derHalbstarke 20.02.2013, 11:54 Uhr 75 79

Die Welt um unsere Lippen

Du küsst mich, ich küss dich. Und dann dieser Stein.

Ist ein schöner Abend gewesen, weißt du noch? Erst waren wir ein bisschen shoppen und danach hatten wir uns in dem kleinen, gemütlichen spanischen Lokal bei uns im Viertel mal wieder so’n richtig leckeres Essen gegönnt. Da gehen wir zwei gerne hin. Es ist so schön ruhig dort. Genau richtig, wenn wir bei einem guten Wein über alles Mögliche plaudern wollen. An dem Abend haben wir besonders viel geplappert und noch mehr gelacht. Wir zwei sind nun schon seit mehr als zehn Jahren zusammen und es ist immer noch spannend und kribbelnd zwischen uns und wie oft wir uns in den vergangenen Jahren immer wieder ineinander verknallt haben, kann ich gar nicht mehr zählen. Ich mag’s, wie du erzählst, wie du mich anschaust und wie du meine Hand berührst, wenn wir uns angeregt unterhalten, so, wie an diesem Abend beim Spanier.

Immer nur so ganz leicht angedeutet, für andere kaum zu bemerken und dabei läuft mir jedes Mal ein wohliger Schauer über den Rücken. Wer genauer hinschaut, sieht, dass wir zwei zusammen sind, sieht, dass da ganz viel Liebe zwischen uns ist. Damit haben wir auch kein Problem, wir verstecken uns nicht und verhalten uns völlig normal. So, wie jedes andere Paar, das sich liebt. Aber, wir sind auch nicht die Art Typen, die ihre Liebe, ihr Zusammensein öffentlich zur Schau stellen. Das finden wir beide blöd, allein schon, weil es nur uns etwas angeht, was wir füreinander empfinden, wie wir zueinander stehen. Mit solchen Dingen wie „Händchen“ halten könnten wir nicht besonders viel anfangen, selbst wenn einer von uns beiden eine Frau wäre.

Trotzdem, manchmal passiert es doch, dass einer den anderen aus einer Laune, aus einem Gefühl heraus kurz zärtlich streichelt oder küsst. So, wie es bei jedem anderen Paar auch schon mal vorkommt und so, wie an diesem Abend. Schön ist er gewesen, dieser Abend beim Spanier. Ein bisschen beschwipst, schlenderten wir zwei immer noch verplaudert heimwärts und ich musste dich kurz mal liebevoll in die Seite knuffen, weil du so lecker ausgesehen hast. Frech angegrinst hast du mich, hast spontan deine Arme um mich geschlungen, mir nen dicken Schmatzer auf den Mund verpasst, an diesem Abend und bevor du blutend zusammengesackt bist. In meinen Armen. Wir hatten die Typen hinter uns nicht gesehen, nicht bemerkt, dass sie uns die ganze Zeit hinterher geschlichen sind. Es mögen drei oder vier gewesen sein, ich weiß es nicht mehr, nur, dass mich der nächste Stein an der Stirn traf und ich von dem Schlag glaubte, ohnmächtig zu werden.

Ich weiß auch nicht mehr so genau, wie wir es trotz der Schmerzen und trotz des Blutes, das mir zäh und brennend über die Augen lief, geschafft haben, uns gegenseitig wieder hochzuziehen und wegzulaufen. So schnell wir konnten. Die Straße war menschenleer und wir hatten Angst, richtige Panik, dass uns die Typen erwischen und zusammenschlagen würden. Gehetzt haben sie uns, grölend und dreckig lachend. Ich konnte kaum sehen, wohin wir liefen, nur hören, wie ein weiterer Stein deinen Rücken traf und du dieses gurgelnde schreckliche Geräusch von dir gabst und drohtest, wieder hinzufallen. Hab dich weitergezerrt, dich angeschrieen nicht aufzugeben, weiter zu laufen, schneller, schneller. „So fühlt sich das also an, dieses Schwule klatschen“, hab ich gedacht, als ich mich panisch immer wieder nach ihnen umdrehte. Gleich haben sie uns eingeholt und das war’s dann. Wir hörten ihr immer näher kommendes Getrampel und ich konnte die Todesangst in deinem Gesicht sehen. Diese verdammten Schweine.

Und dann war es plötzlich vorbei.

Wir sind um die Ecke und in eine kleine Gruppe von Leuten gerannt, die sich gerade fröhlich voneinander verabschieden und in ihre Autos steigen wollten. Unsere Jäger bremsten ab und verschwanden feige aber immer noch grölend in die entgegengesetzte Richtung. Und dann sind wir beide einfach zusammengesunken, immer noch aneinander festgekrallt und erleichtert, dass wir davon gekommen waren. An diesem Abend.

Erinnerst du dich noch, wie entsetzt die Leute waren und wie sie uns geholfen und ins nächste Krankenhaus gebracht haben? Und wie uns der Beamte später auf dem Polizeirevier so merkwürdig taxierte, so, als ob wir’s selbst schuld sind, als ob wir’s sicher provoziert haben, dass man uns durch die Nacht hetzt und wie billig, wie blöd wir uns unter seinen Blicken fühlten, weil wir so sind, wie wir sind und das für manchen schon Provokation genug ist?. Grund genug, um auf solche wie uns einzuschlagen. Solche, wie wir es sind. Bist dann aufgestanden, mit Stolz und Arroganz in deinem Blick. Hast ihm gesagt, er könne das halbausgefüllte Anzeigenformular wegschmeißen, hast meine Hand genommen, mich aufmunternd angelächelt und dann sind wir nach Hause gegangen.

An diesem Abend.

Es hat sich nichts verändert, seitdem. Nichts zwischen uns, nichts an unserem Verhalten. Sind vielleicht ein wenig vorsichtiger, ein wenig achtsamer geworden, wenn wir abends noch durch unser Viertel schlendern und manchmal sprechen wir über diese Nacht, über diese Typen und darüber, dass wir verdammtes Glück hatten. Ich hab’s gern, dich manchmal liebevoll in die Seite zu knuffen, ich mag’s, wenn du mich frech angrinst und mir spontan einen Kuss gibst, egal wo und wann. Wir mögen beide, was und wie wir sind.

Auch diese Welt um unsere Lippen.


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75 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Dein Text macht mich sehr betroffen und dennoch strotzt er vor Mut, Stärke und Stolz. Auf dass ihr ihn euch niemal nehmen lasst! Beine kann man brechen, Nasen bluten. Aber die Würde bleibt, immer. Ein toller Text, der einfach auf die Startseite gehört!

    23.02.2013, 11:39 von Sultanine
    • 0

      oh, merke gerade dass der Text mich so beeindruckt hat, dass ich Autor und Protagonisten als eine Person sehe, obwohl ich gar net weiß, ob dem so ist.Tja, er klingt einfach so authentisch und packend.

      23.02.2013, 11:46 von Sultanine
    • 1

      Ja, war/ist schon richtig so und dankeschön! ^^

      23.02.2013, 15:32 von derHalbstarke
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  • 0

    Gut in meiner Heimatstadt vorstellbar. Gut, das es mich noch nicht traf. Unglaublich schön beschrieben! 

    22.02.2013, 17:45 von _Cookie7
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  • 2

    bei sowas treibt mir die wut echt die tränen in die augen. krass beschrieben. guter text! weiter so! :)

    21.02.2013, 11:56 von vespa86
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  • 0

    Wie du die Beziehung der beiden beschreibst finde ich schön :) Alles andere hätte ich nicht lesen dürfen, ich kann gar nicht in Worte fassen wie abscheulich ich dieses gewalttätige Verhalten finde. 

    Ein Herz und ein aufmunterndes zwinkern: ;)

    21.02.2013, 11:45 von MakiNo
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  • 8

    Homophobes Verhalten ist mir gänzlich fremd. Wenn ich ein schwules/lesbisches Paar sehe, sehe ich Liebende und keinerlei Andersartigkeit.


    Dein Text nimmt mich mit.

    21.02.2013, 07:31 von lalina
    • 1

      Du meinst das nicht ernst, oder?

      21.02.2013, 07:44 von quatzat
    • 0

      Was jetzt genau? Hab ich mir selbst irgendwie widersprochen?

      21.02.2013, 07:46 von lalina
    • 0

      Nein.

      Ich dache nur...

      ...sowas muss Persiflage sein.

      21.02.2013, 07:49 von quatzat
    • 3

      Morgens vor 8 zu pöbeln ist schlecht für den Teint, werter quatzat, besonders, wenn das Pöbeln so gar nicht originell ist. ^^

      21.02.2013, 09:43 von derHalbstarke
    • 1

      Ich passe mich den Kommentaren und dem Wiedereinstellen von alten Texten zum Herzchenfang und Selbswertverlustkompensation an.

      21.02.2013, 09:46 von quatzat
    • 0

      Ochgottchen, ich sagte ja bereits, originell ist anders.

      21.02.2013, 09:48 von derHalbstarke
    • 0

      q.e.d.

      21.02.2013, 09:49 von quatzat
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    • 1

      Jetzt hab ich ihn geherzt, du Vollidiot.

      21.02.2013, 21:25 von quatzat
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    • 1

      Nein. Stell dir vor: es gibt ein Neon ohne Zweitaccounts.

      Ich weiß.

      Verstehst du nicht.

      Und nun machn Mund zu, es hängt FUD raus.

      (Kommentar ist wieder entherzt).

      21.02.2013, 22:05 von quatzat
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    • 2

      Ich unterstütze weiterhin den Vorschlag, Herzen nicht zu anonymisieren. Das da oben stammt von mir.

      Babyrobben sind lieb.

      21.02.2013, 23:17 von Fieseise
    • 1

      Karl, du bist und bleibst die größte Handlampe im neonland.

      22.02.2013, 08:12 von derWaschbaer
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  • 7

    “We live in a world where we have to hide to make love, while violence is practiced in broad daylight.”

    John Lennon

    20.02.2013, 23:56 von Henry.Kafur
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  • 3

    Ich habe mal gelesen, dass Männer, die sich eigentlich selbst ein wenig zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen, das aber nicht wahrhaben wollen, eher diese Feindlichkeit äussern, als wirkliche Hetero's, die damit nämlich nie ein Problem haben. Ob das ein Klischee ist?

    20.02.2013, 22:10 von See_Emm_Why_Kay
    • 1

      Das ist exakt der Punkt. Ob das ein Klischee ist? Eher Tatsache, seltsamerweise. Gut von dir erkannt bzw. nach dem Lesen behalten. ;-)

      20.02.2013, 23:43 von derHalbstarke
    • 0

      Ob es seltsam ist, weiß ich nicht. Traurig ist es auf jeden Fall.
      Denke auch das es sehr oft Tatsache ist.

      28.02.2013, 10:24 von halbkindmf
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  • 2

    zum AUSRASTEN sowas. das macht mich so UNGLAUBLICH WÜTEND!!!
    das ist tatsächlich eines der wenigen dinge die ich absolut nicht nachvollziehen kann. gewalt aus freude. ich versteh's nicht. geht mir nicht in den kopf. ich hab mir schon so oft vorgestellt, was leuten in diesen augenblicken (angenommen sie laufen wie oben genannt, irgendwem hinterher) denken. kurzschlussreaktionen, mal einen auf die fresse geben, gut. kann passieren. aber bewusst quälen? das da nicht ein fünkchen zweifel aufkeimt.

    20.02.2013, 22:05 von Mehrsein
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  • 0

    Jein, einerseits schön plastisch beschrieben, wie die persönliche Geschichte ablief, andererseits kommt immer mal wieder der moralinsaure PC-Einschlag durch, was mich in dieser Mischung einfach nicht anspricht.

    20.02.2013, 20:44 von EliasRafael
    • 0

      Moralinsaurer PC-Einschlag? Coole Kreation...


      ...den Text hast du andernorts aber mal ganz anders, aber naja, andernorts ist anders. ;-)

      20.02.2013, 20:51 von derHalbstarke
    • 1

      naja, er gefällt mir ja grundsätzlich, wie stark dieser Einschlag bei mir ankommt, ist wahrscheinlich stimmungsabhängig, vielleicht ärger ich mich ja nur, dass ich nicht unter Minderheitenschutz falle ;-)

      20.02.2013, 20:55 von EliasRafael
    • 0

      ;-)))

      20.02.2013, 20:58 von derHalbstarke
    • 0

      :D armes kleines hasi..

      20.02.2013, 21:36 von nnoaa
    • 0

      "Für eine Minderheit müssten sie mindestens zu zweit sein"

      20.02.2013, 21:40 von EliasRafael
    • 0

      sagt dein psychodoc?
      ich mach gerne mit, übrigens.

      20.02.2013, 21:44 von nnoaa
    • 0

      Äh, sag lieber nicht genau, womit!

      20.02.2013, 21:45 von EliasRafael
    • 0

      bei allem!

      20.02.2013, 21:47 von nnoaa
    • 1

      yay :-o

      20.02.2013, 21:48 von EliasRafael
    • 0

      Ich bin gar nicht sei psychodic.

      20.02.2013, 22:23 von quatzat
    • 0

      Dick, bist du's?

      20.02.2013, 22:26 von EliasRafael
    • 0

      Trace di!

      20.02.2013, 22:28 von quatzat
    • 0

      Ich kenn nur Tragedy

      20.02.2013, 22:33 von EliasRafael
    • 0

      Jaja, die ziehst du hinter dir her.

      20.02.2013, 22:35 von quatzat
    • 0

      Das ist die Last der Erbsünde, Eva.

      20.02.2013, 22:38 von EliasRafael
    • 0

      Bist jan Fuchs, nech.

      20.02.2013, 22:38 von quatzat
    • 0

      Öhm, öh, Fuchs.

      20.02.2013, 22:38 von quatzat
    • 0

      Hm, du hast so'n Urzeitfetisch...interessant!

      20.02.2013, 22:41 von EliasRafael
    • 0

      Urzeitfisch?

      Mahlzeit!

      20.02.2013, 22:55 von quatzat
    • 0

      BRAINSK

      20.02.2013, 22:58 von EliasRafael
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  • Platzverweis

    Um den perfekten Kinositzplatz wird gestritten, seit es das Kino gibt. Das ist jetzt vorbei. Die Tipps aus dem August-Heft nun auch im Blog.

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