Alexandra_Eul 15.06.2007, 12:11 Uhr 0 1

Endlich verstehen...

T9 ist ein Segen. Dafür erkennt es die einfachsten Wörter nicht, verwechselt Bier mit Aids und kann nicht fluchen. Wieso eigentlich?

!Rechthaberisch und schnell
Drrrrrrreng! Eine SMS – mit merkwürdigem Inhalt: »Habe leider Tacho verpasst. Gute Macht, R.« Ganz klar, hier wollte R. beim SMS-Schreiben schneller sein. Er hat die Handyworterkennung T9 benutzt – was praktisch ist, aber oft zu Verwechslungen führt. Die Tastenkombination 8-2-2-4-6 zum Beispiel ergibt »Tacho«, aber auch »U-Bahn«. Und 6-2-2-4-8 heißt entweder »Macht« oder »Nacht«. Entwickelt hat das System die amerikanische Firma Tegic Communications bereits 1995. Wahrscheinlich hatten die Programmierer Daumenkrampf und Sehnenscheidenentzündung wie damals alle, die viel und schnell SMS tippen wollten. Wer ein schlichtes »Hallo« verschicken wollte, drückte umständlich 44-2- 555-555-666. »T9« steht für »Text auf neun Tasten «, und tatsächlich muss man dank der Software für jeden Buchstaben nur eine der neun Buchstabentasten tippen. Je nach Zahlenkombination schlägt T9 dann Wörter vor, aus denen man das Gesuchte auswählen soll. Ein bisschen wie ein rechthaberischer Gesprächspartner, der einen ständig unterbricht und Sätze fertig sprechen will. Aber es funktioniert. Man darf sich bloß nicht von dem zwischenzeitlichen Kauderwelsch auf dem Display verwirren lassen – oder zu viel Bier (Zahlenkombination 2437, ergibt auch »Aids«) getrunken haben. Sonst wird »Lieber Papi« zu »Lieber Sarg«, »Frohe Weihnachten« zu »Droge Weihnachten«, »lohnt« zu »Joint«, »Nadia« zu »Mafia«.

Kein Rindfleisch in Schweden
Franzosen und Spanier ignorieren das T9-Lexikon größtenteils. Doch wir Deutschen lieben die Tipphilfe. In kaum einem anderen Land gibt es so viele Nutzer wie bei uns. Der Grund ist simpel: Deutsche Wörter sind besonders lang. Und natürlich schreiben wir auch unendlich viele SMS. In den letzten acht Jahren hat sich ihre Zahl mehr als verfünffacht, auf über 20 Milliarden Mitteilungsschnipsel. Selbst Angela Merkel gilt als emsige Simserin, die es inzwischen gelernt hat, Smileys grinsen zu lassen und T9 zu benutzen – wobei sie in einem Interview zugegeben hat, dass sie nicht blind und unauffällig unter dem Konferenztisch schreiben kann. Zwei Milliarden Handys weltweit sind mit dem Wörterlexikon ausgestattet, von Herstellern wie Nokia, Sony Ericsson oder Samsung. Bloß Motorola macht nicht mit, sondern arbeitet mit einer eigenen automatischen Worterkennung namens »iTap«. T9 gibt es in insgesamt 64 Sprachen, unter anderem in Baskisch, Isländisch, Swahili, Urdu und Walisisch. Woher das Handy seine Wörter hat? Ein Linguistenteam sucht Internetseiten aus, die für das jeweilige Land als Wortgrundlage taugen. Dazu mischen sie das Blabla aus Chaträumen, in denen die Menschen in einer ähnlichen Alltagssprache schreiben wie auf dem Handy. Eine Software erstellt dann aus allen Texten eine Hitliste der gebräuchlichsten Wörter. Letztendlich werden dann aber nur häufige Buchstabenfolgen auf dem Handy gespeichert, aus denen die Software später weitere Wörter bastelt. Das deutsche T9 verfügt über 42 000 Worteinheiten, im Englischen sind es 30 000 und im komplexeren Russisch sogar 110 000. Leider fallen bei dieser Methode auch gängige Begriffe mal unter den Tisch. In Schweden zum Beispiel traf es das durchaus gebräuchliche »nötkött« (Rindfleisch).

Lieber »Nazis« als »Ficken«
T9 ist gelehrig und von Hause aus keusch und brav. Es schreibt prinzipiell nichts Unanständiges – bis wir es ihm nicht persönlich beigebracht haben. Auf Anfrage der Handyhersteller und mit Rücksicht auf Kinder wurden alle Obszönitäten aus dem T9-Grundwortschatz gestrichen. Wer also will, dass »Fick dich« beim Tippen sofort auf dem Display erscheint, muss es selbst speichern. Die Lernfähigkeit von T9 ist nur durch den Handyspeicher begrenzt – Marktforschungsstudien von Tegic haben allerdings ergeben, dass der Speicher bei Nutzern um die 16 Jahre innerhalb kürzester Zeit ausgereizt ist. Was jugendkritische Nörgler schocken dürfte: Das T9-System erkennt gängige Schreibfehler als richtig an. Absichtlich. So soll der Frustfaktor beim Tippen gemindert werden. »Assozial« akzeptiert das System sofort. Und überhaupt ist es nicht ganz politisch korrekt. Zumindest erregte sich der SPIEGEL darüber, dass T9 Wörter wie »Adolf Hitler«, »Gaskammer«, »Auschwitz« und »Euthanasie « kenne. Tatsächlich erscheint, wenn man »Maxi« tippen will, zuerst das Wort »Nazi«.

Alles wird besser
Mit T9-Nachfolger namens XT9 kommt gerade eine neue Generation automatischer Worterkennung auf den Markt, die noch schlauer und besserwisserischer ist als bisher. Sie wird Tippfehler nicht einfach hinnehmen, sondern automatisch korrigieren. Auch angefangene Wörter vervollständigt sie von allein. Die Zukunft gehört aber der automatischen Spracherkennung, SMS werden dann diktiert statt getippt. Die Menschen in Cafés und die Bürogenossen werden also nicht mehr gebannt auf dem Handy herumdrücken, sondern ihm laut und deutlich vorsprechen: »Hast – du – Milch – gekauft?« Oder: »Wir – sehen – uns – um – acht. Viele – Küsse.« Wer die Vorstellung gruselig findet, kann sich mit einer Aussicht trösten: Zumindest wird man endlich sein Handy anschreien können, wenn es wieder ein Wort nicht erkennen will.

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Kommentare

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  • Make some noise peeps!

    Prinz William und Kate Middleton lernen bei einem Besuch in Australien das DJ-Handwerk - und sie sind nicht allein. Eine Auswahl des Grauens.

  • Wie siehst du das, Jörg Brüggemann?

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