AnnaEcke 30.11.-0001, 00:00 Uhr 66 62

Eine nachbarschaftliche Aversionskonstante

Alles, was mit einem uneingeladenen Finger auf meiner Türklingel beginnt, lässt den Teufel in mich fahren.

Ich habe einen Umzugsfetisch. Genauer: Ich ziehe nicht nur gerne, sondern auch oft um. Andere Leute fahren in den Urlaub, kaufen sich Handtaschen, Flatscreens oder eine Eigentumswohnung. Ich ziehe um und wohne.

Wenn man oft umzieht, hat man einen hohen Nachbarschaftsverschleiß. In 13 Jahren komme ich auf 16 Umzüge. Da ich noch nie ein Zweifamilienhaus bezogen habe, sondern eher Mehrfamilienhäuser mit durchschnittlich sechs bis zwanzig Mietparteien bevorzuge, komme ich in 13 Jahren auf durchschnittlich 169 innerhäusige Nachbarschaftsparteien. Kalkuliert man nun mit ein, dass zwei Drittel dieser Nachbarschaftsparteien keine Singlehaushalte darstellen, sondern Paare, Wohngemeinschaften oder Familien beherbergen, potenziert sich die 169 um einen Wert, der sich mir - als selbsternannter Mathelegastheniker - vollkommen entzieht. Aber aus reiner Willkür beschließe ich jetzt einfach mal, dass ich in den letzten 13 Jahren mindestens 500 Nachbarn gehabt haben muss. Und ich spreche hier nur von den Menschen, mit denen ich das Dach geteilt habe. Nicht von denen, mit denen ich Hauswand an Hauswand oder von Fensterangesicht zu Fensterangesicht gewohnt habe.

Ich bin ein geselliger Mensch. Wenn (!) mir nach Geselligkeit ist. Wenn mir nicht nach Geselligkeit ist, bin ich zu Hause.

Und ich bin oft zu Hause.

Ein Cliquenkind bin ich nie gewesen. Stattdessen trage ich schon immer das imaginäre Einzelgängerkrönchen - mal mit mehr, mal mit weniger, mal gänzlich ohne Stolz - auf meinem Schädelchen spazieren.

Mein Einzelgängertum unterliegt im Hinblick auf Freundes- und Bekanntenkreise dem exakt gleichen Muster wie meine Wohnhaftigkeit:

Ich mag es, wenn ich die Option (!) zur Geselligkeit habe. Wenn ich weiß, dass ich Gisela auf ein Schnittchen, Rudolf auf ein Weinchen und Cordula auf einen Spaziergang an der Ruhr treffen kann, esse, trinke und spaziere ich tatsächlich liebend gern alleine. Haben aber Gisela, Rudolf und Cordula allesamt keine Zeit oder Lust, sich mit mir zu verdingen, sitze ich mit Flunsch auf meinem Sofa rum und wäre tatsächlich furchtbar gern sehr gesellig.

Soll heißen: Ich bin ein Optionseinzelgänger. Nur, weil ich gut und gerne alleine sein will und kann, bedeutet das nicht, dass ich auf Freunde und/oder Bekannte verzichten wollte oder könnte.

Und genauso verhält es sich in Punkto Wohnen.

Ich wohne gerne in stark besiedelten Gegenden. Ich hab den Krach auf der Straße gern. Ich finde es schön, wenn ich beim Blick aus dem Fenster nicht nur die Äste in den Bäumen in Bewegung, sondern Hinz und Kunz auf dem Weg von A nach B sehen kann. Ich freu mich sogar über Weihnachtsdekorationen in nachbarschaftlichen Fenstern, wenn sie nicht allzu geschmacklos daherkommen. Ich bin ein großer Fan von guten bis hervorragenden Infrastrukturen, ich quetsche mein Auto gerne in Kleinstparklücken, um mir einmal mehr zu beweisen, dass ich eine großartige Rückwärtseinparkerin bin, und ich amüsiere mich gerne über die Alkoholgesänge nächtlicher Passanten, die mir den einen oder anderen unlängst vergessenen oder verdrängten Gassenhauer ins kopfkissengebettete Ohr grölen. Ich nicke dem Herren, von dem ich nicht genau weiß in welchem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite er wohnt, gerne zu, wenn wir beide zeitgleich in unsere Autos steigen und ich winke von Herzen gern zurück, wenn die Omma von gegenüber zwischen ihren Rüschengardinen hindurch ihre zittrige Hand zum Gruße hebt.

Ich wohne gerne mittendrin.
Aber ich habe auch gerne meine Ruhe.

Okay, das ist untertrieben.

Ich habe nicht einfach nur gerne meine Ruhe. Ich WILL eine ABSOLUTE Ruhe. Wer mir jetzt nahelegen will, dass ich doch dann besser aufs Land, in den Wald, in die Einöde oder unter Tage ziehen möge, hat offensichtlich schlicht kein Herz für Ambivalenzen.

Alles, was sich vor meinen Fenstern oder vor meiner Wohnungstür abspielt, ist gut und recht, erfreut mich in meiner Wohnhaftigkeit und rinnt wie Öl auf meine Stadtkindseele.

Alles, was mit einem uneingeladenen Finger auf meiner Klingel beginnt, lässt hingegen den Teufel in mich fahren.

Ich habe eine ausgeprägte "Es hat geklingelt"-Aversion, wenn ich niemanden eingeladen habe, der dann folglich zum verabredeten Zeitpunkt klingeln sollte, um sich bemerkbar zu machen.

Nicht dunkel, sondern strahlend hell erinnere ich mich an Kindheitstage, in denen meine Mutter, wenn es unerwartet an der Haustür klingelte, durch die Wohnung rief: "Anna, schlag mal eben die Kissen auf!", damit der ungebetene Gast nicht mit Blick auf ein "ungemachtes" Sofa in der Wohnungstür stehen musste.

Möglicherweise hat dies meine Türklingelsozialisierung beträchtlich geprägt, denn die Kissen schlug ich in solchen Momenten natürlich stets nur mit einem gewissen Unwillen auf, da es sich mir einfach nicht erschließen wollte, warum ein Türklingler nicht ein Sofa in Augenschein nehmen sollte, das aussah wie Sofas, auf denen man sitzt, nun mal eben aussehen.

Wahrscheinlich bin ich also astrein konditioniert. Auf "Es klingelt ohne Ankündigung" folgt schlicht "Ablehnung".

Und da in solchen Momenten wie bereits erwähnt der Teufel in mich fährt, handelt es sich natürlich um eine besonders ausgeprägte Form von Ablehnung, die sich in den vergangenen 13 Jahren angesichts exakt geschätzter 500 Nachbarn mitnichten abschwächt, sondern sich vielmehr zu einer Aversionskonstante maximaldiabolischen Ausmaßes mausert.

Zur Veranschaulichung im Folgenden nun meine TOP 2 dieser Aversionskonstante:

TOP 2:
Ich liege in der Badewanne. Ich liege selten in der Badewanne. WENN ich mal in der Badewanne liege, dann habe ich einen guten Grund. Liebeskummer (ich will mich ertränken, zumindest vielleicht), Krankheit (Magenkrämpfe, denen mit der Wärme einer Heizkissen-Wärmflaschen-Dinkelkissen-Convention einfach nicht mehr beizukommen ist), allgemeine Lebensängste (wenn es Todesängste gibt, gibt es auch Lebensängste) und Ähnliches. Ich liege also nicht einfach nur mal so aus Spaß in der Wanne. Dafür bin ich einfach nicht der Typ. Das Gleiche gilt für Entspannung. Denn dafür bin ich auch nicht wirklich der Typ.
Ich liege also in der Badewanne mit allgemeinen Lebensängsten UND Magenkrämpfen, da ich im Wettkampf der Psychosomatiker jederzeit und überall den ersten Platz belegen würde.

Es klingelt. Ich spiele toter, nasser Hund.
Es klingelt. Ich spiele toterer, nasserer Hund.
Es klingelt. Ich spiele totester, nassester Hund.
Es klingelt. Der Teufel fährt in mich.
Es klingelt. Der Teufel dreht meinen Kopf Richtung Wohnungstür und sendet Todesblickpfeile aus.
Es klingelt. Der Teufel hat einen höflichen Tag und brüllt "Jetzt bitte nicht!"
Es klingelt Sturm. Der Teufel springt aus der Wanne, wirft sich in mein Handtuch und dabei versehentlich Dinkelkissen und Wärmflasche vom Waschbeckenrand in das Mach-die-Haut-schön-Badewasser, springt von der Badematte mit anderthalb Sätzen bis zur Wohnungstür, reißt diese auf und brüllt: "Waaaaaaaaaas?" in Frau Beckers Gesicht. Denn genau die steht dort auf der Fußmatte.

"Ich fordere Mietminderung!"
"Hä?"
"Ich fordere Mietminderung!"
"Aha. Und jetzt?"
"Das wollte ich Ihnen sagen."
"Aber WARUM wollten Sie MIR das sagen?"
"Weil es Sie betrifft!"
"Aber ICH kann doch IHRE Miete nicht mindern!!"
"Aber wegen IHNEN will ich, dass meine Miete gemindert wird."
"Wegen MIR?"
"Ja, wegen Ihnen."
"Aber was habe ICH denn mit IHRER Miete zu tun?"
"Sie beeinträchtigen meine Ruhe."
"Bitte WAS?!"
"Sie sind so laut."
"Ich bin nicht laut."
"Doch."
"Bin ich nicht."
"Wollen Sie sagen, dass ich lüge?!"
"Wenn Sie sagen wollen, dass ich laut bin??!"
"Ja, das will ich sagen."
"Dann sage ich, dass Sie lügen."
"So etwas lasse ich mir nicht unterstellen."
"Gleichfalls. Frau Becker, vielleicht tun Sie uns beiden den Gefallen und erklären mir einfach mal womit ich denn genau Ihre Ruhe störe?!"
"Sie sind laut."
"Frau Becker, höre ich laut Musik, klappere ich mit Töpfen, schreie ich meine Pflanzen an? Was hören Sie denn so Lautes von mir?"
"Ich höre Sie laufen."
"Durch die Wohnung?"
"Ja. Sie laufen laut."
"Ich laufe laut? Wollen Sie sagen ich STAMPFE?"
"Ich will sagen, dass Sie laut laufen. Und deshalb verlange ich eine Mietminderung."
"Frau Becker, ich laufe nicht laut."
"Doch. Sie tragen Stöckelschuhe. Und die sind auf diesem Laminatboden, den Sie ja unbedingt legen lassen mussten, erst recht laut."
"Ich habe keine Stöckelschuhe."
"Aber natürlich. Ich weiß doch was ich höre."
"Und ich weiß was ich für Schuhe habe, Frau Becker. Außerdem bin ich ein Sockenkind. Immer gewesen. Ich komme zur Tür rein und ziehe meine unstöckeligen Schuhe aus. Und dann bewege ich mich in der Wohnung auf Socken."
"Sie lügen."
"Wie bitte?"
"Sie sprechen nicht die Wahrheit."
"Aber sehr wohl."
"Ich jedenfalls werde eine Mietminderung erwirken."
"Ja, bitte, gerne. Mir persönlich macht es nichts aus, wenn Sie weniger Miete zahlen."
"Jetzt werden Sie nicht frech, junge Frau."
"Frau Becker, ich finde Sie ein wenig frech, wenn Sie mir Lügerei unterstellen."
"Ich muss doch sehr bitten."
"Ich auch. Und zwar bitte ich Sie jetzt rein. Ich zeige Ihnen jetzt meine Schuhe."
"Ich will Ihre Schuhe aber nicht sehen."
"Das kann ich mir denken. Dann sehen Sie nämlich, dass ich keine Stöckelchen habe."
"Für mich ist diese Unterhaltung jetzt beendet. Guten Abend."
"Den wünsche ich Ihnen auch, Frau Becker. Genießen Sie ihn. Ich schätze, morgen muss ich mir unbedingt ein Paar Stöckelschuhe kaufen. Es könnte also ab morgen etwas lauter werden als bisher, ja?!"

TOP1:

Ich habe die Grippe. Nicht irgendeine, sondern die Grippe, die einen an gefühlte Todesschwellen katapultiert. Die Grippe, die mir selbst das obligatorische "Ich bin krank - ich darf jeden Scheiß im TV gucken, um konstant verbräst vor mich hindösen zu können" durch ihre Anwesenheit schlicht versaut. Die Grippe, die nach Leberwurst-auf-Toast-Häppchen schreit, ohne dass sich von diesem Geschrei jemand angesprochen fühlen würde. Als Single liegt man mit der klassischen Todesschwellengrippe nämlich ganz schön doof rum. Da kommt keiner Köpfchen tätscheln, Schnittchen machen oder Teechen kochen. Die 100 Salbeitees mit Honig, die ich vielleicht gerne trinken würde, trinke ich nicht, weil ich zwecks Zubereitung in die Küche kriechen müsste, was in Anbetracht meiner Gliederschmerzen völlig illusorisch daherkommt. Es reicht schon, wenn ich mich alle paar Stunden völlig kreislaufbehindert aufs Klo hieven muss, nur um erneut festzustellen, dass man tatsächlich SO krank sein kann, dass die bloße Berührung der Keramik die Haut schmerzen lässt. Das wissen nur die wenigsten, aber Todesschwellengrippen gehen nicht nur mit Glieder- sondern auch mit Hautschmerzen einher. Und wenn man erstmal an diesem Punkt angelangt ist, dann schaut meist auch noch der Herpes-Gott vorbei. Der Herpes-Gott ist bekanntlich ein böser, böser Arsch. Aber da ich das weiß, bin ich vorbereitet und horte Strohhalme. Denn mittlerweile ist mein Mund derart herpesverkrustet, dass ich keine Flasche, kein Glas und auch kein Schnabeltässchen mehr an meine Lippen führen kann. Schlimmer noch: Während ich mich um den Verstand huste, platzen mir die Krusten in einer Tour immer und immer wieder auf. Ich bin das aufs Sofa gebettete Gesamtelend.

Es klingelt.

Da ich nicht damit rechne, dass dort ein Mensch stehen wird, der mit Toastbrot, Kalbsleberwurst im Golddarm und einer mobilen Massagepraxis ausgestattet seinen Finger auf meine Klingel drückt, um mir Gutes zuteil werden zu lassen, zeige ich der Klingelei gedanklich einmal kurz den Vogel und röchele einen den Umständen angemessenen Schmerzenslaut hervor.

Es klingelt.

Es klingelt.

Es klingelt.

Ich habe nicht genug Kraft und Finger um all die Vögel zu zeigen, die ich gerne zeigen möchte.

Es klingelt.

Wenn ich nicht befürchten müsste, dass mir wieder meine Herpeshorde aufplatzt, würde ich mich wahrscheinlich in einer Verzweiflungslachsalve ergehen.

Es klingelt.

Der Teufel fährt nicht in mich. Würde ich an seiner Stelle bei meinem Herpesmaul auch nicht.

Es klingelt Sturm.

Ich will weinen. (Mach, dass es aufhört!)

Es klingelt immer noch Sturm.

Ich weine. (Mach, dass es aufhört! BITTE?!)

Es klingelt. Sturm. Natürlich. Es hört nicht auf. Danke.

Vielleicht liegt es am Fieberwahn, aber mir kommt ein beängstigender Gedanke, dem ich rückblickend vorwerfen muss, dass er mal wieder von mir selbst auf andere schloss: Wenn ICH bei jemandem DERART penetrant schellen würde, müsste es sich dabei eindeutig um einen Hilfeschrei in Anbetracht von vollzogener oder massiv drohender Vergewaltigung, schwerer Körperverletzung oder gar um den Tod handeln. Und plötzlich bin ich mir sicher: Jemand leidet, jemand braucht Hilfe, jemand ist verzweifelt, jemand ist auf mich angewiesen, jemand muss gerettet werden.

Will ich später, wenn das Opfer von der Straße geklaubt wird, sagen müssen: "Ich konnte nichts tun. Ich hatte die Grippe."?

Also schleppe ich mich unter der unerbittlichen Dauerbeschrillung zur Gegensprechanlage und krächze schwachbronchig in den Hörer.

"Ja?"
"Frau Eckääää?"
"Ja?"
"Sind Sie Frau Eckääää?"
(Ich bekomme Angst. Jemand, der Hilfe braucht, klingt anders.)
"Ja."
"Ist das Ihr Auto da drei Straßen weiter?"
"Hä?"
"Ich frage, ob das Ihr Auto ist? In der Straße mit dem Seniorenheim?"
"Weiß ich nicht."
"Sie wissen nicht wo Ihr Auto steht?"
"Doch."
"Ja, also ist das jetzt Ihr Auto oder nicht?"
"Ich weiß doch nicht, welches Auto Sie meinen."
"Na, Ihr Auto."
(Ich möchte wieder weinen.)
"Na, wenn Sie schon wissen, dass es mein Auto ist, warum fragen Sie denn dann?"
"Ich weiß doch gar nicht, ob es Ihr Auto ist."
(Ich möchte wirklich weinen.)
"Ich verstehe Ihr Anliegen nicht richtig. Laufen Sie hier grad die Nachbarschaft ab und fragen jeden, ob DAS sein oder ihr Auto ist?"
"Ich verstehe Sie so schlecht..."
"Und ich Sie erstmal..."
"Hallo? Das kommt so undeutlich durch die Sprechanlage."
(Nein, das kommt undeutlich durch meine Herpeshorde, Du Arsch!)
"Was wollen Sie denn jetzt von mir?"
"Also wenn das Ihr Auto ist, dann müssen Sie es wegfahren."
(Ich bin zu schwach, um Salbeitee zu kochen. Ich fahr doch heute nix weg!)
"Warum?"
"Weil ich einen Container aus der Ausfahrt auf der anderen Straßenseite heben muss."
"Haben Sie das Kennzeichen von dem Auto, das dafür weg muss?"
"Nein."
"Ich soll jetzt runterkommen, drei Straßen weit laufen und dann gegebenenfalls feststellen, dass es sich gar nicht um mein Auto handelt?"
"Doch. Das ist Ihr Auto."
"Verarschen Sie mich?"
"Frau Eckäää, fahren Sie bitte Ihr Fahrzeug weg!"
"Wer sind Sie denn überhaupt? Sind Sie von der Polizei?"
"Fahren Sie bitte Ihr Fahrzeug weg."
"WER? SIND? SIE?"
"..."
"Hallo?"
"..."
"Äh...hallooo?"
"..."

Mein Kreislauf schwächelt. Scheiß-Single-Kacke. Und wenn ich für nix eine Beziehung haben möchte, jetzt möchte ich eine haben. Damit der Kerl das Auto, das vielleicht meins ist, umparkt und auf dem Rückweg eine Supermarkttüte trägt, in der ich dann zu Recht Toastbrot und Co. vermuten könnte.

Ich schleppe mich zurück zu meinem Totenlager. Während ich meinen Kopf auf die Kissen bette, kehrt mentale Unruhe ein.

Was, wenn es sich wirklich um mein Auto handelt?
Was, wenn das kein ausgebrochener Irrer war?
Was, wenn das doch ein käuziger Polizist war?
Was, wenn ich ein Sonderparkverbotsschild übersehen haben sollte?
Was, wenn man mein Auto letzten Endes noch abschleppt?

Ich zürne dem Teufel, der mich heute so grausam im Stich lässt, und rapple mich auf.

Schuhe an, Mantel über Schlafanzug, Schal um, Mütze auf.

Ich wanke die zwei Stockwerke herunter, öffne die Haustür und suche den Irren. Niemand in Sicht.

Was, wenn man mich doch verarscht hat?

(Mir tut alles weh.)

Was, wenn nicht?

Ich wanke die Straße entlang. Und die nächste. Und die übernächste.

Dann sehe ich ein "Container-Heb-Auto". Und dann sehe ich mein Auto.

Man hat mich nicht verarscht.

Aus Schamgründen drapiere ich vorsichtig den Schal vor meiner Herpesbastion, mache vor dem Fahrerhäuschen des Container-Heb-Autos Halt und bedeute dem Fahrer, sein Fenster herunterzukurbeln.

Mit dem ersten Sprechspalt nölt er mir ein "Das hat aber ganz schön gedauert, junges Frollein." entgegen.

Wäre der Teufel kein Herpesabstinenzler, hätte ich jetzt Gift und Galle gespuckt.

"Woher wussten Sie, dass das mein Auto ist?"
"Was?"
"Woher Sie wussten, dass Sie bei mir klingeln mussten? Nur weil hier ein Auto steht, das weg muss, können Sie doch nicht urplötzlich wissen, wem es gehört. Und erst recht nicht, wo dieser Jemand wohnt."
"Das weiß ich von Ihrem Nachbarn."
"Von welchem?"
"Der wohnt wohl bei Ihnen im Erdgeschoss. So'n kleiner, dicker Rentner."
"Alles klar."

Meine Frustwut verlagert sich schlagartig.

Während ich mein Auto wegfahre, mobilisieren sich Kräfte in mir, von denen ich - zumindest in diesem Ausmaß - nichts geahnt hatte. Ich will morden.

Mein Auto steht drei (DREI!) Straßen weit von meiner Wohnung entfernt. Wieso weiß mein Rentnerklops von einem Nachbarn, dass es da steht? Und wie kommt er dazu, das dem Container-Heb-Mann mitzuteilen? Und wie sind die beiden überhaupt ins Gespräch gekommen? Rennt der Rentnerklops tagein tagaus die Straßen auf und ab und merkt sich wer wo parkt und brüllt dann "Wenn einer wissen will, wem welches Auto gehört und wo der wohnt, dann einfach mich fragen!!!" durch die Gegend?

Es will sich mir einfach nicht erschließen, wie das praktisch stattgefunden haben muss. Dieser Informationsfluss überfordert mich nicht nur, er bringt zur Verzweiflung. Kann ich noch nicht einmal irgendwo verkehrsunwidrig parken, ohne dass ich auf dem Totenlager belästigt werde? Da stand nämlich weit und breit kein Sonderparkverbotsschild. Da stand überhaupt gar kein Schild!

Als ich zwanzig Minuten später endlich einen neuen Parkplatz gefunden habe, überlege ich, einfach im Auto sitzen zu bleiben, da es mir zu anstrengend erscheint, in meine Wohnung zurückzugehen. Ich bemitleide mich. Sehr. Dann mache ich mich auf gen Totenlager.

Im Treppenhaus fällt der Rentnerklops aus seiner Wohnungstür, just in dem Moment als ich sie passiere.

"Frau Ecke, haben Sie Ihr Auto weggefahren?"
"Ich möchte mich nicht unterhalten."
"Frau Ecke?"
"..."
"Frau Eckäää?"
"..."

Als ich mich erneut tee-, toast- und trostlos bette, bin ich sicher wie nie zuvor:

Auf "Es klingelt ohne Ankündigung" wird immer "Ablehnung" folgen.

Immer.

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66 Antworten

Kommentare

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    Herrlich geschrieben!

    Ich habe mich dabei durch die Straßen schleifen sehen. Optionseinzelgänger mit Hang zur Ambivalenz. Ich liebe den Großstadttrubel, brauche aber immer wieder die Möglichkeit zum Rückzug ins vertraute und ruhige Heim, in dem mich keiner zu stören traut. Ich öffne grundsätzlich nur die Tür wenn jemand sich telefonisch angekündigt oder ich Post zu erwarten habe. Und ok, wenn ich die Tür vom lieben Nachbar vorher gehört habe und dadurch weiß, wen ich erwarte. Ans Telefon geh ich auch nur wenn ich die Nummer zuordnen kann und ich Lust habe mit dem angekündigten zu kommunizieren.
    Jetzt kommt der Punkt, den viele nicht begreifen werden: Ich halte mich dennoch für sozial überlegen.

    Das einzige, was uns in der Handlung unterscheidet, ich bade unheimlich gerne und demzufolge leider viel zu oft. Manchmal täglich - dann aber nie mit voller Wanne!

    11.10.2012, 12:02 von Tora
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    zum glück wohnt mein 80jähriger und schwerhöriger vermieter unter mir...ich hör ihn öfter klavier spielen UND umpa umpa stadtl hören als er mitbekommt dass ich zuhause bin...

    herrlich frau eckÄÄÄÄ

    12.06.2010, 09:29 von muffbert
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    haaaahaaahaaa!! immer wieder tröstlich zu wissen, dass man in seinem elend nicht alleine ist. frau becker muss wohl mit dem ehepaar unter uns verwandt/verschwägert oder sonstwie verbrüdert sein. definitiv.

    08.04.2010, 08:58 von unicorna
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    saugut :)

    04.04.2010, 18:34 von Blaumachen
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    Sehr grandioser Artikel!
    Ich mache auch grundsätzlich die Tür nie auf, wenn ich keinen Besuch erwarte.
    Sehr amüsante Dialoge und eine gute Umschreibung zur bildlichen Vorstellung.

    02.04.2010, 10:59 von See_Emm_Why_Kay
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    habe schon lange nicht mehr so geschmunzelt! Verdammt guter Shit! Kompliment

    31.03.2010, 18:03 von PommesMitMayo
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    klingelt bei Dir auch immer der Postbote, obwohl er so gut wie nie Post für dich hat??!!

    31.03.2010, 00:52 von Hintersee
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    Was mir hier nicht gefällt, ist die lange, konzentierte Erklärungswut, die hier ausgelebt wird, bevor der witzige oder eigentliche Teil passiert.

    Das strapaziert über und verlockt zum Scrollen und Überspringen ganzer Absätze.

    Ich hatte beim Lesen das Gefühl, im Nacken gepackt und mit der Nase in eine bestimmte Richtung gestoßen zu werden, um auch auf keinen Fall etwas an den Beweggründen der Protagonistin falsch zu verstehen .

    Das bürdet dem Text ein Gewicht auf, das meiner Meinung nach nicht nötig ist, weil diese von dir geschilderte Aversionskonstante auch ohne einleitendes "ich bin"-Persönlichkeitsgedöns durch Sprachwahl und Ton absolut verständlich und nachvollziehbar ist.

    Nichtsdestotrotz wie immer gut an den richtigen Stellen!

    31.03.2010, 00:13 von frl_smilla
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