Experiment 53: Allein demonstrieren
Dauer: 30 bis 40 Minuten; Material: ein freier Platz; Wirkung: entpolitisierend
Gelassen schlendern Sie durch die Straßen. Der Schein trügt! Obwohl in ihrem Gang und ihren Gesten nichts darauf schließen lässt, sind Sie gerade dabei, zu demonstrieren. Sie ganz allein wissen das. Niemand ahnt es. Kein Spruchband, nicht der leiseste Ruf. Nicht der geringste Hinweis, noch nicht einmal ein besonderer Weg, den Sie einschlagen, lässt darauf schließen, dass Sie etwas Besonderes im Kopf haben. Nichts, aber auch gar nichts, was nicht vollkommen normal wäre.
So gehen Sie schweigend dahin. Aber Sie skandieren die Kampfparolen im Kopf. Parolen, die gegen die Regierung und ihre Politik gerichtet sind. Eigenwillige, abgehackte verblüffende Formeln. Schließlich Beleidigungen, diffamierende Formulierungen, Äußerungen, mit denen Sie sich strafbar machen. Sie fordern die Autorität des Staates heraus, provozieren die Polizei, brüskieren die öffentliche Meinung, demonstrieren ihre Entschlossenheit, protestieren. Doch niemand weiß etwas davon, weder die Dame, der Sie begegnen, noch das Kind, das Sie überholen. Noch nicht einmal der Polizist, der an der Straßenecke steht und Sie gleichgültig mustert. Das ist keine Demonstration. Sie sind still. Nur ein Experiment, um etwas herauszufinden. Aber was?
Dass jeder das Gleiche tun könnte, ohne dass die anderen es merken würden. Die friedliche Strasse, wo sich die Menschen begegnen und aus dem Auge verlieren, wo jeder seinen Beschäftigungen nachgeht und sich nicht um die anderen kümmert, ist vielleicht der stumme Schauplatz heimlicher Proteste und unmerklicher Aufstände. So ist es tatsächlich. Denken Sie nur einen Augenblick an die großen Leidenschaften, die sich in einer banalen und neutralen Straße mischen, ohne dass es jemand merkt. Nur wenige Augenblicke zuvor sind Sie auf einem Bürgersteig einem Terroristen begegnet, einer Frau, die vom Krebs zerfressen wird, einem hoffnungslosen Arbeitslosen, einem Junkie auf der Suche nach dem nächsten Schuss, einem schwangerem Teenager, einem Migranten ohne Papiere, einem gescheitertem Talent. Und Sie konnten nichts davon wissen. Quod erat demonstrandum.
Für meine vom Alltag gelangweilten.
Auszug aus "Fünf Minuten Ewigkeit" 101 philosophische Alltagsexperimente von Roger- Pol Droit. ISBN 3-453_87891-4 (7,95€).






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