Gods_mistake 29.06.2011, 19:01 Uhr 5 4

.Entführt.

Wir werden auf der Rückbank durcheinander gewürfelt, während du davon rast. Kein Schrei von mir, keine Frage, kein Wort kommt mir über die Lippen.

Es ist warm an diesem Abend, an dem ich, wie immer, in Richtung Park laufe. Ein leichter Wind weht den erdigen Geruch von frisch gemähtem Gras die Straße entlang. Die Stille wird nur durch das ferne Rauschen der Autos und den ein oder anderen zu laut gedrehten Fernseher gestört. Wenn ich stehe bleibe um meinen Hund an dem nächsten Baum schnüffeln zu lassen, schaue ich verstohlen hinter mich. Niemand da. Langsam gehe ich weiter.
Laufe absichtlich dicht an den Autos vorbei, verweile etwas länger als nötig vor dunklen Häuser Ecken. Nichts passiert.
Ich stelle mir wieder vor wie das Auto neben mir hält und ich hinein gezogen werde. Mein Hund auch. Natürlich. Wir werden auf der Rückbank durcheinander gewürfelt, während du davon rast. Kein Schrei von mir, keine Frage, kein Wort kommt mir über die Lippen.
Dein Auto ist aufgeräumt, zumindest fast. Du klopfst den Takt zum Folsom Prison Blues auf deinem Lenkrad, bevor du mir eine Schachtel Zigaretten und anschließen ein Feuerzeug nach hinten wirfst.
Nach einer Stunde Fahrt, in der ich ruhig auf deiner Rückbank saß, richtest du das Wort an mich. Sagst mir, ich solle auf den Beifahrersitz klettern. Ich gehorche und schnalle mich an. Schaue dir zum ersten Mal ins Gesicht. Du bist hübsch, nicht zu hübsch. Angenehm anzuschauen. Dass du gut riechst habe ich schon auf der Rückbank festgestellt, ebenso, dass dein Fahrstil etwas gewöhnungsbedürftig ist. Damit ich dich bequem anschauen kann, setze ich mich so hin, dass ich mich halb an der Tür anlehne. Du lächelst, weißt mich an, dir die Colaflasche zu reichen, die in meinem Fußraum steht. Als du mir die Flasche wieder gibst, fragst du mich, ob ich auch davon möchte. Nein das will ich nicht, denn ich finde, das Kalorien/Geschmacks-Verhältnis ist eher suboptimal. Du grinst ein wenig und schaust zu Frieden.

Die Landschaft saust an uns vorbei, der Hund schnarcht auf der Rückbank. Vielleicht drehst du deswegen die Musik lauter. Du singst mit. Und ich auch. Die Städtenamen auf den Schildern werden immer unbekannter. Ich frage mich. Frage nicht. Summe leise vor mich hin, bis du mich fragst, ob der Hund nicht einmal austreten müsse. Du fährst die nächste Ausfahrt ab und hältst an einem Waldstück, holst den Hund aus dem Auto, als ich mich nicht rühre, fragst du, ob ich vorhabe deine Autositze nass zu machen, oder ob ich nicht auch lieber hinter dem nächsten Busch verschwinden wolle. Als ich den Kopf schüttle und sitzen bleibe, zuckst du mit den Schultern und gehst mit meinem Hund davon. Eine gefühlte Ewigkeit wartend, kaue ich an meinen Nägeln, bange, hoffe dass du zurück kommst.
Das tust du, setzt dich ins Auto, nachdem du den Hund verstaut hast. Lachst mich an und fährst weiter.

Ich weiß immer noch nicht wohin wir fahren.
Vielleicht fährst du mit mir ans Meer, oder in die Berge?
Wir fahren nur kurz weiter. Schon bald hältst du. Es ist schon ein wenig Dunkel, aber der Himmel ist klar. Und der Wind ist nicht kalt, der durch die Bäume rauscht. Du lässt meinen Hund frei und er rast wie von Sinnen auf einem Trampelfahrt hin und her, springt durch hohe Gräser. Wir lachen. Dabei fürchte ich mich ein wenig vor den Schatten in der Dunkelheit. Du nimmst meine Hand und wir rennen. Rennen, scheinbar so unglaublich lange und schnell. Kleine Hügel hinauf, auf unwegsamen Gelände. Immer höher. Irgendwann halten wir an und legen uns ins Gras. Mit dem Blick in die Sterne. Vielleicht mit deiner Hand in meiner? Sind wir angekommen? Oder fahren wir weiter. Wann kehren wir zurück? Oder: kehren wir zurück? Ich frage immer noch nicht.
Wir machen ein Lagerfeuer. Essen etwas. Wir reden. Stundenlang könnte, ich meinen. Über alles. Wir teilen Ansichten und Abneigungen und sind uns oft so wunderbar uneinig. Du amüsierst dich darüber wie ich mich aufrege. Meine Stimme wechselt zwischen schrill und tief und ich stampfe mit meinen Füßen auf wie ein Kind, so gut es geht im Sitzen. Irgendwann muss ich sicherlich mit über mich lachen.
Du willst zurück zum Auto. Ich will nicht. Weiß nicht ob unser Ausflug ein Ende hat. Ob wir dem Ende nahe sind. Deswegen mag ich nicht fragen. Du beschließt einfach zum Wagen zu gehen, nimmst meinen Hund und gehst voran. Weißt, dass ich es nicht lange alleine aushalte. Nach ein paar Minuten Protestsitzen, renne ich dir nach. Wieder lachst du und ich komme mir dumm vor. Aber dann stört es mich nicht mehr, als du mir sanft über den Kopf streichelst, mich in die Seite knuffst und ich lachen muss.

Wir steigen ein und fahren erneut weiter. Während die Landschaft an uns vorbei zieht und wir alles Gewohnte, Gelebte und Geschehene hinter uns lassen, empfinde ich unglaubliche Zufriedenheit. Tauche vollkommen in die Ungewissheit ein, die sich an mich schmiegt, behütet.
Inzwischen fahren wir in den Sonnenaufgang hinein, rauchend, lachend, singend, müde und albern, als der Klang eines Motorrads die Stille zerfetzt. Er nimmt fast alles mit sich, bis auf das Lächeln in meinem Gesicht. Ein kleines Kichern, während ich die Haustür aufschließe und hinauf gehe.

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5 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    wer so eine phantasie hat, braucht keinen joint
    *g*
    süffig geschrieben.
    macht lust auf mehr. und meer. und mehr...

    15.07.2011, 18:05 von sommer-haus
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  • 0

    Dankeschön =)

    14.07.2011, 19:15 von Gods_mistake
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    Kriterium "Text wie automatisch zuende lesen und sich befriedigt zurücklehnen" sehr schön erfüllt.

    14.07.2011, 16:55 von LudwigMartin
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    Wow!!
    Toll geschrieben.

    14.07.2011, 15:22 von Kokomiko
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