Ein Leben, wie es schreit.
Struktur, fester Halt, eine Frau, weniger Hirnscheiße und helfersyndromisierten Heldenmut.
Kaum noch Kraft, die Treppen empor zu steigen, schleppe ich meinen stumm schreienden Körper um die Ecke, in mein Domizil, mit Schuhen, direkt auf die Couch. Der Hunger frisst sich durch meine letzten langkettigen Fettreserven, die Leber langweilt sich, die Galle versteint, doch zu essen gibt es heute nichts. Meine Arbeitszeiten übersteigen die Öffnungszeiten der Lebensmittelgeschäfte und der Stolz flüstert mir leise ins Ohr: „Du kannst nicht ständig bei deinen Freunden essen.“
Die Post von letzter Woche liegt immer noch im Dreck vom letzten Monat. Doch ehe ich die letzten Kräfte mobilisiere, rafft es mich dahin.
Sekundenschlaf. Als ich wieder erwache von des Telefons nervigen geheule, sind gerade einmal zwanzig Minuten vergangen. Zwanzig Minuten, welche mir zwar oberflächliche Kapazitäten eröffnen, meine Laune jedoch mit einem heftigen Tritt gen Keller befördern. Entnervt, reibe ich mir die Spucke aus den Mundwinkeln, und streife den begeiferten Handballen an meiner Socke ab.
Innerhalb der nächsten zwei Minuten schaffe ich es, einen mich liebenden Menschen, mit genau drei Wörtern zu verprellen. „ja“, „vielleicht“, „egal“. Gespräch Ende. Mit einer schnellen Bewegung erfasse ich die Post, stecke meinen Zeigefinger in die Öffnung, im oberen Eck und zerreiße das Kuvert.
Erster Brief – 103,50 Euro und drei Punkte. Für läppische 26 zu viel, auf einer dreispurigen Autobahn!? Fuck off, denk ich mir und schmeiße den Bußgeldbescheid in Richtung Schreibtisch, welchen er verfehlt und auf dem Boden landet, bei den anderen noch nicht beglichenen, verworfenen Schuldscheinen.
Zweiter Brief - Einladung zur Hochzeit. Die vierte Hochzeit dieses Jahr. Ich erhebe mich und fühle dabei wie mein Gewicht meiner Kraft übermächtig wird, stolpere zur Pinnwand und pinne die Karte zu den anderen. Die Freude ist groß, genau wie der Frust, doch dieser ist bekanntlich dominanter. Durch den Kopf ziehen mir tolle Frauen, welche ich hatte, haben hätte können und haben würde wollen. Mit einem gleichgültigen Händewinken schiebe ich die offensichtlich zu nichts führenden Gedankengänge aus meinem Kopf, gehe vor die Tür, schnapp mir ein kaltes Helles und schlürfe zurück zur Couch.
Die Gedanken, scheinbar nur vom Kopf zur Couch geschoben, treffen sie zeitgleich mit mir ein und ich denke sie weiter, noch bevor das *klok* des sich lösenden Bierdeckels ertönt. Struktur, fester Halt, eine Frau, weniger Hirnscheiße und helfersyndromisierten Heldenmut. Das ist, was ich brauche. Weniger Bier, mehr O'Saft. Weniger Tabak, mehr Sport. Weniger Arbeit, mehr Freizeit. Weniger Studium, mehr Spaß. Weniger Geldnot, mehr Wohlstand. Gelangweilt von meinem eigenen mentalen Gelaber, drücke ich den Knopf nach unten, welcher den Flatscreen hochfährt.
Jetzt beginnt mein Leben. Ich werfe den Wahrnehmungsanker, schalte auf Viva und fühle mich aufgehoben, verstanden und gehalten. Family Guy.
Nach diesen aufbauenden fünfundzwanzig Minuten, fühle ich mich stark motiviert und organisiere mir, am Kasten vor der Tür, ein Edelstoff, aus dem Hause Augustiner. Der Weg zurück, führt mich direkt an den Rechner, vor welchem ich verweile, bis mir nur noch 3 Stunden Schlaf bleiben, bevor die nächsten zwölf Stunden Arbeit ihre Arme nach mir ausstrecken. Vorsichtig halte ich der fehlenden Zeit meinen kleinen Finger hin, als es mir mit voller Wucht den Arm aus dem Rumpf reißt. Das Blut fließt. Rinnt von mir. Ein Leben, wie es schreit.






Kommentare
Lehrjahre sind keine Herrenjahre oder sowas in der Art. Ich denke ziemlich jeder macht mal Phasen durch, wo man einfach nur auf dem Zahnfleisch geht.
29.02.2012, 13:30 von TaneaFinde die Stimmung haste ganz gut eingefangen. Aber ein Dauerzustand sollte es wirklich nicht werden.
Da sprichst du wahre Worte!
29.02.2012, 20:21 von rubs_n_rollschön Art zu schreiben.
26.02.2012, 14:36 von Ella3Sehr geil! mag ich!
24.02.2012, 11:25 von Red-she-devilKlingt nach Henry Chinaskis reichem Bruder aus Deutschland.
19.02.2012, 18:26 von TilmannKleyeich mag, wie du schreibst. hab ich gern gelesen.
19.02.2012, 17:53 von AnsoticaAls ich wieder erwache von des Telefons
19.02.2012, 16:29 von Surecampnervigen geheule,
Boah, ALTER!!!
schmeiße den Bußgeldbescheid in Richtung Schreibtisch, welchen er verfehlt und
auf dem Boden landet, bei den anderen noch nicht beglichenen, verworfenen
Schuldscheinen.
Mach doch einfach mehr Sätze, um sowas zu beschreiben, das halt eh keinen interessiert.
Weniger Bier, mehr Osaft.
Wenn man Geschichten schreiben will, sollte man sich nicht zu schade sein, um Orangen auszuschreiben,
Weniger Studium, mehr Spaß. Weniger Geldnot, mehr Wohlstand.
Du studierst doch, um später einen Beruf auszuüben, der dir Kohle bringt, oder???! Entdecke den Sinn in diesen zwei Aussagen, da oben!
Gelangweilt
von meinem eigenen mentalen Gelaber,
Da sind wir schon zwei, lass mal einen Club gründen!
Danke für deine Kritik. Den Ton bin ich ja mittlerweile gewohnt.
19.02.2012, 17:13 von rubs_n_rollVersuche mich kurz zu halten.
- stimmt, keine schöne Formulierung.
- ist etwas lang, aber ich schachtel halt gern.
- Kann man, muss man aber nicht. Habs dennoch "korrigiert".
- Es sind Wünsche/Hoffnungen/Vorsätze der Person im Text. Das eine schließt das andere nicht aus.
- anstatt nen Club zu gründen, geh lieber mal zum Yoga oder so. Du wirkst immer so angespannt.
Statt reicht vollkommen.
19.02.2012, 17:17 von SurecampDieses "AN" vom "Anstatt" ist überflüssig...
Die einen sind die Stützen. Die anderen werden gefangen. Wieder andere schieben Lebenslenz und heulen, wenn der Fingernagel abbricht. Und dann..dann gibt es die den Standstreifen zur 4. Spur machen.
18.02.2012, 22:35 von KokomikoGateway
Du kommst am besten, wenn Du ruppig wirst.
Hört sich nach alt bekanntem, nicht gutem an.
18.02.2012, 00:28 von SommerscheinHmmm.
17.02.2012, 23:31 von nyx_nyxEin Zwiespalt? =)
18.02.2012, 18:40 von rubs_n_rollJa, schon ein wenig.
19.02.2012, 00:51 von nyx_nyxDie Dynamik zum Ende hin gefällt mir. Und der Titel! Eine Frage bleibt:
17.02.2012, 21:51 von justanotherpicture"das *klok*
des sich lösenden Bierdeckels"
Meinst du statt des Bierdeckels nicht eher "Kronkorken"?
Die Frage hat mir mo_chroi auch schon gestellt! =)
18.02.2012, 18:39 von rubs_n_rollAber um ehrlich zu sein meinte ich den Bierdeckel. Ich werd heut Abend nochmal genau hinhören - und es gegebenenfalls korrigieren. ;)
Meinst du, wenn beim aufnehmen der Flaschen so ein Bierdeckel an der versifften Flasche kleben bleibt und dann auf die Tischplatte fällt *klok*?
29.02.2012, 13:27 von Tanea