts und Socken und vorsichtiges Beschauen potenziell geeigneter Teile (Oh Gott, doch bitte nicht DIESEN Pulli?!).
Immer wieder ein lustiges Schauspiel.
Während ich noch ungläubig auf einen besonders unschlüssigen Kunden schaue, überrennt mich wiederum fast ein Kerl, der William Fitzsimmons verblüffend ähnlich sieht. Ach William!
Auf meinem zielstrebigen Weg den Schals entgegen, erhasche ich ungewollt einen kurzen Blick auf einen sich vor dem Spiegel Umziehenden , woraufhin wir beide lachen müssen. Wenn ich je meinen Traummann kennen lernen sollte, dann durch einen dummen Zufall, wie diesen hier.
Wie ein Fremdkörper werde ich zwischen Schals, Unterwäsche und allerhand Anderem gemustert. Ich will doch nur einen verfickten Schal kaufen.
Das gewollte Modell befindet sich leider nicht mehr in den Beständen der schwedischen Modekette. Wie sollte es anders sein.
Ich wage noch einen Ausflug in den zweiten Stock, wo sich 13 jährige Lippenstiftträgerinnen zwischen Polyesterröcken tummeln.
Ein großer Typ mit schwarz umrandeter Brille und Fellmütze fällt mir positiv auf, vor allem, weil er mit einem Freund allein in der Frauenabteilung unterwegs ist. Sicher ungewöhnlicher, als mich in der Männeretage zu finden.
Nachdem ich mit dem Ergebnis, dass ich nie das finde, wonach ich suche, wieder die steile Wendeltreppe anstrebe, stellt man sich mir schon wieder in den Weg.
Freundin-suchender Orientierungsloser, was sonst.
Ich lasse auch dieses Hindernis freundlich lächelnd hinter mir und mache mich wieder auf, in die beißende Kälte.
Wie verdammt noch mal kann es innerhalb von 2 Tagen Winter geworden sein?
Lachende Grüppchen stehen draußen um runde Tische, eingehüllt in eine Wolke aus Glühweingeruch. Ziemlich starker sogar. Eigentlich mehr Wein als Glüh, wenn ich es mir recht überlege.
Verträumt lasse ich mich wieder in der Masse treiben.
Ob William mich auch gesehen hat?






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