Einer stinkt immer
Ich wohne in einer WG, vier Leute in vier Zimmern: Berndhard, Hilke, Milli, ich selber.
Ich wohne in einer WG, vier Leute in vier Zimmern (ohne Bad und Küche, natürlich): Berndhard, Hilke, Milli, ich selber.
Bernhard ist ein Zwölfjähriger in einem einmeterfünfundneunzig großen Körper. Als er sich hier vorgestellt hat und klar war, dass er das Zimmer bekommt, musste es vorm Einzug noch seine Mutti angucken. Die hat dann alles mit Argusaugen inspiziert und sich pikiert über den Preis beschwert, aber letztendlich ihre gnädige Zustimmung erteilt.
Bernhard spielt den ganzen Tag World of Warcraft und wenn man das Ohr an seine Tür legt, kann man hören, wie er Befehle gibt und Ratschläge erteilt. Offenbar ist er in der virtuellen Welt beliebt. In der wirklichen Welt hingegen kommt nur manchmal ein 15jähriger Asiate vorbei, um mit ihm wahlweise Wii oder Yu-Gi-Oh zu spielen, oder wie das heißt. Dabei sieht er auf den ersten Blick gar nicht schlecht aus. (Auch wenn Peterchen gesagt hat, dass er schlecht angezogen ist, allein die Farbkombination, da würde man doch schon blind. Peterchen hat auch mal ein Jahr hier gewohnt. Er war seinerzeit 19 und sehr putzig und nach eigener Angabe adrett, aber das ist eine andre Geschichte.) Jedenfalls sieht Bernhard gar nicht so schlecht aus, aber er riecht sehr unangenehm. Nach Klamotten, die wochenlang nicht gewaschen wurden, und nach seinem Zimmer, das nie gelüftet wird und das so riecht wie ein Zimmer, in dem jemand 15 Stunden am Tag Computer spielt. Selbst seine frisch gewaschene Wäsche stinkt. Milli hat mal gesagt, dass wahrscheinlich das Waschmittel und sein Körpergeruch eine unselige Allianz eingegangen sind.
Besonders widerlich ist seine Angewohnheit, sich nicht die Hände zu waschen, nachdem er auf dem Klo war. Vor allem, wenn er danach schnurstracks zum Kühlschrank marschiert. Als wir das bemerkt haben, hat Milli aufgehört, mit ihm zu reden, sie hat strikt was gegen alles, das unhygienisch ist. Ich hab ihn zusammengestaucht und er gelobte Besserung. Keine Ahnung, ob es wirklich was gebracht hat. Milli wischt jetzt jedenfalls regelmäßig die Türklinken ab. Eine Freundin hat dazu gesagt: "Tja, so ist das eben. Einer in der WG ist immer der Arsch."
Komischerweise kann er gut tanzen, aber das macht ihn nur noch unattraktiver, denn wenn wir von „tanzen“ reden, ist „Diskofox“ gemeint. Er geht in die Spießerstudenten-Disko und schwenkt die Mädchen mit Bravour herum und sie sind auch erstmal ganz hingerissen, weil er ja nicht hässlich ist. Aber dann dauert es gar nicht lange und sie merken, dass sie ihn doch nicht näher kennen lernen wollen. Vermutlich passiert das in dem Moment, in welchem er das erste Mal vor Freude auf und ab springt und mit den Händen wedelt.
Damals, als wir noch WG-Spieleabende gemacht haben, wollte er immer um jeden Preis gewinnen. Sogar bei Traumtelefon, das Milli mal zum Spaß aus ihrem alten Kinderzimmer mitgebracht hat, ist er sauer geworden. Peterchen hatte aus Versehen den richtigen Mann geraten und deshalb gewonnen, obwohl er, Bernhard, doch GERADE EBEN durch geschicktes Kombinieren und logisches Denken auf die richtige Lösung gekommen ist.
Hilke ist fleißig und sehr aktiv. Gepflegtes Rumliegen ist nichts für sie. Gott sei Dank lässt sie einen damit in Frieden und fragt nur einmal, ob man mitkommt auf die 50 km-Fahrradtour.
Von ihrem Freund redet sie gern in Babystimme und sie nennt ihn auch so, „mein Freund“, obwohl ich ihn schon fünfmal gesehen habe. Der ist übrigens ein konservativer Hardcore-Christ, der ihr „einmal aus Versehen in den Arsch getreten hat“.
Sie hört System of a Down und nennt es Metal. Sie findet melodischen Metal gut, aber dieser schreckliche Metal, wenn alle nur auf der Bühne stehen und Krach machen, das kann doch wohl jeder, echt jetzt, das hat doch mit Musik nichts zu tun.
Hilke hat Chemie studiert und deshalb weiß sie alles besser, als alle andern Menschen: die Pille hat gar keine Nebenwirkungen, schließlich nimmt sie die schon seit acht Jahren; Schlagermusik ist total super; beim Zwiebelschneiden muss sie nie weinen, weil sie Kontaktlinsen trägt; Nasenringe sind cool, aber Tätowierungen sind hässlich; Lena Meyer-Landrut ist total cool usw.
Während nun also Hilke und Bernhard ganz schön doof sind, ist Milli lediglich nicht ganz dicht. An die Wand neben der Toilette hat sie lustige Ausschnitte aus der „Welt“ geklebt, damit man was zu lesen hat beim Kacken. („Beim Kacken“ würde sie selber aber so nie sagen. Genauso wie sie ungern über Sex redet, sich aber geduldig anhört, was ich in dieser Hinsicht zu sagen habe. Und die Texte sind gar nicht richtig lustig.)
Wenn man was isst, was sie nicht kennt zeigt sie mit dem Finger drauf und ruft: „Äääh, was isst DU denn da?“ Wenn das Essen ihrer Meinung nach appetitlich aussieht, löchert sie einen, ob sie mal kosten darf, und ruft danach erst: „Ääääh, was isst DU denn da?“ Hat ein Kleidungsstück einen winzig kleinen, popligen Fleck zeigt sie mit dem Finger drauf und sagt: „Du bist da schmutzig.“ Bemerkenswert ist das, weil sie nämlich sonst total kurzsichtig ist. Zumindest erkennt sie einen nie, wenn man ihr auf der Straße oder in der Uni über den Weg läuft.
Wenn man irgendwas anhat, was sie hässlich findet, sagt sie einem das sofort und ohne Umschweife, tut aber immer so, als wäre das gar keine böse Absicht und sie meint das doch gar nicht so. Sie ist außerdem tödlich beleidigt, wenn sie selber was Hässliches anhat und man ihr das mitteilt. Dann fiept sie: „Du bist soo gemein!“
Ansonsten ist Milli ein Goldstück und ich wüsste gar nicht, was ich ohne sie machen sollte.
Wenn man die anderen fragen würde, würden sie über mich wahrscheinlich Folgendes sagen:
Sie lässt immer alles rumliegen und räumt nie auf. In ihrem Zimmer sieht es aus, wie bei Hempels unterm Sofa und sie ist entsetzlich faul. Sie sagt immer, sie hat keine Zeit, sie muss was für die Uni tun, aber dann spielt sie bloß GTA SA oder Anno 1404, ist also kaum besser als Bernhard. Sie ist Hypochonder und nimmt ständig irgendwelche Tabletten. Sie nervt einen mit den ständigen Vermutungen bezüglich der Krankheiten die sie hat und mit ihren Beschwerden über ihre Figur. Auch wenn sie findet, sie wiegt zu viel, macht sie keinen Sport, denn sie ist… s.o. Sie ist ziemlich laut, vor allem früh morgens, wenn alle anderen noch schlafen. Sie schläft dauernd bei mir auf der Couch ein (Milli), lässt sich nichts sagen und ist immer dagegen (Hilke) und will mich nie drücken (Bernhard)."Wichtige Links zu diesem Text"
Yu-Gi-Oh!
Traumtelefon






Kommentare
Bemerkenswerte WG - bei aller Inhomogenität scheint ihr ein ausgewogener kleiner Haufen zu sein.
18.07.2010, 03:50 von flughund@[Benutzer gelöscht] Oh man, wahrscheinlich hast du recht! :-o
03.06.2010, 18:58 von Lenulitschka