House_AB 14.02.2018, 22:18 Uhr 3 8

Einer denkt, der andere atmet

Und gerade weil ich im Moment außer Atmen nicht viel mache, ist dieser Pickel äußerst seltsam.

Ich habe einen Pickel. Genau zwischen den Augenbrauen. Wenn man nicht richtig hinsieht, könnte man meinen, ich wäre Hindu und es wäre dieser Punkt, den die sich aufmalen. Das dritte Auge, das mehr wahrnimmt, als man mit bloßem Auge sehen kann. Man erlangt damit ein höheres Bewusstsein. Das klappt mit einem Pickel leider nicht. Ein Pickel in dieser Größe heißt bei mir meistens nur eins: ich treffe jemanden, den ich eigentlich beeindrucken will, fühle und benehme mich aber stattdessen wie eine pubertierende 14-jährige, weil ich mir die ganze Zeit vorstelle, wie dieser jemand auf meinen Pickel starrt und sich fragt, ob dieser bereits als eigenständiges Lebewesen gilt und möglicherweise einen Pass beantragen muss. Und wenn ja, wo? Gibt es eine Behörde für Pickel?

Früher korrelierte das Auftreten dieser Pickel immer mit dem einmal wöchentlich stattfindendem einzigen Schulfach, das ich zusammen mit dem Typen hatte, in den ich haltlos verknallt war. Und je größer der Pickel, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er mich ansprach oder, noch schlimmer, wir irgendeine Gruppenarbeit zusammen machen mussten. Letzteres passierte leider ständig. Der Typ war nämlich so dumm wie drei Meter Feldweg wohingegen ich Lesen konnte UND in seiner Nähe saß, was mich in den Augen des Lehrers automatisch zur perfekten Teampartnerin machte  — einer denkt, der andere atmet. Wobei das Denken in seiner Anwesenheit immer sehr schwierig war. Er hat nämlich auch sehr laut geatmet.

Nachdem mein Gehirn meinen präfrontalen Kortex allerdings irgendwann nicht mehr hormonell überflutet hat und ich wieder logisch denken konnte, wurde mir schnell klar, dass dieser Typ, der mich unter anderem mal völlig verdutzt gefragt hat, warum Brasilien dieses Mal gar nicht bei der Europameisterschaft dabei ist, nicht der richtige für’s Leben ist. 

Und jetzt bin ich in einer Beziehung, wo ich den Atmen-Teil übernehme und der Supernerd von Informatiker-Freund das Denken macht und mit wichtigen Leuten bei BMW telefoniert und sicherstellt, dass die weltweite Produktion mit 10 hoch 100.000 Einzelteilen fehlerfrei abläuft, während er in Boxershorts vor’m Computer sitzt, Gummibärchen isst und in seinem Online-Empire die Steuern seiner Statdbewohner einsammelt. 

Und gerade weil ich im Moment außer Atmen nicht viel mache, ist dieser Pickel äußerst seltsam. 

Ich warte daher die ganze Zeit darauf, dass irgendjemand auf einmal vor der Tür steht und auf mein drittes Auge starrt, als es tatsächlich an der Tür klingelt. Davor steht unser Nachbar mit Kurt dem Zweiten, seinem Mops, der eine rot-weiße Weihnachtsstrickweste trägt, obwohl wir Oktober haben, und keuchend an meinen Stricksocken schnüffelt. 

„Die hättest du wohl gerne, was? Dann wäre dein Outfit komplett!“, sage ich scherzhaft zu Kurt, der sich daraufhin sofort hinter seinem Herrchen versteckt, dessen Namen ich nicht weiß. Nennen wir ihn Vladimir. Er kommt aus Russland. Jener starrt mich so feindselig an, als hätte ich diese Socken höchstpersönlich seinem Cousin dritten Grades geklaut, der deswegen barfuß im Krieg kämpfen musste. 

„Haben Sie Heizung!“, böllert er mich an und ich versuche basierend auf seiner russisch-lebhaften Mimik herauszufinden, ob es sich dabei um eine Frage, einen Vorwurf oder eine Beleidigung handelt, während er meinen Pickel taxiert und dabei die Augen zusammenkneift, als würde er versuchen, einen höheren Bewusstseinszustand zu erreichen.

„Ähm“, sage ich und bereue es direkt, denn Vladimir hält das für ein deutsches Fremdwort, was er nicht versteht und ich absichtlich benutze und das macht ihn aggressiv. „Also wir haben eine Heizung und äh die funktioniert auch?“, antworte ich schnell etwas zögerlich.

„Kurt kalt! Kurt bleiben bei dir! Kann?“, ruft Vladimir und schiebt den widerspenstigen Kurt über die Türschwelle.

„Klar“, sage ich, aber Vladimir ist schon halb die Treppe herunter und ruft irgendetwas auf Russisch.

10 Minuten später sitzen der keuchende Kurt und ich auf dem Sofa und beobachten meinen Freund, der irgendjemandem bei BMW zum dritten Mal erklärt, wie irgendeine Formel funktioniert, die das Maximalgewicht eines bestimmten Modells berechnet, während er gleichzeitig online Poker spielt. 

Und während ich mich frage, ob ich bei dieser neuen Konstellation eher ein denkendes oder atmendes Teammitglied bin, merke ich, wie Kurt hechelnd und gedankenverloren auf meinen Pickel starrt. 

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3 Antworten

Kommentare

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    Lässt sich total gut lesen. Danke fürs Lächeln ins Gesicht zaubern. :) 

    19.02.2018, 15:51 von _Jubilee_
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    Hehe, klingt wie pesada.
    Sehr amüsanter Schwank aus deinem Leben!

    15.02.2018, 20:58 von Gluecksaktivistin
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    Gut geschrieben und am Ende musste ich doll schmunzeln. :)

    15.02.2018, 09:23 von Fin_Fang_Foom
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